Biontech, Netflix und Co Diese Corona-Gewinner werden jetzt abgestraft

Die hohe Inflation und steigende Zinsen machen Investoren vorsichtig: Statt zu Wachstums- und Tech-Aktien greifen sie zu Papieren etablierter Unternehmen. Die hoch bewerteten Corona-Gewinner trifft es derzeit besonders hart.
Vollsprint in der Pandemie: Corona hat die Bewertung einiger Unternehmen vervielfacht - nun ziehen Anleger Geld ab

Vollsprint in der Pandemie: Corona hat die Bewertung einiger Unternehmen vervielfacht - nun ziehen Anleger Geld ab

Foto: Peloton

Noch sorgen zwar täglich steigende Corona-Infektionszahlen für Schlagzeilen. An der Börse wird aber die Zukunft gehandelt, oder zumindest das, was Investoren in der Zukunft erwarten. Und da spielt die Corona-Pandemie offenbar schon keine große Rolle mehr, wie auch Goldman-Sachs-Anlagestratege Christian Mueller-Glissmann im Interview mit dem manager magazin zu Protokoll gab.

Steigende Inflationszahlen und die Erwartung, dass die US-Notenbank gegensteuern und in diesem Jahr mindestens dreimal die Zinsen anheben wird, sorgen für ein Umdenken am Aktienmarkt: Wachstumstitel und Tech-Firmen, die jahrelang den Börsenaufschwung trugen, sind seit Jahresbeginn erheblich unter Druck geraten. Stattdessen haben Investoren ihre Liebe für sogenannte Value-Papiere, etablierte Unternehmen mit stabilen Cash-Flows also, wiederentdeckt.

Besonders drastisch zeigt sich der Schwenk an Aktien von Unternehmen, die eine Zeit lang als Gewinner der Corona-Krise gehandelt wurden. Deren Kurse stiegen in der ersten Zeit der Pandemie stark an. Inzwischen sind sie jedoch zum Großteil wieder erheblich abgefallen, wie diese prominenten Beispiele zeigen:

Biontech - einmal die Welt retten und zurück

Biontech

Der Impfstoffhersteller aus Mainz hat gemeinsam mit seinem US-Partner Pfizer großen Anteil daran, dass die Corona-Pandemie einen Teil ihres Schreckens verloren hat. Vollständig Geimpfte können im Fall einer Infektion auf milde Verläufe hoffen. Die Empfehlung einer dritten (Booster)-Impfung hält die Nachfrage nach dem Impfstoff hoch: Auch die Erwartung, dass Biontech/Pfizer bald einen auf die Omikron-Variante angepassten Impfstoff anbieten werden, hält Biontech im Geschäft.

Gleichwohl hat die Aktie seit Anfang Dezember mehr als 50 Prozent an Wert verloren und ist inzwischen auf 150 US-Dollar zurückgefallen, das ist das tiefste Niveau seit 9 Monaten. Seit dem Rekordhoch im August betragen die Verluste bereits rund 65 Prozent.

Allerdings hatte sich der Börsenwert von Biontech zuvor, zwischen März 2020 und August 2021, fast verneunfacht. Wichtigster Grund für den Kursrutsch sind Gewinnmitnahmen sowie die Erwartung, dass in Kürze weitere Impfstoffe sowie auch Covid-Medikamente anderer Hersteller auf den Markt kommen: Hatten Biontech  und Pfizer 2021 einen Umsatz von rund 35 Milliarden US-Dollar erreicht, dürfte sich ein solcher Umsatz im laufenden Jahr kaum erneut erzielen lassen. Die Konkurrenz schläft nicht.

Netflix – harter Streaming-Wettbewerb bremst Wachstum

Netflix

Streamingdienste wie Netflix gehörten zu den großen Gewinnern der Corona-Pandemie. Wegen Lockdowns und Quarantäne-Regeln verbrachten Millionen Menschen weltweit monatelang viel mehr Zeit in den eigenen vier Wänden als zuvor. Die nutzten sie zum Großteil mit Fernsehen: Netflix  erlebte insbesondere zu Beginn der Corona-Krise einen regelrechten Kundenansturm.

Der Aktienkurs hat sich zwischen März 2020 und November 2021 von rund 290 Euro auf mehr als 600 Euro mehr als verdoppelt. Dann kam der Absturz: Seit dem Rekordhoch Mitte November hat die Aktie inzwischen rund 40 Prozent an Wert verloren. Allein die schwachen Geschäftszahlen und ein enttäuschender Ausblick, den das Unternehmen vergangene Woche präsentierte, sorgten für ein Kursminus von etwa 20 Prozent.

