BMW, Daimler, VW Nur nicht zu viel Optimismus schüren

VW, BMW und Daimler könnten nach einem starken Halbjahr mit Zuversicht in die zweite Jahreshälfte blicken. Doch Krisenvokabular prägt den Ton. Zu Recht? Wo die Chancen und Risiken der deutschen Autobauer liegen.
Rasante Fahrt: Im ersten Halbjahr haben die deutschen Autobauer ihren Absatz deutlich gesteigert

Rasante Fahrt: Im ersten Halbjahr haben die deutschen Autobauer ihren Absatz deutlich gesteigert

Foto: Alpina

Hamburg - Seit Monaten treten deutsche Automanager verbal auf Bremse - auch in dieser Woche. Von "schwierigen Weltmärkten" und "erheblichen Unsicherheiten in Europa", ist bei Volkswagen die Rede, die auch das zweite Halbjahr anhalten sollen. BMW stellt "herausfordernde Rahmenbedingungen" gleich zu Beginn seiner Mitteilung heraus.

Nur nicht zu viel Optimismus schüren. Mit ein wenig Krisenvokabular lieber die Erwartungen niedrig halten, lautet derzeit offenbar die Devise der Vertriebsvorstände. Das Wort Krise mag für die Absatzregion Westeuropa zutreffen. Wohl auch für die arg gebeutelten französischen (PSA, Renault) und italienischen Wettbewerber (Fiat). Von Krise kann bei deutschen Autobauern aber keine Rede sein.

BMW , Daimler  und die Volkswagen-Tochter Audi  haben soeben erst neue Absatzrekorde für das erste Halbjahr vermelden können. Auch die Kernmarke VW hat weltweit so viele Neuwagen an seine Kunden verkauft wie nie zuvor. Vor allem die hohe Nachfrage in China und den USA ermöglicht es den deutschen Autobauern, die Einbußen in Europa mehr als zu kompensieren. Fiat , PSA Peugeot Citroën  und Renault  gelingt genau dies durch ihre große Abhängigkeit vom europäischen Markt und ein fehlendes Premiumangebot nicht. Ihre Absätze in Europa brechen zudem ungleich stärker ein.

Krisensymptome bei VW und Co. kann Frank Schwope nicht erkennen. "Deutschen Automobilherstellern geht es gut, im Vergleich zu den meisten Wettbewerbern sogar verdammt gut", unterstreicht der Analyst der NordLB. Doch lässt sich die Entwicklung des ersten Halbjahrs so ohne weiteres fortschreiben?

BMW und VW könnten wieder Rekordgewinne einfahren

Schwope rechnet fest damit, dass alle drei deutschen Autobauer zum Jahresende neue Absatzrekorde erzielen werden. VW und BMW hätten auch gute Aussichten, den Rekordgewinn des Vorjahres wieder einzufahren. "Die Chancen sind unverändert gut", glaubt auch Analyst Christian Ludwig vom Bankhaus Lampe. Schwächen auf dem westeuropäischen Markt sollten die Hersteller durch ihre breite internationale Aufstellung kompensieren können.

Daimlers Gewinnaussichten beurteilen Analysten für das laufende Jahr dagegen skeptisch. M.M. Warburg und die Essener National-Bank zum Beispiel rechnen mit einem steigenden Gewinnen erst ab 2014. "Das Gesamtjahr 2013 dürfte - abgesehen vom Buchgewinn aus der EADS-Veräußerung - insgesamt enttäuschend verlaufen", sagt National-Bank-Analyst Manfred Jaisfeld. Der Konzern hatte zuletzt im April seine Ziele gekappt, weil Rückgänge in einzelnen Märkten und hohe Investitionen in neue Modelle und Werke den Gewinn drückten.

Dass deutsche Automobilmanager trotz ihrer im Branchenvergleich guten Lage nur mit gedämpftem Optimismus nach vorn schauen, trifft durchaus auf Verständnis. Ferdinand Dudenhöffer erwartet, dass das zweite Halbjahr auch für BMW, Daimler und Volkswagen  kein Spaziergang wird. "China wächst langsamer und auch in USA sind die großen Sprünge vorbei", sagt der Chef des CAR-Center Automotive Research an der Uni Duisburg-Essen. "Die Euro-Krise bremst das Wachstum weltweit deutlich stärker als wir vermutet haben."

