Nach Kursrutsch bei VW, Daimler und BMW Autoaktien - günstig, aber auch riskant

Nach starken Kursverlusten locken Aktien von Autoherstellern wie Daimler, BMW und VW mit günstigen Bewertungen und hohen Dividendenrenditen. Doch wer zugreift, spielt Vabanque.
Elektroauto-Modelle von Volkswagen: Gelingt den Konzernen der Übergang in eine Zukunft mit alternativen Antrieben?

Elektroauto-Modelle von Volkswagen: Gelingt den Konzernen der Übergang in eine Zukunft mit alternativen Antrieben?

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Details zu geplanten Elektroauto-Modellen: So will VW in die neue Elektro-Ära starten

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Diskussion um Autozölle, Stellenabbau bei General Motors (GM) , neue Pläne für die elektro-mobile Zukunft - die Autoindustrie sorgt zurzeit für viele Schlagzeilen. Das führt auch am Aktienmarkt zu Bewegungen: Das Papier von GM etwa legte nach der Veröffentlichung des geplanten Jobabbaus kräftig zu. Mit den Aktien hiesiger Hersteller dagegen ging es in den vergangenen Tagen abwärts, als die alte Spekulation um mögliche Zölle der USA auf Autoimporte aus der EU neu aufflammte.

Ohnehin entwickelten sich die Aktien der deutschen Autobauer in den vergangenen Monaten nicht sehr erfreulich. Die Papiere von BMW  und Volkswagen  liegen auf Zwölf-Monats-Sicht mit beinahe 15 Prozent im Minus, bei Daimler  beträgt der Kursverlust sogar fast 30 Prozent.

Weil die Konzerne ungeachtet des eingetrübten Ausblicks bislang noch vergleichsweise ordentlich verdienen, hat das eine einfache Folge: Sie erscheinen an der Börse nun vergleichsweise günstig bewertet. So liegt das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von Daimler beispielsweise einer Übersicht der DZ Bank aus dieser Woche zufolge momentan bei lediglich 6,1. Bei Volkswagen und BMW sind die Werte mit 5,7 und 5,9 sogar noch niedriger.

Zum Vergleich: Der Leitindex Dax  insgesamt wird momentan mit einem KGV von gut 12 gehandelt. Im langjährigen Durchschnitt liegt der Wert für den Index ebenfalls im deutlich zweistelligen Bereich. Auch im Vergleich zu ihrer US-Konkurrenz erscheinen die hiesigen Autohersteller zudem aktuell günstiger. Und: Die niedrigen Kurse bringen beispielsweise bei Daimler und BMW ansehnliche Dividendenrenditen von 5 Prozent und mehr mit sich.

Die Problemfelder der Autoindustrie

Stellt sich also die Frage, ob sich der Einstieg nach den vergangenen Kursverlusten bereits wieder lohnt. Verschiedene Analysten sind offenbar dieser Meinung: Einer Übersicht der Website Finanzen.net zufolge gibt es aktuell bei allen drei deutschen Autobauern mehr Kauf- als Verkaufsempfehlungen von Seiten der Experten in Banken und Investmenthäusern. Besonders optimistisch sind die Analysten in Bezug auf Volkswagen: Bei den Aktien hat der Ratschlag, zuzugreifen, eine sehr deutliche Mehrheit hinter sich.

Volkswagen stünden wie allen Autobauern angesichts des technologischen Branchenwandels erhebliche Forschungs- und Entwicklungsaufwendungen bevor, begründet beispielsweise Analystin Dorothee Cresswell von Barclays Capital ihre zuversichtliche Einschätzung. Mit den vom neuen Chef Herbert Diess geplanten Effizienzmaßnahmen sollte VW diese Herausforderungen aber meistern, so Cresswell.

Auch die Deutsche Bank hob vor gut einer Woche den Daumen: Der Autobauer aus Wolfsburg habe die Gewinnerwartungen für 2020 angehoben, und das in einer Zeit, in der die Konkurrenz ihre Profitziele gesenkt hätte. Das sei sehr positiv, so Analyst Tim Rokossa.

Einerseits. Andererseits kommt die Kurschwäche nahezu sämtlicher großer Autohersteller in Deutschland und den USA eben auch nicht von ungefähr. Denn die Konzerne haben gleich an mehreren Fronten schwer zu kämpfen:

