Kursrutsch an der Börse Dax beendet Berg- und Talfahrt im Plus

An der Börse beginnt das zweite Halbjahr wie das erste endete: mit Verlusten. Der Dax testet im Handelsverlauf ein neues Jahrestief. Dow Jones und Nasdaq setzen am Freitag ihren Kursrutsch fort.
Börsianerin in Frankfurt: Der Kursrutsch hält Anleger im Bann

Börsianerin in Frankfurt: Der Kursrutsch hält Anleger im Bann

Foto: Boris Roessler / dpa

Der Dax  ist mit einer moderaten Berg- und Talfahrt in die zweite Jahreshälfte gestartet. Mit einem kleinen Plus von 0,23 Prozent auf 12.813 Punkte ging er aus dem Handel, bleibt damit aber weiter angezählt. Seine Wochenbilanz beläuft sich auf minus 2,3 Prozent.

"Um mehr als 2000 Punkte ist der Dax allein im Juni gefallen, ein historischer Negativrekord", kommentierte Marktanalyst Jochen Stanzl von CMC Markets. Denn ein derartiges Minus von elf Prozent haben Anleger seit Auflage des deutschen Leitindex 1988 in einem Juni-Monat bisher noch nicht erlebt. Die Halbjahresbilanz war mit einem Verlust von bald 20 Prozent ebenfalls ernüchternd gewesen und die 13 000-Punkte-Marke ist nun wieder zu einer schwer überwindbaren Hürde geworden. Inflations- und Rezessionssorgen samt der Unsicherheiten angesichts des Gasmangels hierzulande haben tiefe Spuren hinterlassen.

Der MDax der mittelgroßen Werte stabilisierte sich am Freitag mit plus 0,05 Prozent auf 25.837 Zähler. Der Eurozonen-Leitindex EuroStoxx 50 verlor 0,19 Prozent auf 3448 Punkte, in Paris gab es moderate Gewinne. Londons Börse schloss nahe am Vortagesschluss. In den USA zeigten sich die Börsen vor einem feiertagsbedingt verlängerten Wochenende zuletzt leicht im Minus.

In der Eurozone kletterte die Inflationsrate erneut auf einen Rekordstand. Die Verbraucherpreise erhöhten sich im Juni um 8,6 Prozent im Jahresvergleich. Volkswirte hatten im Schnitt nur mit einer Rate von 8,5 Prozent gerechnet. "Keine Entspannung in Sachen Teuerung – trotz deutschem Entlastungspaket", kommentierte der Ökonom Thomas Gitzel von der Liechtensteiner VP Bank.

"Die Rezessionssorgen haben die Finanzmärkte fest im Griff. Die hohen Inflationsraten und falkenhafte Kommentare von diversen Notenbankern halten Zinserhöhungserwartungen hoch und damit aber eben auch Konjunktursorgen", hieß es von der Commerzbank.

Die am Vormittag veröffentlichten Inflationsdaten aus der Eurozone schockten kaum mehr, auch wenn ein weiterer Rekordstand erreicht wurde. Die Verbraucherpreise stiegen im Juni um 8,6 Prozent im Jahresvergleich und damit etwas stärker als von Experten erwartet. "Die Rezessionssorgen haben die Finanzmärkte fest im Griff", hieß es von der Commerzbank. Die hohen Inflationsraten und Kommentare von diversen Notenbankern zugunsten einer strengeren Geldpolitik hielten Erwartungen an Leitzinsanhebungen hoch und weckten damit zugleich auch Konjunktursorgen.

Dax verliert knapp 20 Prozent im ersten Halbjahr

Die Bilanz des Dax für das erste Halbjahr ist mit minus 19,5 Prozent sehr schwach. Anfang Januar hatte er noch einmal am Rekordhoch vom November gekratzt. Vom Höchststand aus ging es gar um 21,5 Prozent abwärts, womit er sich wie der marktbreite US-Index S&P 500 im Bärenmarkt befindet. "Das erste Halbjahr war für den Dax das schwächste seit 2008, und einen schwächeren Juni gab es überhaupt noch nicht", sagte ein Börsianer. Die Wall Street hatte am Donnerstag ebenfalls ein historisch schwaches erstes Halbjahr beendet.