Sartorius - Laborausrüster ist vorsichtig mit Blick auf 2022

Sartorius

Der Laborausrüster und Biotech-Zulieferer Sartorius verwöhnt Anleger seit Jahren mit zweistelligem Wachstum. Die Corona-Pandemie hat die Nachfrage nach den Produkten des Unternehmens aus Göttingen noch einmal stark erhöht. Sartorius liefert nicht nur präzise Analysewaagen sowie die Grundausstattung für medizinische Labore. Die Beteiligung Sartorius Stedim Biotech produziert auch für Unternehmen aus der boomenden Biotech-Branche alles, was sie für die Ausstattung ihrer Labore brauchen - von Bioreaktoren über Filtersysteme sowie Nährlösungen für Zellkulturen.

Damit hat sich Sartorius  im Zentrum einer Boombranche positioniert, die auch nach Corona zu den weltweiten Wachstumsbranchen zählen wird. Allerdings läuft die Wachstumsmaschine Sartorius schon so lange, dass es nicht ewig mit den hohen Wachstumsraten der Vergangenheit weitergehen kann. Seit März 2020 hat sich der Börsenwert des Dax-Aufsteigers verdreifacht, doch seit dem Hoch Ende Dezember 2021 bei rund 600 Euro ging es in den vergangenen drei Wochen um rund 25 Prozent abwärts.

Das Unternehmen ist durch Zukäufe stark gewachsen - und präsentierte noch im dritten Quartal 2021 ein Umsatzwachstum von 44 Prozent. In diesem Tempo dürfte es nach Einschätzung vieler Börsianer im Jahr 2022 nicht mehr weitergehen - zumal Sartorius im Herbst die Jahresprognose nicht mehr erhöht hat. Damit begannen die Gewinnmitnahmen.

Peloton – Kunden bevorzugen Fitnessstudios

Peloton

Peloton ist ein US-Unternehmen mit Sitz in New York City, das vor allem Fitnessgeräte wie stationäre Fahrräder und Laufbänder für den heimischen Gebrauch produziert und über ein hochpreisiges Abo-Modell vermarktet. Zusätzlich zum Gerät kauft der Kunde also auch Fitness- und Motivationskurse.

Ein Geschäftsmodell wie gemacht für die Pandemiezeit also – die Aktie vervielfachte ihren Wert zwischen März 2020 und Anfang 2021 von rund 18 Dollar auf etwa 140 Dollar. Doch der Erfolg war nicht von Dauer. Mit dem Ende der Lockdowns öffneten auch die öffentlichen Fitnesscenter wieder, die Nachfrage der Kunden nach Pelotons  Offerten ließ nach.

Zuletzt berichtete der US-Sender CNBC  in der vergangenen Woche, dass das Unternehmen die Produktion vorläufig auf Eis gelegt habe - mangels Nachfrage. Die Aktie ist seit Januar 2021 um rund 80 Prozent abgestürzt und notiert inzwischen wieder auf Vorkrisenniveau.

Delivery Hero - den Lieferdienst bremst die beinharte Konkurrenz

Delivery Hero

Was ist das beste, was einem Lieferdienst passieren kann? Dass Millionen Menschen zu Hause bleiben und sich nur in Ausnahmefällen vor die Tür trauen. Die Lockdown- und Quarantäneregelungen während der Corona-Pandemie haben sich als Turbo für das Geschäftsmodell von Delivery Hero erwiesen: Zwischen März 2020 und Januar 2021 hat sich der Börsenwert des von Niklas Östberg geführten Unternehmens fast verdreifacht.

Ebenso rasch wie die Kundenzahl wuchs in den vergangenen Monaten allerdings auch die Konkurrenz: Delivery Hero  hat es nicht nur mit global aufgestellten Konkurrenten wie Uber Eats und Just Eat Takeaway zu tun, das mit der Marke Lieferando bislang den deutschen Markt beherrscht. Außerdem drängt mit dem US-Riesen Doordash, der sich bereits die Dienste von Wolt und Flink gesichert hat, ein weiterer Konkurrent nach Europa : Grund genug für Östberg, den geplanten Angriff in Deutschland wieder abzublasen.

