Börse Dax stürzt auf 18-Monats-Tief, Euro fällt auf 20-Jahres-Tief

Die Rezessionsangst drückte den Dax auf ein neues Jahrestief. Der deutsche Leitindex schließt unter 13.000 Punkten. In den USA gehen Dow und S&P 500 auf Talfahrt, der Nasdaq dreht ins Plus. Der Euro fällt zum Dollar auf das niedrigste Niveau seit 20 Jahren und notiert nur noch minimal über der Dollar-Parität.
Nah an der Parität: Der Euro notiert nur noch knapp über 1 Dollar, der Dax setzt seinen Kurssturz fort

Nah an der Parität: Der Euro notiert nur noch knapp über 1 Dollar, der Dax setzt seinen Kurssturz fort

Foto: JOEL SAGET/ AFP

Die Furcht vor einem starken wirtschaftlichen Abschwung hat den deutschen Aktienmarkt am Dienstag auf Talfahrt geschickt. Die wichtigsten Aktienindizes gerieten im Verlauf des Handels immer stärker unter Druck. Der Leitindex Dax  rutschte unter sein Tief von Anfang März und fiel auf den niedrigsten Stand seit November 2020. Zum Handelsschluss belief sich der Verlust auf 2,91 Prozent auf 12.401 Punkte.

Der MDax der mittelgroßen Werte sackte um 3,41 Prozent auf 24.635 Zähler ab. Auf diesem Niveau hatte sich der Index letztmals im Mai 2020 bewegt. Für den Eurozonen-Leitindex EuroStoxx 50  büßte am Dienstag 2,68 Prozent ein.

Im laufenden Börsenjahr summiert sich der Verlust des Dax mittlerweile auf fast 22 Prozent. Anleger befürchten, dass die Leitzinserhöhungen großer Notenbanken im Kampf gegen die hohe Inflation eine Rezession auslösen könnten. Zudem gibt es gerade in Deutschland die Gefahr vollständig ausbleibender Erdgaslieferungen aus Russland. Dies würde sowohl die Inflation weiter nach oben treiben als auch die Konjunktur erheblich belasten.

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Der Fokus an den Finanzmärkten verschiebe sich von Inflations- und Zinssorgen zu Stagnations- und Rezessionsängsten, schrieb Stratege Martin Lück vom Vermögensverwalter Blackrock. Analyst Jim Reid von der Deutschen Bank verwies auf die steigenden Gaspreise und sprach von einem "Energieschock", der zunehmend einer Stagflation Vorschub leiste. Unter Stagflation versteht man eine nicht mehr wachsende Wirtschaft bei gleichzeitigem Preisauftrieb.

Furcht vor dem Gas-Stopp - MTU und BASF unter Druck

Vor allem Aktien konjunktursensibler Unternehmen gerieten stark unter Druck. So büßten die Anteilsscheine des Triebwerkherstellers MTU am Dax-Ende fast acht Prozent ein. Mit Daimler Truck, BASF und Heidelbergcement mussten weitere konjunkturabhängige Titel Federn lassen. Die Aktien der Rüstungskonzerne Rheinmetall und Hensoldt brachen prozentual zweistellig ein. Sie liegen seit Jahresbeginn noch immer deutlich im Plus, weshalb Anleger hier Gewinne einstrichen.

Die Aktien von Uniper sackten nach den Verlusten vom Vortag um weitere fast zehn Prozent ab. Die Hinweise auf einen milliardenschweren Einstieg des Bundes beim angeschlagenen Versorger verdichten sich. Der Konzern ist wegen sinkender Gasflüsse aus Russland in Schieflage geraten.

Eine starke Nachfrage nach nicht verschreibungspflichtigen Medikamenten trieb den Online-Arzneimittelhändler Shop Apotheke derweil kräftig an. Die Anteilsscheine standen mit einem Plus von gut zwölf Prozent unangefochten an der Spitze des Nebenwerteindex SDax. Demgegenüber brachen die Aktien von Eckert & Ziegler am SDax-Ende um rund 16 Prozent ein. Der Strahlen- und Medizintechnikkonzern hatte seine Gewinnprognose für das laufende Jahr gesenkt.

Dow und S&P 500 gehen auf Talfahrt

Die US-Börsen sind nach einem langen Wochenende am Dienstag auf Talfahrt gegangen. Rezessionssorgen beherrschten die Stimmung. Im Handelsverlauf allerdings erholten sich die technologielastigen Nasdaq-Indizes deutlich. Der Nasdaq 100 legte rund zwei Stunden vor dem Handelsschluss sogar um rund ein Prozent zu. Er hatte in der vergangenen Woche allerdings auch deutlich kräftiger eingebüßt als die Standardwerte.

Der Leitindex Dow Jones Industrial gab zuletzt um 1,43 Prozent auf 30.6523 Punkte nach und weitete damit seinen etwas mehr als einprozentigen Verlust aus der vergangenen Woche kräftig aus. Der marktbreite S&P 500 verringerte sein Minus im Handelsverlauf am Dienstag auf zuletzt 0,95 Prozent auf 3789 Zähler.

Am Markt war einerseits eine gewisse Zuversicht spürbar, da die USA und China miteinander sprechen, um womöglich einige der einst unter Donald Trump eingeführten Handelszölle wieder zurückzunehmen. Andererseits aber belasteten Rezessionssorgen, zumal es am Markt hieß, dass auch eine Senkung der Zölle auf Importe chinesischer Waren nur wenig zur Abkühlung der hohen Inflation beitragen könnte.

