Mittwoch, 27. Mai 2020

Börsenprofi Thomas Grüner erklärt Was Anleger von Chinas Erholung lernen können

China kehrt langsam wieder zurück - es geht aufwärts

Die Welt befindet sich noch immer im Würgegriff der Corona-Pandemie und der damit verbundenen gesellschaftlichen Einschränkungen. Hierbei ist der Blick auf China durchaus aufschlussreich, da der globale Ausbruch von Covid-19 seinen Ursprung in der chinesischen Hubei-Provinz fand und der Verlauf einige wichtige Hinweise liefert - was den Verlauf der Krankheit, die gesellschaftlichen Folgen und die Entwicklung der Kapitalmärkte angeht.

Thomas Grüner
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    Thomas Grüner ist Gründer und Vice Chairman des Vermögensverwalters Grüner Fisher Investments (www.gruener-fisher.de) mit Sitz in Rodenbach bei Kaiserslautern.

Europa und die USA befinden sich aktuell noch in einer kritischen Phase des Ausbruchs. Ob China wirklich als gute Blaupause für den Rest der Welt dienen kann, ist natürlich durch unterschiedlichste gesellschaftliche Einflussfaktoren ein diskussionswürdiges Thema. Bekanntermaßen sind die Eindämmungsmaßnahmen gerade auch in Europa nicht ähnlich erfolgreich verlaufen. Nichtsdestotrotz sind einige interessante Hinweise für die zukünftige globale Entwicklung gegeben.

China ist wieder online

Im Nachgang und auch im internationalen Vergleich gilt es festzuhalten, dass die rigorosen Eindämmungsmaßnahmen der chinesischen Regierung ihre Wirkung gezeigt haben. Die annähernd exponentielle Ausbreitung des Virus, ausgehend vom Zeitpunkt der chinesischen Neujahrsferien, bekämpfte die Regierung mit strenger Quarantäne und der Abriegelung ganzer Stadtgebiete. Dadurch wurde die wirtschaftliche Aktivität im Februar und in den ersten Märzwochen signifikant beeinträchtigt, die unkontrollierte Ausbreitung des Virus jedoch wirkungsvoll eingedämmt.

Bereits in der ersten Märzwoche kehrten vor allem die größeren Unternehmen wieder zur Normalität zurück, über 90 Prozent der Unternehmen mit einem Umsatz von mehr als 200 Millionen Yuan waren zügig wieder "online".

Einer der ersten offensichtlichen Hinweise aus China lautete direkt im Anschluss: Covid-19 wird katastrophale Auswirkungen auf die Datenlage haben. Der Einkaufsmanagerindex für die chinesische Industrie fiel im Februar auf ein Rekordtief von 35,7 und ist damit mehr als deutlich in den Bereich einer wirtschaftlichen Kontraktion gestürzt. Im nicht-industriellen Bereich wurde mit 29,6 ebenfalls ein rekordtiefer Wert erreicht.

Viele offizielle Daten werden in China für die Monate Januar und Februar zusammengefasst, um die Verzerrung durch die Neujahrsferien im Januar zu glätten. Einzelhandelsumsätze, Industrieproduktion, Exporte, Importe und Investments in Anlagevermögen zeigen hierbei massive Rückgänge auf breiter Ebene an. Wirtschaftsexperten erwarten zwangsläufig auch einen Rückgang für das chinesische BIP im ersten Quartal 2020.

Für Europa und die USA, die sich noch im Shutdown und im dynamischen Bereich der Ausbreitungskurve befinden, war es also nicht mehr als eine logische Konsequenz, dass sich die Datenlage ebenso rapide verschlechtern wird. Kollabierende Einkaufsmanagerindizes folgten zwangsläufig nach, in den USA sorgen die Arbeitslosenzahlen noch immer für eine Schockwirkung - für die vergangene Woche wurden rekordhohe 6,65 Millionen "Jobless Claims" vermeldet.

Schlechte Daten sind also unvermeidlich und offensichtlich, welcher Hinweis aus China kann dagegen hilfreich sein? Interessant ist vor allem die Reaktion der chinesischen Aktienmärkte. Es ist der normale Marktmechanismus, dass Aktienmärkte die Geschehnisse unmittelbar einpreisen, zukunftsorientiert agieren und verschiedene Wahrscheinlichkeiten gegeneinander abwägen. Der chinesische Aktienmarkt zeigte frühzeitig einen gewissen Erholungseffekt an. Nach der Wiedereröffnung der chinesischen Börse erzielte der MSCI China eine deutliche Outperformance gegenüber den globalen Märkten.

Es ist in der aktuellen Phase, die von Emotionen geprägt ist, für Anleger sehr wichtig, die zukunftsorientierte Denkweise der Aktienmärkte zu übernehmen. Ja, die Daten sind furchtbar schlecht, und sie werden durch viele nachgelagerte Effekte auf absehbare Zeit schlecht bleiben. Ja, der Aktienmarkt hat Covid-19 schlagartig in einer überdimensionalen Korrektur verarbeitet - welche die Definition eines Bärenmarkts deutlich erfüllt und es gibt auch nichts daran zu deuteln, diese Kursbewegung als "Bärenmarkt" zu bezeichnen.

Aber: Es wird die Zeit kommen, in der sich die Welt wieder zurück zur Normalität bewegt. Die Kapitalmärkte sind erprobt darin, sich auch von heftigen Rückschlägen wieder zu erholen.

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Dem Faktor Zeit sollte hierbei ein besonderes Augenmerk gelten. Fakt ist: China ist keine perfekte Blaupause, aber auch Europa und die USA werden zur Geschäftstätigkeit zurückkehren. Je zügiger dieser Vorgang passiert, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass die globale Wirtschaft einer heftigen und lang anhaltenden Rezession entgehen kann. Dann würden die Aktienmärkte natürlich weiterhin eine hohe Volatilität zeigen, jedoch dürften in diesem positiven Szenario die gravierenden Einschnitte bereits maßgeblich eingepreist sein.

Mit fortschreitender Dauer des Shutdowns wird es allerdings wahrscheinlicher, dass die Rezession nachhaltiger ausfallen wird und die Erholung der Aktienmärkte nicht unmittelbar im Rahmen einer dynamischen V-Bewegung erfolgen kann. Nicht nur deshalb ist es in der aktuellen Phase unerlässlich, die Situation permanent zu überwachen und sie als Vermögensverwalter ständig neu zu bewerten.

Je unbestimmter der Zeitraum des Shutdowns, desto düsterer werden auch die möglichen Prognosen. Diese Szenarien sollten nicht kategorisch abgelehnt werden, doch aus unserer Sicht ist die Wahrscheinlichkeit für eine Erholungsbewegung in überschaubarer Zeit weiterhin gegeben.

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