Kursturbulenzen in Fernost Chinas Behörden untersuchen Kursrutsch - was vom Beben bei uns ankommt

Montage bei Volkswagen in China: Die chinesische Wirtschaft ist mit der hiesigen bereits stark verwoben - deshalb können sich die Börsenturbulenzen auch hierzulande auswirken

Montage bei Volkswagen in China: Die chinesische Wirtschaft ist mit der hiesigen bereits stark verwoben - deshalb können sich die Börsenturbulenzen auch hierzulande auswirken

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Was genau ist an Chinas Börsen passiert?

Nach dem größten Kursrutsch seit acht Jahren bleibt die Anspannung an Chinas Börsen hoch. Die Talfahrt vom Wochenbeginn setzte sich am Dienstag fort, wenngleich mit deutlich geringerem Tempo. Der Shanghai Composite Index verlor am Ende 1,68 Prozent auf 3663,00 Punkte. Im Handelsverlauf hatte er zwischen plus 1 Prozent und minus 5 Prozent geschwankt.

Erneut wurden auch andere Handelsplätze vom Geschehen in der Volksrepublik offenbar beeinflusst. In Tokio ging es allerdings nur minimal abwärts. Der japanlastige Sammelindex Stoxx 600 Asia/Pacific gab zuletzt um 0,31 Prozent auf 171,03 Punkte nach. Der deutsche Leitindex Dax indes konnte am Dienstagmorgen einen Teil seiner Vortagesverluste wettmachen und notierte leicht im Plus.

Rally, Kurssturz, Regulierung - was ist die Vorgeschichte der Turbulenzen?

Am Montag hatte der chinesische Aktienmarkt das größte Tagesminus seit Februar 2007 verzeichnet. Die Kurse an den Handelsplätzen in Shanghai und Shenzhen brachen jeweils um mehr als 8 Prozent ein. Der auch für westliche Investoren leicht zugängliche Aktienmarkt in Hongkong hielt sich mit einem Minus von etwas mehr als 3 Prozent noch vergleichsweise gut.

Inzwischen gab die chinesische Finanzaufsicht bekannt, den historischen Kurssturz genauer unter die Lupe zu nehmen. Die Behörde prüfe, ob es zu Unregelmäßigkeiten gekommen sei, heißt es in einer Meldung der Nachrichtenagentur Xinhua. Zu dem Zweck schaue man sich Börsenreports genau an, ebenso wie Beschwerden, die es offenbar gab.

Hintergrund der Turbulenzen ist die Börsenentwicklung der vergangenen Monate. Im Sommer 2014 hatten die chinesischen Festlandbörsen Shanghai und Shenzhen zu einer rasanten Rally angesetzt. Bis Mitte dieses Jahres ging es um etwa 150 Prozent aufwärts. Dann kam der von vielen bereits befürchtete Einbruch: Im Juni rutschten die Kurse binnen kurzer Zeit um mehr als 30 Prozent ins Minus. Chinas Aktienmarkt verlor dadurch in wenigen Tage bis zu vier Billionen Dollar an Wert.

Die chinesische Regierung reagierte auf den Ausverkauf mit massiven Eingriffen und Stützungsmaßnahmen. So wurden Handelsverbote für Aktien ausgesprochen, die Liquidität im Handel erhöht und Konjunkturspritzen beschlossen.

Auf diese Weise gelang es, den Kursrutsch zunächst zu stoppen. In den vergangenen Tagen hatten die Aktien in Shanghai um 16 Prozent zugelegt - bis Montag der Ausverkauf erneut einsetzte.

Was sind die Gründe für den Kursrutsch in China?

Schlechte Aussichten: Anleger befürchten, dass sich Chinas Wachstum weiter abschwächt

Schlechte Aussichten: Anleger befürchten, dass sich Chinas Wachstum weiter abschwächt

Foto: AP/dpa

Als unmittelbarer Auslöser für den Kurseinbruch am Montag gilt die zunehmende Sorge unter Investoren, die chinesische Wirtschaft könnte weiter an Schwung verlieren. Ohnehin lässt Chinas Wachstum seit einiger Zeit nach. Am Montag wurde dann bekannt, dass die Gewinne von Industrieunternehmen in der Volksrepublik im Juni leicht zurückgegangen sind. Zuvor hatte ein Index bereits angezeigt, dass Chinas Industrie zuletzt so stark geschrumpft ist wie lange nicht mehr.

Ein weiterer Belastungsfaktor ist Experten zufolge die kommende Zinserhöhung in den USA. Angesichts der guten Konjunkturerholung dort dürfte die Notenbank Fed die Zinsen in nächster Zeit erstmals seit Langem heraufsetzen. Das macht Investments im Dollar-Raum attraktiver - und sorgt für Geldabflüsse unter anderem an den Börsen Chinas.

Davon abgesehen hatten Beobachter von vornherein bezweifelt, dass es der Regierung in Peking gelingen könnte, die überhitzten Aktienmärkte in Shanghai und Shenzhen auf Dauer vor der erforderlichen Bereinigung zu bewahren. Durch die staatlichen Eingriffe, so die Meinung vieler, lassen sich Aktienverkäufe vielleicht hinauszögern. Komplett verhindern lassen sie sich auf lange Sicht aber kaum.

