Kaufrausch an der Börse Dax gewinnt fast 4 Prozent, Kurssprung bei Erneuerbaren

Erholungsrallye an der Börse: Nachlassende Zinssorgen lassen Anleger kräftig zugreifen, der Dax gewinnt zeitweise fast 500 Punkte. Der Kurssprung in den USA sowie ein "Short Squeeze" stützen die Kurse. Vor allem Erneuerbare Energien sind gefragt.
Kursspung: Der Dax gewinnt am Dienstag fast 4 Prozent. Ein so genannter Short Squeeze sorgt zusätzlich für Auftrieb

Kursspung: Der Dax gewinnt am Dienstag fast 4 Prozent. Ein so genannter Short Squeeze sorgt zusätzlich für Auftrieb

Foto: DANIEL ROLAND/ AFP

Kursrallye an den Börsen: Am deutschen Aktienmarkt haben am Dienstag die wichtigsten Kursbarometer mit deutlichen Gewinnen an den bereits schwungvollen Oktober-Beginn angeknüpft. Nach einem tristen November mit herben Kursverlusten gehen Anleger nun davon aus, dass die Notenbank weltweit ihr Tempo bei den Zinserhöhungen drosseln und vorerst nur noch kleinere Zinsschritte folgen lassen werden. Dies sorgt seit Montag für einen deutlichen Aufwärtstrend an den Börsen.

Der deutsche Leitindex Dax  gewann bis zum Handelsschluss auf Xetra (17.30 Uhr) 3,8 Prozent auf 12.670 Zähler hinzu und baute anschließend seine Gewinne weiter aus. Der MDax  zog um 3,7 Prozent auf 23.499 Punkte an. Auch der EuroStoxx 50  zog mit 4,3 Prozent auf 3.483 Zähler stark an.

Damit erwacht der deutsche Aktienmarkt zu neuem Leben, nachdem die Indizes in der Vorwoche noch mehrjährige Tiefs erreicht hatten. So war der Dax in der Vorwoche noch mit 11.862 Punkten auf den tiefsten Stand seit November 2020 gefallen.

Short Squeeze stützt die Kurse

Derzeit gibt die Wall Street das Erholungstempo mit vor. Die US-Indizes waren am Vortag ebenfalls stark in den neuen Börsenmonat gestartet und legten auch am Dienstag deutlich zu. In den USA wie auch in Europa sorgte ein sogenannter "Short Squeeze" für zusätzlichen Auftrieb: Zahlreiche spekulative Anleger und Hedgefonds, die auf weiter fallende Kurse gewettet haben, sehen sich seit Montag steigenden Verlusten gegenüber, da die Börsen wieder steigen. Viele lösen daher ihre Short-Position auf, um entweder bereits entstandene Gewinne mitzunehmen oder im Verlustfall nicht noch mehr Geld zu verlieren. Ein Verkauf einer Short-Position hat zur Folge, dass der Aufwärtstrend am Markt an Stärke gewinnt: Die "Bären" am Markt steigen derzeit wieder aus.

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Die rasant gestiegenen Erzeugerpreise in der EU konnten am Dienstag die Dax-Rallye nicht bremsen: Im August erhöhten sich die Preise, die Hersteller für ihre Waren erhalten, auf Jahressicht um 43,3 Prozent, wie das Statistikamt Eurostat mitteilte. Es ist der mit Abstand stärkste Zuwachs seit Bestehen der Währungsunion. Der bisherige Rekord wurde mit 38 Prozent im Vormonat markiert. Analysten hatten für August im Mittel mit einer Rate von 43,1 Prozent gerechnet.

Energiepreise steigen stark, Kurssprung bei Erneuerbaren Energien

Besonders stark stiegen die Herstellerpreise erneut im Energiesektor. Zum Vorjahresmonat verteuerte sich Energie um 116,8 Prozent, was mehr als einer Verdoppelung entspricht. Allein gegenüber dem Vormonat war Energie 11,8 Prozent teurer. Die Erzeugerpreise erfassen den Preisdruck auf Herstellerebene, indem sie die Verkaufspreise der Produzenten abbilden. Die Entwicklung wirkt sich in der Regel auch auf die Verbraucherpreise aus.

