Krypto-Crash trifft El Salvador Leben an der Armutsgrenze – und der Präsident zockt mit Bitcoin

El Salvador gehört zu den ärmsten Ländern Südamerikas. Präsident Nayib Bukele bekommt die Misswirtschaft nicht in den Griff, hat aber aus Prestigegründen Bitcoin als offizielles Zahlungsmittel eingeführt und kräftig in die Kryptowährung investiert. Nun türmen sich die Verluste.
Protest gegen Bitcoin in El Salvador: Nicht nur der IMF, auch die Bürger El Salvadors protestieren gegen die Krypto-Investments von Präsident Nayib Bukele

Protest gegen Bitcoin in El Salvador: Nicht nur der IMF, auch die Bürger El Salvadors protestieren gegen die Krypto-Investments von Präsident Nayib Bukele

Foto: Jose Cabezas / REUTERS

Wenn es um die Probleme seines Landes geht, verfolgt El Salvadors Präsident Nayib Bukele (40) eine ähnliche Strategie wie Großbritanniens Regierungschef Boris Johnson (57): Sinken die Umfragewerte, einfach das Thema wechseln und eine neue Baustelle aufmachen. So entschied Bukele im September, dass El Salvador als erstes Land der Welt Bitcoin als offizielles Zahlungsmittel neben dem US-Dollar einführen sollte. Mehr als 200 schicke Wechselautomaten wurden aufgestellt, der Präsident feierte sich als "Vorreiter einer neuen Zeit" – und die 6,5 Millionen Bürger El Salvadors sollten für einen Moment die Sorgen des Alltags vergessen.

Die Sorgen sind beträchtlich. El Salvador ist hoch verschuldet und gehört zu den ärmsten Ländern Mittelamerikas. Misswirtschaft und Korruption sorgen dafür, dass fast die Hälfte der Bewohner an der Armutsgrenze lebt. Mehr als eine Million Menschen im Land müssen mit weniger als fünf Dollar pro Tag auskommen. Und Bukeles Lösungsvorschlag lautet: Einfach mal mit Bitcoin zocken.

Mehr als 100 Millionen Dollar hat El Salvador seit September selbst in Bitcoin investiert. Der Durchschnittspreis lag nach Berechnungen des Krypto-Spezialisten Nayibtracker.com bei rund 46.000 US-Dollar pro Bitcoin. Neun Monate später droht der Wert eines Bitcoins unter die Marke von 20.000 US-Dollar zu fallen. Der jüngste Bitcoin-Crash hat mehr als die Hälfte des Investments vernichtet.

Mehr als 50 Millionen Dollar verzockt

Die investierte Summe mag noch überschaubar sein, politisch ist es aber ein verheerendes Signal. Zumal Bukele und seine Mannschaft gegen den ausdrücklichen Protest der eigenen Bevölkerung mit dem Kryptogeld zocken. Immer wieder kommt es in der Hauptstadt San Salvador zu Anti-Bitcoin-Demonstrationen. Den Präsidenten schert das wenig.

Auch der Internationale Währungsfonds (IWF) hat El Salvador wiederholt dazu geraten, Bitcoin als offizielles Zahlungsmittel aufzugeben. Das Land solle die eigenen Kryptoanlagen verkaufen und den Erlös in das normale Budget zurückzuführen, denn die Schwankungen der Kryptowährung seien einfach zu groß. Doch auch die Aufforderungen des IWF, der die wachsende Verschuldung des Landes mit Sorge beobachtet, verhallten ungehört. Die Bukele-Regierung hatte den Rat des IWF zuletzt im Januar als "Angriff auf die Unabhängigkeit" des Landes zurückgewiesen.

Finanzminister Zelaya: "Das Geld ist nicht weg – wir haben ja noch nicht verkauft"

Die Bitcoin-Fans rund um Bukele weisen Kritik an ihrem verheerenden Investment naturgemäß zurück. Auf die jüngsten Berichte zum Bitcoin-Crash reagierte der Präsident per Twitter mit der Frage, ob er jetzt günstig Bitcoin nachkaufen solle. Bereits im Mai, als Bitcoin noch deutlich höher notierte, hatte Bukele den Marktstrategen gegeben und dazu geraten, bei Schwäche nachzukaufen (buying the dip). Und auch El Salvadors Finanzminister Alejandro Zelaja attestierte in dieser Woche pflichtschuldig in einer lokalen Fernsehshow: Das Land habe mit Bitcoin keinen Cent Verlust erlitten – schlicht aus dem Grund, weil die Regierung noch keinen einzigen Bitcoin verkauft habe. "Es gibt keinen Verlust", betonte der Finanzminister. Dass Unternehmen weltweit derlei Investments normalerweise zu einem großen Teil in ihrer Bilanz abschreiben, ficht Zelaya nicht an.

Die Proteste im Land gehen unterdessen weiter. "Die Menschen werden dieser autoritären Regierung allmählich müde", sagt Carlos Navarro, einer der Kritiker des Präsidenten. Die Einführung des Bitcoins als offizielle Währung sei eine von Bukeles "schlechten Ideen", die der Wirtschaft des Landes mehr schaden als nützen.

Bitcoin

Zukunft mit Bitcoin, aber kaum Internetzugang

Die Rechnung Bukeles sieht freilich anders aus, über den buchhalterischen Verlust von mehr als 50 Millionen Dollar seit September verliert er kein Wort. Er operiert mit anderen Zahlen: Mehr als 400 Millionen Dollar pro Jahr könnten die Bürger El Salvadors an Bankgebühren und Transaktionskosten sparen, wenn sie künftig auf Bitcoin setzen. Zudem hätten Tausende Bürger, die über kein eigenes Bankkonto verfügen, künftig Zugang zu Finanzdienstleistungen. Was in der Theorie plausibel klingt, hat in der Praxis vielfach einen Haken: Die Mehrzahl der Bürger El Salvadors verfügen nicht nur über wenig Geld, sie haben auch keinen Zugang zum Internet. Der Großteil des privaten Vermögens in El Salvador konzentriert sich auf wenige hundert Superreiche.

Die Ratingagentur Moody´s hat die Kreditwürdigkeit El Salvadors seit der Bitcoin-Einführung herabgestuft. Die finanzielle Instabilität des Landes könne sich aufgrund der starken Kursschwankungen von Bitcoin steigern, so die Begründung. Zudem steige das Risiko von Geldwäsche. Es scheint, als sollten die Kreditwächter Recht behalten.

la