Das scheint sich nun zu bewahrheiten. Viele Investoren befürchten, Peking könnte die Stützungsmaßnahmen allmählich zurückfahren. Deshalb versuchen sie, lieber früher als später aus dem Markt auszusteigen. Dabei spielt offenbar auch eine Rolle, dass der Internationale Währungsfonds (IWF) die chinesische Regierung gedrängt haben soll, ihre Marktbeeinflussung zu beenden, wie die Nachrichtenagentur Bloomberg berichtet.

Warum bekommt Peking die Börse nicht in den Griff?

Chinesischer Präsident Xi Jinping: Massive Eingriffe in den Aktienmarkt

Chinesischer Präsident Xi Jinping: Massive Eingriffe in den Aktienmarkt

Foto: Ma Zhancheng/ AP/dpa

Als die Kurse im Juni das erste Mal massiv einbrachen, stemmte sich Peking mit zahlreichen Maßnahmen dagegen. Die Regierung will offenbar um jeden Preis verhindern, dass der Traum vieler Landsleute vom Reichtum durch das Aktiengeschäft platzt. Vor allem aber geht es den Funktionären um die eigene Glaubwürdigkeit: Sollten sich die Wirtschaft oder die Märkte erstmals in eine Richtung entwickeln, die von Peking nicht gewollt ist?

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Verbote und Geldzufuhr: Wie Peking bislang in die Börse eingriff

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Das Problem ist jedoch, dass es sich beim Aktienmarkt um das Herzstück des Kapitalismus handelt. Dort müssen die Kräfte des Marktes aus Angebot und Nachfrage so frei wie möglich wirken. Nur so ist gewährleistet, dass die Bewertungen der Unternehmen an der Börse auf lange Sicht auch möglichst genau deren tatsächlichen Werten entsprechen. Weil sich Firmen an der Börse mit Kapital versorgen, ist das eine wichtige Voraussetzung für eine funktionierende Wirtschaft.

Schon häufig ist es am Aktienmarkt zu Übertreibungen gekommen. Spekulationsblasen, die dabei entstehen, platzen irgendwann und die Kurse kommen auf ein realistisches Niveau zurück. Solange die Kurse dieses realistische Niveau nicht erreicht haben, bleibt Verkaufsdruck bestehen. Und dieser Verkaufsdruck lässt sich durch Regulierung und staatliche Eingriffe nicht auflösen. Deshalb lassen sich die Kursverluste auf Dauer nur verzögern, aber nicht verhindern.

Wen treffen die Kursverluste an Chinas Börsen?

Leidtragende: Chinesische Privatleute beim Aktieninvestment

Leidtragende: Chinesische Privatleute beim Aktieninvestment

Foto: JON WOO/ REUTERS

Direkt betroffen von den Kursverluste in Shanghai und Shenzhen sind zum weitaus größten Teil chinesische Investoren, denn an den Börsen dort sind trotz allmählicher Öffnung Ausländer nach wie vor kaum aktiv. Zudem ist klar: Die Verluste gehen zum Großteil auf das Konto chinesischer Privatleute. Vom Taxifahrer bis zum Bankangestellten hatten die Chinesen in den vergangenen Monaten den Aktienmarkt als Anlagemöglichkeit und Spielfeld für teils riskante Investments entdeckt, Kredithebel oft inklusive.

Allerdings machen sich die Turbulenzen in China auch an den Börsen in Europa und den USA bemerkbar. In Europa etwa eröffneten die Märkte mit Blick nach Fernost am Montag ebenfalls im Minus. Die Anleger wissen: In der globalisierten Welt ist China inzwischen ein wichtiger Player. Ruckelt es am dortigen Aktienmarkt und schwächelt die chinesische Wirtschaft, so hat das weltweit Auswirkungen.

Was droht der deutschen Wirtschaft und dem Rest der Welt?

Audi-Montage in China: Volkswagen drohen Milliardeneinbußen

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Foto: Audi AG/ picture alliance / dpa

Nach seinem rasanten Aufstieg der vergangenen Jahre konkurriert China bereits heute mit den USA um den Rang als weltgrößte Volkswirtschaft. Das Land ist nicht nur günstiger Produktionsstandort, sondern gilt zahlreichen Branchen und Unternehmen ebenso bereits als wichtiger Absatzmarkt - auch aus Deutschland. Hiesige Autohersteller beispielsweise verkaufen bereits einen Großteil ihrer Jahresproduktion in der Volksrepublik.

Entsprechend empfindlich kann eine Eintrübung der Konjunktur Chinas auch die deutsche Wirtschaft sowie jene anderer Länder treffen. Die Verkettung mit dem Aktienmarkt könnte beispielsweise so aussehen: Angesichts der Kursverluste sinkt das Vermögen vieler Chinesen, die sich daher womöglich beim Konsum einschränken. Das wiederum schlüge direkt auf die Verkaufszahlen von Firmen wie Volkswagen , Daimler  oder BMW  durch.

Ein Beleg dafür: Erst in der vergangenen Woche berichtet manager magazin in seiner Onlineausgabe exklusiv, dass Volkswagen aufgrund der Krise in China Gewinneinbußen von mehr als einer Milliarde Euro drohen.


Sehen Sie hier einen Überblick über zehn Maßnahmen, mit denen Peking bislang versucht hat, den Kurssturz aufzuhalten.


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