Finanzmarktkolumne Fünf Gründe für plötzliche Beben an der Börse

Nach Worten von EZB-Chef Mario Draghi brach am Donnerstag der Dax schlagartig ein. Auch Apple erwischte zu Beginn der Woche ein Flash-Crash. Wie kann das geschehen?
Von Arne Gottschalck
Aktienhändler in New York: Am Montag brach schlagartig der Kurs des Apple-Papiers ein

Aktienhändler in New York: Am Montag brach schlagartig der Kurs des Apple-Papiers ein

Foto: STEPHEN CHERNIN/ AFP

Hamburg - Mario Draghi setzte seine Worte wie immer wohl. Er sprach unter anderem von künftigen Kaufprogrammen zur Konjunkturstützung. Damit sorgte der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB) für einen Begeisterungssturm an der Börse, der Dax  legte kräftig zu und kletterte über 10.000 Punkte - um dann plötzlich rapide an Wert zu verlieren.

Vor wenigen Tagen durchlebten Apple-Aktionäre das gleiche. Einen kleinen Flash-Crash, von dem die Kurse sich schnell wieder erholten. Was treibt die Börse zu so einem Veitstanz, solchen Zuckungen?

Der banalste Grund ist der Schreck. Eine Nachricht "schreckt" die Investoren auf und sorgt für Verkaufsorder. Auch im Fall Draghi taugt der Schreck in den Augen vieler Experten als Erklärung. Zum Beispiel sagt Carsten Brzeski, Chefvolkswirt der Bank ING Diba: "Draghi war wie der Weihnachtsmann mit einem vollen Sack, der aber keine Geschenke verteilt." Und Stefan Schilbe von HSBC Trinkaus findet: "Einige Investoren hatten auf konkretere Aussagen zu Staatsanleihenkäufen gehofft. Da Draghi diese aber nicht geäußert hat, kehrte schnell Ernüchterung ein." Einer hat sich erschreckt und viele angesteckt, so will es die menschliche Psyche.

Das ist eine Erklärung. Eine andere lautet schlicht: "Ziel erreicht". Gerade vor Weihnachten neigen Börsianer dazu, Gewinne mitzunehmen. Sie verkaufen also Aktien oder Indizes, die bereits gut gelaufen sind. Etwas Besseres als ein Dax, der 10.000 Zähler überspringt, kann ihnen da gar nicht geschehen - genau das Richtige für den ausgedehnten Weihnachtsbummel. Der Grund für einen Flash-Crash kann aber noch an anderer Stelle liegen. Nämlich nicht in den Händen eines Investors, sondern in denen von Kollege Computer.

Der ist aus der Finanzindustrie nicht mehr wegzudenken. Einfach, weil Computer in der Lage sind, gewaltige Datenmengen binnen kürzester Zeit zu bündeln und auszuwerten. Kein Wunder also, wenn sie auch dazu genutzt werden, Kursziele festzuhalten. Wird dieses Kursziel erreicht, wird verkauft - die Aktie oder der Index.

Einen Schritt weiter gehen die populären CPPI-Programme. Der Computer überwacht dabei nicht nur die Entwicklung der einzelnen Werte, sondern die des gesamten Portfolios. CPPI steht für Constant Proportion Portfolio Insurance und ist nichts anderes als ein Absicherungsprogramm. Droht das Risiko eines Portfolios zu steigen, verkauft der Computer die riskanteren Papiere - in aller Regel Aktien - und senkt damit das Gesamtrisiko.

Schlagen viele solcher Programme gleichzeitig zu, führt das zu Kursrutschen, die sich oftmals noch selbst verstärken - weil weitere Programme Verkäufe auslösen.

Die Angst vor den Hochgeschwindigkeitshändlern

Manchmal agiert der Computer aber nicht nur zu Sicherungszwecken, sondern um Gewinne zu erzielen. Quantitative Modelle untersuchen den Markt auf Kursbewegungen, auf Auffälligkeiten, auf Signale. Treten diese Signale auf, dann handeln sie, kaufen oder verkaufen Wertpapiere.

Ein einzelner Händler, der so eine Methode nutzt ist kein Problem für den Markt. Doch wenn viele so handeln, kann es zum Problem werden. Genau das soll Apple  am Montag zum Verhängnis geworden sein. Das zumindest vermutet Michael Block, Chief Equity Strategist bei Rhino Trading Partners. So mancher hätte seine Aktien offenbar beim Kurs von 117 Dollar automatisch verkauft. "Wenn so etwas Fahrt aufnimmt, setzt das weitere automatische Verkäufe in Gang, und das alarmiert wiederum weitere Händler. Das verursacht großen Schaden", schrieb Block laut Nachrichtenagentur Bloomberg in einer E-Mail.

Zumal es noch nicht einmal das Ende der Entwicklung markiert. Denn inzwischen sind die Computer so hochgerüstet, dass sie extrem schnell handeln können, im Bruchteil einer Sekunde. Und liegt zwischen An- und Verkauf nur wenig Zeit, steigert das, so die Bedenken von Expertem, die Nervosität der Märkte. Hochfrequenzhändler sind deswegen die neuen bösen Buben der Börse, spätestens seit Veröffentlichung des Bestsellers "Flash Boys" von Michael Lewis.

Und dann gibt es natürlich noch die menschlichste aller Ursachen. Der Begriff "fette Finger" oder "fat finger" steht für das simple Vertippen. Eigentlich sollte es nicht passieren, immerhin sollen zum Beispiel in Fondsmanagementhäusern immer mehrere Personen auf so eine Order schauen - doch es kommt immer wieder vor.

Das kann sogar das Gegenteil eines Kursrutsches auslösen. Beispiel? Die Aktie der Bank HSBC  schoss Anfang des Jahres um 10 Prozent in die Höhe - ein Händler hatte offenbar 2,5 Millionen Aktien geordert - statt Aktien im Wert von 2,5 Millionen Dollar, berichtet "The Guardian". 

In aller Regel gibt es also nicht nur eine Ursache, sondern eine Verkettung von Ursachen. Einfrieden kann der Staat diese Entwicklung nicht wirklich. Zwar haben viele Börsen inzwischen eine Art Volatilitäts-Sicherung eingebaut. Steigen die Schwankungen der Aktien zu stark, wird deren Handel für einige Minuten ausgesetzt.

Zudem ist der Hochgeschwindigkeitshandel auf der internationalen schwarzen Liste gelandet. Es bleiben aber dennoch mehr als genug Auslöser für die gefürchteten Flash-Crashs.

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