Die überraschend guten Auftragseingangsdaten der US-Industrie für den Monat Mai fanden zudem relativ wenig Beachtung. Solche Daten seien angesichts herrschender Lieferkettenprobleme und damit aufgestauter Auftragsbestände zweitrangig geworden, hieß es außerdem.

Euro im freien Fall

Dass der Euro im Vergleich zum US-Dollar auf ein Zwanzigjahrestief sackte, trug ebenfalls zur Unruhe am Markt bei. Die Gemeinschaftswährung wird schon seit einiger Zeit von der teils sehr trüben Stimmung an den internationalen Finanzmärkten belastet. Im Gegensatz dazu profitiert der Dollar, da er von vielen Anlegern nicht nur als sichere, sondern aufgrund der Größe des US-Finanzmarkts auch als sehr liquide Anlageform geschätzt wird. Auch das aggressive Tempo der US-Notenbank bei den Zinsanhebungen treibt den Dollar.

Unter den Einzelwerten büßten im Dow UnitedHealth als schwächste Aktie 4,4 Prozent ein. Nike indes stiegen an der Dow-Spitze um 2,0 Prozent. Sie waren allerdings erst am Freitag auf den tiefsten Stand seit rund zwei Jahren gefallen.

Papiere von Corona-Impfstoffherstellern im Aufwind

Die Papiere der Corona-Impfstoffhersteller zeigten sich im Plus – auch wenn es zu Biontech eher negative Nachrichten gab. Das Tübinger Biotech-Unternehmen Curevac reichte in Deutschland eine Klage gegen den Biontech und zwei Tochterunternehmen ein. Das Unternehmen spricht von Patentrechtsverletzung. Es geht um den Impfstoff Comirnaty von Biontech/Pfizer (Deutschland/USA). Curevac stiegen um 1,1 Prozent, Biontech um 0,7 Prozent, während die Aktien des Biontech-Pharmapartners Pfizer um 2,5 Prozent nachgaben. Im Nasdaq 100 legten außerdem die Anteile der Konkurrentin Moderna um 1,9 Prozent zu.

Tesla unter Druck

Bei den Aktienwerten gehörte Tesla mit einem Minus von zwei Prozent zu den Verlierern. Der Elektroautobauer hatte erstmals seit zwei Jahren einen Rückgang des Quartalsabsatzes bekannt gegeben. Er rechne zwar mit einer Erholung der Nachfrage in der zweiten Jahreshälfte, sagte Analyst Garret Nelson vom Research-Haus CFRA. Allerdings schmälerten die neuen Werke nahe Berlin und in Austin, Texas, den Gewinn, da ihre Auslastung bislang gering sei.

Keine klare Richtung in Asien

Die Börsen in Asien haben zu Handelsbeginn am Dienstag unterschiedliche Richtungen eingeschlagen. Positive Wirtschaftsdaten und Hinweise auf nachlassende Spannungen zwischen China und den USA wirkten den jüngsten Ausverkäufen etwas entgegen, obwohl die anhaltenden Sorgen um eine globale Rezession und einer hohen Inflation die meisten Käufer in Schach hielten. US-Finanzministerin Janet Yellen und der chinesische Vize-Ministerpräsident Liu He vereinbarten in einem Telefonat, einen "offen und substanziellen" Dialog fortzusetzen. US-Präsident Biden denkt derzeit zur Eindämmung der hohen Inflation auch über eine Lockerung der US-Zölle gegenüber China nach, die sein Vorgänger Donald Trump erlassen hatte. "Die Marktteilnehmer bewerten immer noch die Auswirkungen des Tauziehens zwischen der anhaltend hohen Inflation und den Anzeichen für eine mögliche Rezession in den USA", sagte Redmond Wong von Saxo Markets.

Bitcoin gibt wieder nach

Die weltweit bekannteste Digitalwährung Bitcoin ist weiter unter Druck. Die Kryptowährung gab innerhalb der vergangenen 24 Stunden um 0,6 Prozent nach und fiel wieder unter die Marke von 20.000 US-Dollar.

Bitcoin

Ölpreise brechen ein

Die Ölpreise sind am Dienstag stark durch zunehmende Rezessionsängste belastet worden. Ein Barrel (159 Liter) der Nordseesorte Brent fiel um mehr als elf US-Dollar bis auf 102,12 Dollar. Das war der tiefste Stand seit Mitte Mai. Der Preis für ein Fass der US-amerikanischen Sorte West Texas Intermediate (WTI) fiel ähnlich stark und sank unter die Marke von 100 Dollar. Im Tief wurden 98,44 Dollar markiert. Zuletzt lag der Brent-Preis bei 103,19 Dollar. Das waren 10,31 Dollar weniger als am Vortag. Ein Fass WTI kostete am Abend 99,31 Dollar und damit 9,12 Dollar weniger als einen Tag zuvor.

In den vergangenen Tagen haben Sorgen um die Entwicklung der Weltkonjunktur die Ölpreise belastet. Die hohe Inflation und die Zinserhöhungen vieler Notenbank dürften die wirtschaftliche Entwicklung dämpfen und so auch die Nachfrage nach Rohöl sinken lassen. Die Erdölpreise sind deshalb in den vergangenen Wochen gefallen - allerdings von hohem Niveau aus. Seit Jahresbeginn sind die Preise um rund 30 Prozent gestiegen. Grund ist vor allem der Krieg Russlands gegen die Ukraine.

Mit Nachrichtenagenturen
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