Samstag, 24. August 2019

Bayer-Aktie nach 40-Prozent-Kursverlust Der riskanteste Wert im Dax - und der verlockendste

Zugreifen oder Finger weg: Bei der Aktie von Bayer fällt die Entscheidung nicht leicht.
Jannis Mattar/dpa
Zugreifen oder Finger weg: Bei der Aktie von Bayer fällt die Entscheidung nicht leicht.

Um rund 40 Prozent hat die Monsanto-Übernahme und das Glyphosat-Problem die Aktie des Chemieriesen Bayer bereits abrutschen lassen. Weil die Geschäfte des Konzerns trotzdem gut laufen, raten Experten zum Kauf - doch die Risiken sind gewaltig.

Die Aktie des Pharma-und Chemieriesen Bayer gehört gegenwärtig zweifellos zum Verlockendsten und zugleich auch Riskantesten, was der deutsche Leitindex Dax Börsen-Chart zeigen zu bieten hat. Verlockend, weil das Unternehmen in dieser Woche erfreuliche Geschäftsergebnisse vorgelegt hat, und das nach einer Talfahrt des Aktienkurses, die zeitweise mehr als 40 Prozent des Konzernwertes pulverisiert hat. Bemerkenswert dabei: Vor allem das Agrargeschäft inklusive des umstrittenen US-Zukaufs Monsanto übertraf die Erwartungen.

Ein idealer Moment zum Einstieg also, wie es scheint. Die meisten Bayer-Aktionäre sind zwar wütend auf das Management, das sie für den Kurssturz der vergangenen Monate verantwortlich machen. Vorstand und Aufsichtsrat hätten die Rechtsrisiken der Monsanto-Übernahme unterschätzt, so der Vorwurf. Seit der Übernahme sieht sich Bayer mit mehr als 13.000 Klagen in den USA konfrontiert, und die US-Klageindustrie läuft weiterhin auf Hochtouren. Bayer-Chef Werner Baumann stand während der Bayer-Hauptversammlung in Bonn im Kreuzfeuer der Kritik: Und nur mit beschwörenden Floskeln wie "Bayer bleibt Bayer" wird er die Aktionäre nicht besänftigen können.

Am Donnerstag, dem Tag der Bekanntgabe der Ergebnisse, trieben Investoren den Kurs des Bayer-Papiers um mehr als 2 Prozent in die Höhe. Der Kursgewinn wäre zweifellos deutlicher ausgefallen, wäre da nicht die Kehrseite der Medaille, die angesprochenen Risiken, die auch der Grund für den Kurssturz der vergangenen Monate sind. Auch dabei steht Mosanto im Mittelpunkt: Die Frage, ob der von der US-Tochter hergestellte Unkrautvernichter Glyphosat möglicherweise Krebs erregt, ist nicht nur von existenzieller Bedeutung für viele Tausend Menschen, die täglich weltweit mit dem Mittel zu tun haben. Für Bayer wuchs sich diese Frage vielmehr in den vergangenen Monaten zu einem Milliardenrisiko aus.

Ebenfalls am Donnerstag musste der Konzern bekanntgeben, dass die Zahl der Fälle, in denen Menschen das Unternehmen wegen einer angeblich durch Glyphosat verursachten Krebserkrankung verklagt haben, erneut gestiegen ist. Mit insgesamt 13.400 solcher Klagen sieht sich Bayer inzwischen konfrontiert. Das sind etwa 2200 mehr als noch zu Beginn des Jahres.

Ein Grund für den Anstieg der Fallzahl dürften erste Urteile sein, die US-Geschworenengerichte in solchen Fällen gesprochen haben. Bereits zweimal wurde Krebspatienten in den USA Schadensersatz in Höhe von jeweils rund 80 Millionen Dollar zugesprochen.

Soweit die Gemengelage - doch wie sollen Investoren damit umgehen? Ist die Bayer-Aktie ein Kauf, weil die Geschäfte trotz der Diskussion um Glyphosat gut zu laufen scheinen und der Kurs nach der Talfahrt die wirtschaftliche Lage sowie die Aussichten womöglich nicht annähernd widerspiegelt? Oder heißt es besser: Finger weg, weil die Risiken im Zusammenhang mit den Prozessen um Glyphosat einfach zu groß sind?

Viele Analysten raten zum Kauf der Aktie

Ein Blick auf die Analysen von Banken und Investmenthäusern zeigt: Die Mehrzahl der Profibeobachter rät, die Bayer-Aktie beim gegenwärtigen Stand entweder zu kaufen oder zumindest zu halten. Der Berufsstand neigt zwar ohnehin eher zum Optimismus. In diesem Fall fällt das Urteil jedoch auffallend einhellig aus.