"Die Rezessionssorgen haben die Finanzmärkte fest im Griff. Die hohen Inflationsraten und falkenhafte Kommentare von diversen Notenbankern halten Zinserhöhungserwartungen hoch und damit aber eben auch Konjunktursorgen", hieß es am Morgen von der Commerzbank.

In der Eurozone kletterte die Inflationsrate auf einen Rekordstand. Die Verbraucherpreise erhöhten sich im Juni um 8,6 Prozent im Jahresvergleich. Volkswirte hatten im Schnitt mit 8,5 Prozent gerechnet.

Siemens schreibt Milliarden auf Siemens Energy ab

Bei den Unternehmen stand Siemens im Rampenlicht. Der Mischkonzern muss Milliarden auf seine Energietechnik-Beteiligung Siemens Energy abschreiben, weil deren Kurs in den vergangenen Monaten eingebrochen ist. Damit werde theoretisch die Grundlage für einen beschleunigten Ausstieg von Siemens bei Siemens Energy geschaffen, kommentierte Simon Toennessen von der Investmentbank Jefferies. Siemens werde aber sicher erst die Komplettübernahme von Siemens Gamesa durch Siemens Energy abwarten. Die Aktien von Siemens fielen zunächst auf ein Zwei-Jahres-Tief von 95,01 Euro und stiegen anschließend um 0,2 Prozent auf 97,28 Euro. Siemens Energy drehten ebenfalls ins Plus und gewannen 1,4 Prozent.

Online- und Luftfahrtwerte führten den Dax an. Zalando und Hellofresh gewannen 6,7 beziehungsweise 4,3 Prozent, MTU und Airbus 3,8 respektive 3,2 Prozent.

Versorger erholten sich von ihrem Kursdebakel am Vortag, als Uniper die Branche mit einem Hilferuf an den Bund und einer kassierten Ergebnisprognose nach unten gezogen hatte. Uniper gewannen nun rund sieben Prozent. RWE und Eon legten um bis zu viereinhalb Prozent zu.

Tech-Werte bleiben unter Druck

Die Schwäche im Technologiesektor setzte sich derweil fort. Im Dax zeigte sich dies bei den Titeln von Infineon mit einem Abschlag von fast drei Prozent und im MDax bei Aixtron mit einem Minus von rund sechs Prozent. Ein trüber Ausblick des US-Konzerns Micron belastete Halbleiterwerte.

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US-Börsen geben weiter nach

Die US-Börsen haben zum Ende einer sehr schwachen Woche am Freitag erst einmal weiter nachgegeben. Fast eine Stunde nach Handelsbeginn sank der Leitindex Dow Jones Industrial um 0,50 Prozent auf 30 623,09 Punkte, womit er auf ein Wochenminus von 2,8 Prozent zusteuert. Für den marktbreiten S&P 500 ging es um 0,35 Prozent auf 3771,96 Zähler nach unten. Der technologielastige Nasdaq 100 verlor 0,36 Prozent auf 11 462,73 Punkte – auf Wochensicht zeichnet sich ein Verlust von 5,3 Prozent ab.

Am Vortag hatten sich die drei Börsenbarometer mit historisch hohen Kursabschlägen für das erste Halbjahr aus dem Handel verabschiedet. Die Lust auf Aktien ist vielen Investoren weltweit angesichts steigender Zinsen und den Sorgen um eine womöglich drohende Rezession vergangen.

Tiefrot, mit bis zu 30 Prozent Abschlag fiel die Bilanz an den US-Börsen für die am Vortag beendeten erste Jahreshälfte aus – die Kurseinbußen an der Wall Street waren so hoch wie seit Jahrzehnten nicht mehr: So waren es etwa für den marktbreiten S&P 500 die schwächsten ersten sechs Monate seit 1970. Im Technologie-Auswahlindex Nasdaq 100 war das Resultat für Januar bis Juni so schlecht wie seit 2002 nicht mehr.