  • Erstmals seit Jahren schwächelt die Autonachfrage in den USA und China, den beiden immerhin größten Absatzmärkten der Welt. Im Oktober beispielsweise wurden in der Volksrepublik Zahlen der China Passenger Car Association zufolge lediglich 1,95 Millionen Pkw abgesetzt - das sind 13 Prozent weniger als im gleichen Monat des Vorjahres.
  • Der Handelsstreit zwischen den USA und China macht den Konzernen ebenfalls zu schaffen. Daimler und BMW etwa begründeten damit in diesem Jahr bereits Gewinnwarnungen. US-Hersteller wie GM oder Ford werden durch den Konflikt zudem doppelt getroffen: Einerseits verteuern zusätzliche Abgaben ihre Fahrzeuge in China, andererseits steigen die Kosten für Vorprodukte wegen der Sonderzölle, die die Regierung Trump auf Aluminium und Stahl erhebt, die in die Vereinigten Staaten eingeführt werden.
  • Auch Zölle auf Autoimporte aus der EU in die USA sind noch längst nicht vom Tisch. Erst in dieser Woche flammte die Spekulation darüber wieder auf - die Aktienkurse von Volkswagen, Daimler und BMW gerieten daraufhin einmal mehr heftig unter Druck.
  • Ein besonderes Problem für hiesige Autobauer wiederum ist der nach wie vor nicht aufgelöste Dieselskandal sowie dessen Neben- und Nachwirkungen. Die Umstellung auf das einheitliche Abgasprüfverfahren WLTP beispielsweise verläuft alles andere als rund und hat den Unternehmen bereits zählbare Absatzeinbußen eingebrockt. Ohnehin verkaufen die Hersteller weniger Dieselfahrzeuge, was ihnen auch Probleme bereitet bei dem Versuch, die CO2-Vorgaben der EU einzuhalten. Auf der anderen Seite ist unklar, ob dieses Manko durch eine Steigerung der Verkäufe von Autos mit alternativen Antrieben wie beispielsweise E-Motoren künftig ausgeglichen werden kann. Insbesondere Volkswagen dürfte zudem in Sachen Diesel noch ein erhebliches - und vermutlich auch teures - Rechtsrisiko mit sich herumschleppen.

Ungewisse Wette auf die Zukunft

Die Einschnitte, die GM in dieser Woche bekanntgab, und die bei dem Unternehmen unter dem Strich rund 15.000 Jobs gefährden, stehen letztlich im unmittelbaren Zusammenhang mit den meisten der genannten Problemfelder. Und auch die Ankündigungen deutscher Hersteller wie Volkswagen und BMW, in großem Stil in die E-Mobilität investieren zu wollen und weitere Produktionsstätten in den USA zu planen, entspringen im Kern dieser Zwangslage.

Wie problematisch die Situation insbesondere für deutsche Autounternehmen derzeit ist, machte jüngst eine Studie der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft EY deutlich. Die Untersuchung zeigte: Zwar stieg zuletzt noch der Gesamtumsatz der 16 größten Autokonzerne der Welt. Die Absatzzahlen waren jedoch im dritten Quartal 2018 erstmals seit der Finanzkrise rückläufig. Und was Investoren besonders hellhörig machen dürfte: Angesichts steigender Kosten und vor allem hoher Ausgaben für Forschung und Entwicklung schrumpfen plötzlich auch die Gewinnmargen der Unternehmen.

Insbesondere die deutschen Hersteller fielen im Margenvergleich zuletzt zurück: BMW verlor die Spitzenposition und befindet sich mit einer Gewinnmarge von 7,1 Prozent inzwischen weltweit nur noch auf Platz drei. Für Daimler ging es von Rang drei abwärts auf Rang fünf und Volkswagen befindet sich international auf dem siebten Platz.

Spitze in der Profitabilität dagegen sind inzwischen japanische Konkurrenten: Suzuki (8,7 Prozent) und Toyota (7,9 Prozent) führen das Margen-Ranking an. Ein Grund dafür dürfte die Schwäche des japanischen Yen sein, die die Geschäfte der Unternehmen zuletzt beflügelte. Ein anderer aber womöglich auch die bessere Strategie: Insbesondere Toyota hebt sich vom Gros der weltweiten und insbesondere von der deutschen Autoindustrie ab, indem der Konzern den aktuellen Hype um die vermeintlich zukunftsträchtige Elektromobilität weitgehend ignoriert .

Kein Wunder, Toyota kann es sich womöglich leisten: Der Konzern verkaufte schon vor 20 Jahren die ersten Autos mit Hybridmotor und verfolgt dieses Antriebskonzept bis heute konsequent weiter. Milliardenschwere Investitionen, mit denen beispielsweise Volkswagen gegenwärtig versucht, seine Zukunft zu sichern, können sich die Japaner daher sparen.

Für Investoren scheint die Lage daher klar: Glauben sie daran, dass die deutschen Hersteller mit ihren teuren Zukunftsstrategien richtig liegen und langfristig Erfolg haben werden, so ist derzeit womöglich ein guter Zeitpunkt, die Aktien von Volkswagen, Daimler oder BMW günstig ins Depot zu nehmen. Viel spricht allerdings auch dafür, vorerst abzuwarten. Denn die Unklarheiten und Unsicherheiten in Bezug auf die weitere Entwicklung der gesamten Autobranche in den kommenden Jahren erscheinen aktuell noch extrem hoch.