Kein Wunder, denn die Rechnung, die dahinter steckt - und die ein Analyst im Hintergrundgespräch mit manager-magazin.de erläutert -, mutet relativ simpel an: Gemessen am inneren Wert des Unternehmens, der sich anhand nackter Zahlen berechnen lässt, wird die Bayer-Aktie gegenwärtig - je nach individueller Kalkulation - mit einem Abschlag im niedrigen bis mittleren zweistelligen Prozentbereich gehandelt. Bezogen auf den Marktwert des Unternehmens heißt das: Gäbe es das Thema Glyphosat nicht, so könnte Bayer an der Börse wohl für 90 oder gar 100 Milliarden Euro gehandelt werden. Allein die Rechtsrisiken in den USA drücken den Börsenwert des Konzerns aktuell auf etwa 60 Milliarden Euro.


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Die Frage, ob Investoren die Aktie kaufen sollen oder nicht, mutiert vor dem Hintergrund also zu der Frage: Spiegeln die zurzeit etwa 30 bis 40 Milliarden Euro Abschlag beim Börsenwert das Glyphosat-Risiko des Unternehmens angemessen wider? Viele Analysten sind offenbar nicht der Meinung. Sie glauben vielmehr, dass es der Markt mit seinem Pessimismus gegenwärtig übertreibt. Den fairen Wert der Aktie sehen die Fachleute im Schnitt bei mehr als 80 Euro - und damit deutlich über dem aktuellen Kurs von rund 62 Euro.

Damit vertrauen die Analysten darauf, dass das Bayer-Management um Konzernchef Werner Baumann die Glyphosat-Krise erfolgreich meistern wird. Bayers Strategie ist dabei klar: Die aktuellen Niederlagen vor den Geschworenengerichten in den USA, von denen es in nächster Zeit noch weitere geben dürfte, müssen hingenommen werden, keines der Urteile ist bislang rechtskräftig.

Waghalsiges Spiel von CEO Baumann

Entscheidend, so der Konzern, werden letztlich die Urteile sein, die in höherer Instanz von Berufsrichtern gefällt werden. Dabei hofft Bayer offenbar darauf, dass sich die Rechtsprofis weniger durch Emotionen leiten lassen, als dies mutmaßlich bei mit juristischen Laien besetzten Jurys der Fall ist. Stattdessen sollen bei den Berufsrichtern die Argumente Bayers verfangen, die vor allem darauf beruhen, dass es zahlreiche wissenschaftliche Gutachten gebe, die belegen sollen, dass Glyphosat nicht Krebs erregend sei.

Das Problem: Bis es in dieser Sache zu einem ersten Urteil in einer höheren Instanz kommen wird, können Beobachtern zufolge noch Monate vergehen - mindestens. Eine lange Zeit also, während derer die Bayer-Aktie aus Sicht von Investoren noch mit einer gewaltigen Unsicherheit behaftet sein wird.

Hinzu kommt, dass auch das augenscheinlich so gesunde operative Geschäft des Leverkusener Konzerns seine Unsicherheiten birgt. So zeigten die jüngsten Quartalsergebnisse, wie manager-magazin.de bereits berichtet hat, zugleich, wie stark der Konzern in den kommenden Jahren auf die Erträge aus dem Geschäft mit Saatgut, Pestiziden, Herbiziden und Fungiziden angewiesen ist. Denn für die Bestseller aus dem Pharmabereich, den Blutgerinnungshemmer Xarelto und das Augenmittel Eylea, deren Patente Ende 2024 abzulaufen beginnen und die für mehr als vier Milliarden Euro Umsatz stehen, ist noch kein Nachfolger in Sicht.

Ein waghalsiges Spiel also, welches Bayer-CEO Baumann gegenwärtig betreibt. Doch andererseits: Welche Alternative hätte er? Im schlimmsten Fall werden sich beim Thema Glyphosat in den nächsten Instanzen auch die Berufsrichter in den USA auf Seite der Kläger stellen. Das wäre für Bayer der Supergau, und auch in dem Fall ließe sich eine simple Rechnung aufstellen: Möglicherweise 80 Millionen Dollar Schadensersatz für jeden der vielen Tausend Kläger, das ergibt schnell eine Summe von mehr als einer Billion Dollar, die Bayer im schlimmsten aller Fälle zu zahlen hätte.

Christoph Rottwilm auf Twitter

Zugegeben, das ist zweifellos der Worst-Worst-Case und ein sehr hypothetisches Gedankenspiel. An dessen Ende würde es Bayer in seiner gegenwärtigen Form vermutlich nicht mehr geben - auch diese Variante sollten Investoren wohl zumindest im Hinterkopf haben.

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