Lieferdienste gelten weiter als Zukunftsgeschäft, doch der Preiskampf und die Schlacht um Marktanteile ist so brutal, dass Aktionäre wohl auf Jahre mit Verlusten der Wettstreiter rechnen müssen. Anlass genug für Aktionäre, etwas Geld vom Tisch zu nehmen: Um rund 40 Prozent ist die Aktie von Delivery Hero seit Ende November gefallen.

Zoom – Rückkehr in die Büros, Abkehr vom Video-Call

Zoom

Es dürfte nicht viele Menschen in Bürojobs geben, die in den vergangenen zwei Jahren nicht mindestens einmal an einer Zoom-Konferenz teilgenommen haben. Schlagartig verabschiedete sich ein Großteil der arbeitenden Bevölkerung im Frühjahr 2020 ins Homeoffice, wer eben noch täglich gemeinsam die Kantine besuchte, grüßt sich seither nur noch über den Computer-Screen.

Unternehmen wie der US-Videokonferenz-Softwareanbieter Zoom profitierten davon: Das Unternehmen steigerte seine Nutzerzahlen, der Aktienkurs schoss in die Höhe. Kostete die Aktie von Zoom  Anfang 2020 noch weniger als 70 Euro, so waren es auf dem Peak im Oktober des gleichen Jahres plötzlich beinahe 500 Euro. Inzwischen ist der Hype jedoch weitgehend verflogen – eine Zoom Aktie ist für 137 Euro zu haben, so wenig, wie zuletzt im Mai 2020.

Teamviewer – schwaches Wachstum, hohe Kosten

Teamviewer

Auch Teamviewer galt eine Zeit lang als Gewinner der Corona-Krise – womöglich zu unrecht. Das Unternehmen bietet eine Software an, mit deren Hilfe der Fernzugriff und die Fernwartung von Computern möglich ist. Das wird in Zeiten von Lockdowns und Homeoffice gebraucht, dachten sich wohl viele Investoren: Die Aktie konnte ihren Wert in der ersten Hälfte 2020 mehr als verdoppeln. Dann setzte jedoch Ernüchterung ein: Das Unternehmen enttäuschte mit schwächelndem Wachstum, hat ein Kostenproblem und noch dazu eine allzu starke Fluktuation auf der Führungsebene. Inzwischen kostet ein Teamviewer-Papier rund 14 Euro – der Ausgabepreis beim Börsengang 2019 lag bei etwas mehr als 26 Euro.

Rückkehr der Vorsicht am Aktienmarkt

Wie geht es weiter? Noch dürfte die Abkehr von Wachstums- und vielen Techaktien und die Wiederentdeckung des Value-Sektors Experten zufolge kaum beendet sein. Goldman-Sachs-Stratege Mueller-Glissmann rät im Interview beispielsweise zu mehr Diversifikation und hält Banken, Energieversorger sowie die Pharmaindustrie für aussichtsreiche Branchen.

"Value-Trades sind nach wie vor die favorisierte Marktrichtung", sagt auch Louise Dudley, Portfoliomanagerin für den weltweiten Aktienmarkt beim Investmenthaus Federated Hermes. "Denn wachstumsstarke Unternehmen mit hohen Multiplikatoren sind anfälliger für Enttäuschungen bezüglich der Gewinnaussichten." Nach Angaben Dudleys findet am Aktienmarkt gerade "die stärkste Wende zu Value während der vergangenen 20 Jahren" statt.

"Da Zinserhöhungen kurzfristig unausweichlich sind, dreht sich der Markt", sagt auch Geir Lode, Chef für das weltweite Aktiengeschäft bei Federated Hermes. "Ob wir dies nun als Value-Markt oder als Anti-Growth-Markt bezeichnen, das Endergebnis ist dasselbe: Titel mit hohem Multiplikator und hohem Wachstum scheinen anfällig zu sein."

Der Übergang von einem Growth-Markt zu einem Value-Markt werde kaum reibungslos über die Bühne gehen, so Lode. An manchen Tagen würde die Outperformance des Value-Marktes womöglich ins Stocken geraten. Möglich sei auch, dass Tech- und ähnliche Wachstumstitel zwischenzeitig wieder stark anziehen. Insgesamt gebe es nach der Kurshausse des Wachstums- und Tech-Sektors in den vergangenen Jahren aber im Bereich der Value-Aktien einigen Nachholbedarf. Lode ist sich daher sicher: "Die Kapitalströme werden das billigere Ende des Marktes bevorzugen."