Gleichzeitig regiert an den Märkten die Angst vor einem womöglich zu straffen Kurs der Notenbanken. Die Währungshüter reagieren mit Zinserhöhungen auf die rekordhohe Teuerung – so auch die US-Notenbank Fed. Erst in dieser Woche hatte deren Chef Jerome Powell erneut die Verpflichtung der Währungshüter unterstrichen, die Geldpolitik weiter zu straffen, um die Inflation in den Griff zu bekommen. Daten aus der Eurozone zeigten am Freitag, dass auch dort die rekordhohe Teuerung weiter ihren Lauf nimmt.

Asiens Märkte unter Druck

Im Sog der erneuten Kursverluste an der Wall Street rutschen die asiatischen Aktienmärkte ebenfalls ins Minus. Der japanische Nikkei-Index fiel am Freitag um 1,8 Prozent auf 25.926 Punkte und die Börse Shanghai trotz ermutigender chinesischer Konjunkturdaten um 0,5 Prozent auf 3381 Zähler. Der südkoreanische Leitindex gab zeitweise 1,8 Prozent nach und notierte mit 2291,49 Stellen so niedrig wie zuletzt vor eineinhalb Jahren.

"Anleger sind besorgt wegen des Ausblicks für die US-Wirtschaft", sagte Shoichi Arisawa, leitender Analyst beim Brokerhaus IwaiCosmo. Viele Börsianer befürchten, dass die drastischen Zinserhöhungen der Notenbank Fed die weltgrößte Volkswirtschaft in eine Rezession stürzen.

In China bremste der überraschend starke Anstieg des Barometers für die Stimmung der Einkaufsmanager aus der Industrie den Kursverfall. Es kletterte auf 51,7 Punkte und lag damit wieder über der Schwelle, die Wachstum signalisiert. Zudem stellt die Regierung umgerechnet 43 Milliarden Euro bereit, um die Finanzierung wichtiger Projekte zu sichern. "Das ist eine weitere positive Nachricht", schrieben die Analysten der Investmentbank Nomura. "Peking wird dennoch sehr wahrscheinlich sein Wachstumsziel von 'etwa 5,5 Prozent' verfehlen."

Bitcoin unter 20.000 Dollar

Investoren werfen Bitcoin auf der Suche nach sicheren Anlagehäfen aus den Depots. Die Cyberdevise verbilligt sich um 4,4 Prozent auf ein Elf-Tages-Tief von 19.377 Dollar. "Die Furcht vor raschen Zinserhöhungen im Kampf gegen die galoppierende Inflation und die damit im Zusammenhang stehenden Rezessionsängste bleiben die bestimmende Thematik am Markt", sagte Analyst Timo Emden von Emden Research. Dazu gesellten sich die Sorgen rund um den Krypto-Verleiher Celsius Network. "Sollte sich die Talfahrt beschleunigen, droht ein Rutsch bis auf 14.000 Dollar."

Bitcoin

Ölpreise geben nach

Die Ölpreise haben am Freitag im frühen Handel nachgegeben. Am Morgen kostete ein Barrel (159 Liter) der Nordseesorte Brent 108,29 Dollar. Das waren 74 Cent weniger als am Vortag. Der Preis für ein Fass der US-Sorte WTI fiel um 1,01 Dollar auf 104,75 Dollar.

Auf den Finanzmärkten überwiegt die Furcht vor einer wirtschaftlichen Talfahrt, wodurch auch die Ölpreise belastet werden. Hintergrund sind Bedenken, die Notenbanken könnten im Kampf gegen die Inflation ihre Zinsen zu stark anheben und damit die Konjunktur abwürgen. Im Mittelpunkt steht die US-Notenbank Fed, die ihren Zins deutlich über den wachstums- und inflationsneutralen Bereich hinaus anheben will.

Mit Nachrichtenagenturen
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