Steigende Energiepreise wirkten sich auch auf die Kurse der Anbieter von Erneuerbaren Energien aus. Die Kurse von Unternehmen wie Solarworld oder Vestas (Windkraft) legten am Dienstag jeweils um rund 7 Prozent zu.

Der Sektor wurde zum einen von dem Vorhaben von RWE gestützt, sich deutlich früher als geplant von fossilen Energien zu verabschieden. Zweitens haben sich die EU-Staaten auf eine Finanzierung verständigt, um sich von fossilen Brennstoffen aus Russland zu lösen und mehr in erneuerbare Energien zu investieren. Die EU-Finanz- und Wirtschaftsminister einigten sich am Dienstag darauf, Mittel aus dem Corona-Aufbaufonds umzufunktionieren und 20 Milliarden Euro zusätzlich für Investitionen im Energiebereich bereitzustellen. Das Vorhaben ist Teil eines Vorschlags der EU-Kommission vom Mai, den EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen als "Turbo" für die Energiewende bezeichnet hatte.

Tech-Werte gefragt

Am deutschen Aktienmarkt präsentierten sich Technologie- und Chipwerte im Einklang mit den europaweiten Trends fest. Infineon gewannen unter den Top-Werten im Dax 7 Prozent, für SAP ging es um knapp 4,5 Prozent nach oben. Die Hoffnung auf etwas weniger Druck seitens der Notenbanken trieb den zinssensiblen Sektor an.

Die Aktien der Sportartikelhersteller Adidas und Puma erholten sich um jeweils 6 Prozent von ihren jüngsten Verlusten im Zuge der enttäuschenden Quartalszahlen von Nike. An der Dax-Spitze zogen Zalando um mehr als 8 Prozent an. Die Aktien des Online-Modehändlers waren in der vergangenen Woche auf den tiefsten Stand seit 2014 gefallen und bleiben auf Jahressicht größter Verlierer im Leitindex.

Der dreiprozentige Kursanstieg von RWE reichte derweil nur für einen Platz im hinteren Dax-Mittelfeld. Der Energieversorger, dessen Anteilsscheine vortags von einer Milliarden-Übernahme in den USA profitiert hatten, will den Kohleausstieg jetzt um acht Jahre auf 2030 vorziehen. Zugleich sollen zwei Kraftwerksblöcke bis ins Frühjahr 2024 weiterlaufen, die nach derzeitiger Rechtslage eigentlich Ende des Jahres stillgelegt werden sollten.

Es gab allerdings auch Verlierer am deutschen Markt. So büßten Rheinmetall am MDax-Ende 4,5 Prozent ein. Börsianer führten dies auf Meldungen australischer Zeitungen zurück, wonach sich die Entscheidung zwischen dem Luchs-Spähpanzer und dem koreanischen Konkurrenten Redback im Rahmen des Rüstungsprogramms "Land 400 Phase 3" verzögert. Im Auftragsziel von Rheinmetall für 2022 sei wohl ein ordentlicher Posten aus Australien enthalten, hieß es am Markt.

Bei den Medienwerten ProSiebenSat.1 und RTL Group standen Kursverluste von 1,5 beziehungsweise knapp 0,5 Prozent zu Buche. Während ProSiebenSat.1 die Anleger mit einem überraschenden Führungswechsel nicht begeistern konnte, enttäuschte beim Konkurrenten RTL offenbar die Ankündigung, an der Beteiligung am französischen TV-Branchenkollegen M6 festzuhalten.

Dow Jones klettert über 30.000 Punkte

Die US-Börsen haben ihre Erholung am Dienstag fortgesetzt. Die jüngste Abkühlung der Konjunktur schürte Spekulationen, dass die Notenbank Fed ihr Zinserhöhungstempo drosselt. Der Dow Jones Industrial überwand erstmals seit dem 22. September wieder die viel beachtete Marke von 30.000 Punkten. Zuletzt notierte der US-Leitindex 2,27 Prozent höher bei 30.162 Punkten und baute damit seine Gewinnserie seit Montag auf rund 5 Prozent aus. Für den marktbreiten S&P 500 ging es am Dienstag um 2,55 Prozent auf 3772 Zähler nach oben. Der Technologiewerte-Index Nasdaq 100 gewann 2,69 Prozent auf 11.532 Punkte.

