Börse Dax vor EZB-Sitzung im Rückwärtsgang

Dax und Dow schwächeln. Die Sorge vor einer konjunkturellen Abkühlung und Furcht vor der EZB-Zinsentscheidung hält Anleger ab. Für Aufsehen sorgt eine Offerte des deutschen LkW-Zulieferers SAF Holland für den Bremsenhersteller Haldex. Die Aktie schießt nach oben.
Aktienhändlerin an der Frankfurter Börse: Große Sprünge des Dax erwarten Börsianer am Mittwoch vor der EZB-Entscheidung nicht

Aktienhändlerin an der Frankfurter Börse: Große Sprünge des Dax erwarten Börsianer am Mittwoch vor der EZB-Entscheidung nicht

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Arne Dedert / dpa

Der Dax hat am Tag vor dem Zinsentscheid der Europäischen Zentralbank (EZB) seine Vortagesverluste ausgeweitet. Der Leitindex, der zwischenzeitlich auf den niedrigsten Stand seit Anfang Juni gesunken war, beendete den Handel am Mittwoch mit minus 0,76 Prozent auf 14.446 Punkte. Der MDax der mittelgroßen Börsentitel verlor 0,70 Prozent auf 30.179 Zähler und der Eurozonen-Leitindex EuroStoxx 50 sank um 0,47 Prozent auf 3789 Punkte.

Anleger gingen vor wichtigen Ereignissen in den kommenden Tagen in die Defensive. Am Donnerstag erwarten Marktteilnehmer, dass die EZB einen Pfad zu baldigen Zinserhöhungen aufzeigt. Am Freitag folgen die Verbraucherpreise aus den USA.

Den Spielraum, den die EZB in Abwägung von Inflations- und Konjunkturrisiken hat, untermauerten am Mittwoch robuste Wirtschaftsdaten. So fiel das Wachstum in der Eurozone im ersten Quartal doppelt so stark aus als zunächst gedacht. Getrübt wurde das Bild hingegen von einer von der OECD deutlich nach unten korrigierten Prognose für das Weltwirtschaftswachstum wegen des Krieges in der Ukraine.

Einen Tag vor der Ratssitzung der Europäischen Zentralbank (EZB) steigt die Anspannung an den Börsen. "Wir erwarten von der EZB einen klaren Fahrplan für die nächsten Monate", sagte Jens Franck, Chef-Portfoliomanager des Vermögensverwalters NordIX. "Jedoch gehen wir davon aus, dass die EZB nichts überstürzen wird." Wahrscheinlich sei daher, dass die Notenbank für Juli eine Zinserhöhung um 25 Basispunkte signalisieren werde.

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"Solange nicht mehr Klarheit von Seiten der Notenbank herrscht, fällt es den Börsianern schwer, langfristige Positionen einzugehen", sagte Portfolio-Manager Thomas Altmann vom Vermögensverwalter QC Partners. Die steigende Inflation in der Euro-Zone erhöht den Handlungsdruck auf den Rat um EZB-Chefin Christine Lagarde. Börsianer gehen mittlerweile davon aus, dass die Zinsen bis September um 75 Basispunkte angehoben werden. "Darüber hinaus wird aber auch viel von Sprache und Tonlage von EZB-Präsidentin Lagarde abhängen", sagte Altmann. Marktteilnehmer fürchten eine zu hastige Zinswende, die eine weitere Abschwächung der Konjunktur nach sich ziehen könnte.

Für wenig Begeisterung sorgten auch die Zahlen zur deutschen Industrieproduktion. Die Erholung im April war schwächer ausgefallen als erwartet. Bau und Energieversorger stellten zusammen 0,7 Prozent mehr her als im Vormonat. Die beträchtlichen Lieferengpässe bei Vorprodukten bremsten nach wie vor, kommentierten die Analysten der Commerzbank. "Daran dürfte sich so schnell auch nichts ändern."

Anleger trennten sich im Vorfeld der Zinsentscheidung von Staatsanleihen, was die Renditen nach oben trieb. Die zehnjährigen Bundesanleihen rentierten bei 1,331 Prozent nach 1,287 Prozent am Dienstag. Die Rendite der zehnjährigen US-Treasuries lag bei 3,012 Prozent.

Haldex-Aktie springt in die Höhe

Unter den Einzelwerten am deutschen Aktienmarkt belastete eine negative Erstbewertung der Berenberg Bank die am Ende 9,5 Prozent schwächeren Papiere von Telefonica Deutschland. Telekom-Werte waren allgemein schwach: Die Titel von Deutsche Telekom sanken im Dax um 2,5 Prozent. Schlechter schnitten im Leitindex nur noch die Anteile von Deutsche Post mit minus 3,7 Prozent ab.

Im SDax verloren die Papiere von SAF-Holland 5,6 Prozent. Der Zulieferer für die Nutzfahrzeugindustrie bietet 66 Kronen je Aktie für den schwedischen Bremsenhersteller Haldex, dessen Papiere in Stockholm um fast 45 Prozent in die Höhe sprangen. Börsianer zeigten sich überrascht von diesem Schritt. Analyst Jorge Gonzalez Sadornil von der Privatbank Hauck Aufhäuser befürchtet eine merklich erhöhte Verschuldung.