Ein Indiz dafür könnte das schwächere Massengeschäft im Juni sein. Während Audi und BMW im zurückliegenden Monat ihren Absatz noch ausbauen konnten, stagnierten die weltweiten Verkaufszahlen der Kernmarke VW. Auch das Tempo lässt nach: Zwar kletterte der VW-Absatz zur Jahreshälfte solide um 4,4 Prozent. Mit mehr als 10 Prozent fiel der Zuwachs Ende Juni 2012 aber ungleich größer aus.

Wachstumsmarkt China birgt auch Risiken

Ein Risiko, dass alle deutschen Autobauer vor allem aber VW betrifft, sehen Autoexperten in einer schwindenden Nachfrage aus China. Einerseits liegt dort das größte Wachstumspotential, was VW im ersten Halbjahr eindrucksvoll unter Beweis gestellt hat (siehe Tabelle). Nicht von ungefähr investiert VW in China mit seinen Partnern vor Ort rund zehn Milliarden Euro in den Geschäftsausbau. Fällt andererseits Chinas Wirtschaftswachstum weiter ab, womit Experten für das zweite Quartal rechnen, berührt dies auch die Autobauer.

Absatzzahlen deutscher Automobilhersteller

Verkäufe Mercedes Benz BMW Audi Kernmarke VW
weltweit 1. Hj. 2013 746.300 954.521 780.500 2.910.000
Veränderung 5,30% 6,00% 6,40% 4,30%
USA 1. Hj. 2013 155.892 172.787 74.277 206.800
Veränderung 9,30% 9,00% 14,00% -0,90%
Europa 1. Hj. 2013 361.500 436.483 383.700 843.600
Veränderung 2,80% -0,10% -2,40% -7,10%
China 1. Hj. 2013 98.914 182.800 228.139 1.170.000
Veränderung -0,20% 15,00% 17,70% 19,40%
Quelle: CAR Universität Duisburg-Essen

So produziert und verkauft VW in seinem "zweiten Heimartmarkt" mittlerweile etwa jedes dritte Auto und erwirtschaftet dort rund 35 Prozent seines Umsatzes. "Volkswagen hat das größte Klumpenrisiko in China aller weltweiten Autobauer - mit Ausnahme von GM. Beide hängen an China", warnt Dudenhöffer. Daimler und BMW seien dagegen deutlich balancierter in ihrem Länderportfolio.

Sein Kollege vom Center of Automotive Management, Stefan Bratzel, warnt zudem bereits vor Überkapazitäten in China. Denn nicht nur ausländische Hersteller ziehen in hoher Geschwindigkeit neue Fabriken hoch, sondern auch einheimische Autobauer selbst. Bereits jetzt belasteten in einzelnen Segmenten Überkapazitäten den Markt. Ist das Angebot höher als die Nachfrage, drückt dies bekanntlich auf den Preis - vor allem im Volumengeschäft.

Umgekehrt führen Analysten Daimlers weltweiten Absatzrückstand auf die Wettbewerber BMW und Audi eben auch darauf zurück, dass die Stuttgarter das Geschäft in China zu lange schleifen ließen. China bleibt also Risiko und Chance zugleich.

US-Markt wächst wieder, bleibt aber hart umkämpft

Ein weiteres Risiko besteht, sollte sich die Schuldenkrise in Europa verschärfen. Noch immer verkaufen deutsche Premiumhersteller fast die Hälfte aller Neuwagen auf dem Heimatkontinent. Hier sieht es wegen der Krise in den Schuldenstaaten bislang eher düster aus. "Das Jahr 2013 wird das schlechteste Autojahr der letzten dreißig Jahre in Westeuropa", sagt Dudenhöffer. Dennoch sollte sich das Absatzminus auf 4 bis 5 Prozent (2012: -8,2 Prozent) verringern, schätzt nicht nur Analyst Schwope. Ein Silberstreif - sicher ist das aber nicht.