Zu den größten Tagesgewinnern zählten die Aktien von Fluggesellschaften. So stiegen American Airlines um 8,1 Prozent, Delta Air Lines um 8,3 Prozent, Jetblue Airways um 7,8 Prozent und United Airlines um 6,9 Prozent.

Ein besonders klarer Nasdaq-Gewinner waren die Titel von Amazon mit einem Anstieg von 4,7 Prozent. Analyst Brent Thill von Jefferies Research betonte in einer Studie, Anleger bekämen auf dem derzeitigen Kursniveau das angestammte Online-Handelsgeschäft geschenkt. Die Marktbewertung des Konzerns sei derzeit niedriger als der Wert der übrigen Sparten, so Thill.

Ford-Papiere stiegen nach der Bekanntgabe der September-Absatzzahlen um 6,6 Prozent. Die Titel des Wettbewerbers General Motors gewannen 7,8 Prozent.

Für die Anteilscheine von Fedex ging es um 4,8 Prozent nach oben. Der Logistikkonzern hatte mitgeteilt, eine Vereinbarung mit Morgan Stanley über den Rückkauf eigener Aktien im Wert von 1,5 Milliarden US-Dollar getroffen zu haben

Kehrtwende in London verhilft Asiens Märkten zu Gewinnen

Auch an Asiens wichtigsten Aktienmärkten gab es am Dienstag eine schwungvolle Erholung. Die Hoffnung, dass schwache Konjunkturdaten die Dringlichkeit aggressiverer Zinserhöhungen der US-Notenbank Fed verringern, schwappte aus dem US-Handel auch nach Fernost über. Allerdings setzte der Handel in China weiterhin aus und auch in Hongkong pausierte nun die Börse. An den geöffneten Börsen fiel der japanische Nikkei-Index  mit einem Kursanstieg um 2,96 Prozent auf 26.992 Punkte positiv auf. Er knüpfte damit an seinen schon positiven Wochenauftakt an.

Bitcoin steigt wieder über 20.000 US-Dollar

Die Digitalwährung Bitcoin notierte auf der Handelsplattform Bitstamp  zuletzt bei 20.068 US-Dollar und damit rund 3 Prozent höher als am Vortag. Im November vergangenen Jahres erreichte die Kryptowährung noch ein Rekordhoch von 69.000 US-Dollar.

Ölpreise steigen deutlich

Die Ölpreise haben am Dienstag an ihre Vortagsgewinne angeknüpft. Am Abend kostete ein Barrel (159 Liter) der Nordseesorte Brent  92,03 US-Dollar. Das waren 3,6 Prozent mehr als am Montag. Auch der Preis für ein Barrel der US-amerikanischen Sorte West Texas Intermediate  (WTI) stieg am Tag vor den Beratungen der Opec+ zur Förderpolitik deutlich.

Wie schon am Vortag werden die Ölpreise durch Meldungen über eine bevorstehende Förderkürzung des Ölverbunds Opec+ gestützt. Die Organisation aus gut 20 Ländern trifft sich an diesem Mittwoch in Wien, um über ihre Produktionspolitik zu beraten. Es wird darüber spekuliert, dass die Fördermenge um über eine Million Barrel je Tag sinken könnte. Hintergrund der Kürzungsdebatte sind die in den vergangenen Monaten aufgrund von Rezessionssorgen deutlich gefallenen Rohölpreise, denen mit einem verringerten Angebot begegnet werden soll.

Allerdings weisen Analysten daraufhin, dass der von Saudi-Arabien und Russland angeführte Ölverbund seit längerem Probleme hat, seine vereinbarte Fördermenge einzuhalten. Im Umkehrschluss könnte eine auf dem Papier vereinbarte Produktionskürzung in der Realität geringer ausfallen, wird argumentiert. Erst kürzlich hatte die Opec+ ihre vereinbarte Förderung wieder auf Vor-Corona-Niveau angehoben, nachdem sie in der Pandemie nachfragebedingt stark reduziert wurde.

Mit Nachrichtenagenturen
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