Als größter SDax-Gewinner setzten die SGL-Papiere ihre Rally mit einem weiteren Kurssprung von 9,1 Prozent fort. Infolge eines optimistischeren Ausblicks, der am Vortag den Kurs des Kohlefaserspezialisten bereits beflügelt hatte, sieht das Analysehaus Stifel nun mit einem Kursziel von elf Euro noch viel Potenzial.

Auf und Ab an der US-Börse geht weiter

Die US-Börsen schwächeln am Mittwoch. Nach Kursgewinnen in dieser Woche setzt sich damit das jüngste Auf und Ab an der Wall Street fort. Die Sorge vor einer konjunkturellen Abkühlung treibt Anleger um – gepaart mit der Furcht, dass die Notenbanken im Kampf gegen die hohe Teuerung die Zinsen zu stark erhöhen könnten.

Der Broker IG taxierte den Leitindex Dow Jones Industrial zum Handelsauftakt zur Wochenmitte mit knapp einem halben Prozent im Minus bei 33.020 Zählern. Mit ähnlichen Abschlägen lag der technologiewertelastige Nasdaq 100.

Die Europäische Zentralbank (EZB) dürfte an diesem Donnerstag die Zinswende für Juli in der Eurozone einläuten und zugleich das Ende ihrer Wertpapierkäufe beschließt. Die nächste Zinsentscheidung der Fed folgt in der kommenden Woche. Die US-Notenbank hat im Kampf gegen die Inflation die Zinsen bereits deutlich erhöht und dabei den Kurs zuletzt noch verschärft. Frische Inflationsdaten aus den USA werden am Freitag veröffentlicht.

Die Nervosität an den Märkten ist hoch – und die Kursschwankungen ebenso. So hatte sich am Vortag an der Wall Street noch nach anfänglichen Verlusten eine freundlichere Stimmung durchgesetzt, womit die wichtigsten Indizes mit weiteren Gewinnen an die Kurserholung zum Wochenauftakt anknüpfen konnten. Doch die Konjunktursorgen holen die Anleger immer wieder ein. Denn nicht nur die Folgen des Kriegs in der Ukraine und die westlichen Sanktionen bremsen die weltwirtschaftliche Erholung, auch die Corona-Pandemie mit den Lockdowns in China wirkt sich negativ aus: Zuletzt hatten mit der Weltbank und der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) zwei Expertengremien ihre Prognosen für das Wachstum der Weltwirtschaft in diesem Jahr zurückgenommen. Dies sei Wasser auf die Mühlen der pessimistischen Marktteilnehmer, kommentierte Experte Andreas Lipkow von Comdirect.

Nasdaq 100

Bei den Einzelwerten hebt sich Novavax erneut hervor, nachdem ein Beratergremium der US-Arzneimittelbehörde FDA sich für eine Notfallzulassung für den Corona-Impfstoff NVX-COV2373 für Erwachsene ausgesprochen hat. Die Papiere waren in Erwartung dieser Nachricht am Vortag bis zum Schluss vom Handel ausgesetzt worden. Offenbar nahmen Anleger nun bereits vor dem offiziellen Auftakt Gewinne mit, das vorbörsliche Plus reduzierte sich um mehr als die Hälfte auf zuletzt rund acht Prozent. Das Novavax-Vakzin gilt als Alternative zu den mRNA-Impfstoffen von Moderna , Pfizer und Biontech , deren Kurse im Gegenzug unter Druck gerieten.

Einen Blick wert sind auch einige an der Nasdaq notierte chinesische Unternehmen wie etwa Alibaba, Baidu und Co., denn zuvor hatte im Handel in Hongkong die Hoffnung auf einen nachlassenden regulatorischen Würgegriff Pekings für eine Rally bei Technologiewerten gesorgt.

Bitcoin verliert erneut

Der Bitcoin gibt aktuell weiter nach und verliert rund 2,4 Prozent auf rund 30.419 Dollar, wie der Kursanbieter Bitstamp  zeigt. Die weltweit bekannteste Kryptowährung ist seit Jahresbeginn unter Druck. Im November vergangenen Jahres erreichte der Bitcoin ein Rekordhoch von 69.000 US-Dollar.

Bitcoin

Ölpreise steigen leicht

Die Ölpreise sind am Mittwoch leicht gestiegen. Am Morgen kostete ein Barrel (159 Liter) der Nordseesorte Brent 121,13 US-Dollar. Das waren 56 Cent mehr als am Vortag. Der Preis für ein Fass der US-amerikanischen Sorte West Texas Intermediate (WTI) stieg um 67 Cent auf 120,08 Dollar.

In den vergangenen Tagen sind die Erdölpreise im Trend gestiegen. Aktuell liegen sie in der Nähe dreimonatiger Höchststände. Seit Jahresbeginn sind die Preise um mehr als 50 Prozent gestiegen. Hauptgründe sind die Invasion Russlands in der Ukraine und scharfe Sanktionen vornehmlich westlicher Länder. Russland ist einer der größten Rohölförderer der Welt, hat sanktionsbedingt aber Probleme, Abnehmer für sein Öl zu finden.

Unterstützung erhält der Ölmarkt derzeit auch von der weniger angespannten Corona-Lage in großen chinesischen Metropolen. Die rigorose Corona-Politik Chinas, die dem Virus mit scharfen Ausgangssperren begegnet, ist eine hohe Belastung für die chinesische Wirtschaft und den Welthandel. Die Erdölnachfrage leidet ebenfalls darunter.

Mit Nachrichtenagenturen