Optimistisch sollte nach Einschätzung von Analysten eigentlich auch die wieder erstarkende Konjunktur in den USA stimmen. BMW und Daimler sind vor Ort mit entsprechenden Fertigungskapazitäten sehr gut aufgestellt. Volkswagen und Audi wollen ihre Kapazitäten in den USA ausbauen. Im Gegensatz zu weiten Teilen Europas wachse hier die Bevölkerung auch noch, hebt Schwope zudem hervor.

Allerdings dürfte sich der US-Markt in diesem Jahr mit bis zu 16 Millionen verkauften Autos wieder seinem Normalniveau nähern. "Von daher ist in den USA in erster Linie Marktanteilsgewinn - also Verdrängung - das Wachstumsszenario", gibt Dudenhöffer zu bedenken. Dass dabei die Gewinnmargen unter Druck geraten werden, liege auf der Hand.

Profitabilität unter Druck - Analysten für Autoaktien aber positiv gestimmt

Bleiben die "hausgemachten" Probleme und Herausforderungen. Die Profitabilität ist im ersten Quartal 2013 gegen über dem Vorjahreszeitraum bei allen Herstellern gesunken. Audi und BMW rangieren mit einer operativen Marge von 11,1 und 11,6 im PkW-Geschäft immer noch auf hohem Niveau. Bedenklich ist aber der Einbruch bei VW und Mercedes. Mit Autos wie Touran, Golf oder Passat fuhr Volkswagen im ersten Quartal nur noch operative Rendite von 2,4 Prozent ein, nach 4,1 Prozent im Vorjahresquartal. Andere Volumenhersteller sind da besser aufgestellt.

Dass Mercedes Autos weniger profitabel baut als BMW und Audi, ist ein bekanntes Problem, an dem der Konzern arbeitet. Doch brach bei Mercedes die Marge zuletzt gar auf 3,3 Prozent (8,2 Prozent) ein, rechnet Analyst Schwope vor. Das hat auch mit den hohen Anlaufkosten für neue Modelle zu tun wie etwa die neue S-Klasse oder der neuen C-Klasse ab 2014. Sie sollen nicht nur das Volumen erhöhen, sondern ab kommenden Jahr auch zu höheren Ergebnissen und Margen führen, zeigt sich Warburg-Analyst Marc-René Tonn optimistisch.

VW, BMW, Daimler: Kaufempfehlungen überwiegen ganz klar

"Gut Ding braucht im Autogeschäft eben eine Weile", sagt Dudenhöffer und bricht zugleich eine Lanze für Dieter Zetsche. Der Daimler-Chef habe seinerzeit ein "Sanierungsunternehmen" übernommen. Das blendeten viele Kritiker aus. Daimler habe seine beste Zeit noch vor sich. Mit den vielen neuen Modellen "wird diese Zeit auch den Aktionären Spaß machen", ist der Experte überzeugt.

Womöglich ist es genau dieser Aufholeffekt, auf den die Investoren bei Daimler  setzen. Seit Jahresbeginn hat die Aktie rund 19 Prozent zugelegt und damit nicht nur den Dax (plus 7 Prozent), sondern auch die Titel von Volkswagen  und BMW  weit hinter sich gelassen, die im laufenden Jahr mit jeweils rund 4 Prozent im Minus stehen. Mancher Beobachter traut Daimler diese Aufholjagd nicht so recht zu. "Der Markt spekuliert auf ein Erwachen von Daimler aus dem Dornröschenschlaf", kommentiert Analyst Ludwig vom Bankhaus Lampe die Kursrally fast ketzerisch.

Die aktuellen Kaufempfehlungen (15) für die Daimler-Aktie überwiegen die Verkaufsempfehlungen (6) laut Thomson Reuters aber klar. Noch positiver gestimmt sind die Analysten aktuell für die Papiere von Volkswagen (24/0) und BMW (16/4). So schlimm, möchte man meinen, sollte das zweite Halbjahr für die deutschen Autobauer also eigentlich nicht werden.

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