Finanzmarktkolumne Wer wird Billionär?

Nachdem Apple als erstes Unternehmen die Schwelle von 700 Milliarden Dollar Börsenwert übersprang, stellen sich zwei Fragen: Ist die Bewertung gerechtfertigt? Und vor allem: Was bringt das eigentlich dem Konzern aus Cupertino?
Hoffnungsträger am Handgelenk: Die Zukunft Apples hängt auch vom Erfolg der Apple Watch ab

Hoffnungsträger am Handgelenk: Die Zukunft Apples hängt auch vom Erfolg der Apple Watch ab

Foto: JUSTIN SULLIVAN/ AFP

Hamburg - Wer wird der erste Billionär, fragte kürzlich die "Neue Zürcher Zeitung" (NZZ) in einer Headline. Gemeint war die Marktkapitalisierung börsennotierter Unternehmen: Welcher Konzern überspringt als erster die Grenze von einer Billion Dollar?

Lange dauert es vielleicht nicht mehr. Und heißester Anwärter ist unumstritten das Unternehmen mit dem "i": Apple , ansässig in Cupertino, Kalifornien. Der Hersteller von iPhone, iPad und iPod ist schon jetzt das wertvollste Unternehmen der Welt. In dieser Woche übersprang der Apple-Börsenwert erstmals die Marke von 700 Milliarden Dollar - das gelang zuvor noch keinen Unternehmen weltweit.

Dass ausgerechnet ein Hersteller von Unterhaltungs- und Kommunikationstechnologie an der Weltspitze steht, ist kein Zufall: Die Rangliste spiegelt die Kräfteverhältnisse in der Weltwirtschaft wider. Da sorgen inzwischen - insbesondere in den USA - IT-Firmen für Wachstum, von denen mit Microsoft  (Börsenwert: etwa 397 Milliarden Dollar) und Google  (etwa 371 Milliarden Dollar) auch gleich zwei weitere unter den größten Vieren zu finden sind.

Die "Old-Economy" dagegen spielt schon lange nur noch die zweite Geige. Öl-Multi Exxon verteidigt mit einem Marktwert von etwa 405 Milliarden Dollar zwar noch Platz zwei. Der sinkende Ölpreis macht dem Unternehmen aber zu schaffen - und damit auch dem Aktienkurs.

Zwei wichtige Fragen

Vor hundert Jahren war das noch anders. Da übersprang mit US-Steel ein Vertreter der Schwerindustrie als erster weltweit die Grenze von einer Milliarde Dollar Börsenwert, wie auch die NZZ anmerkt.

Abgesehen von Zahlenspielereien und Superlativen stellen sich beim Thema Marktkapitalisierung allerdings vor allem zwei Fragen: Ist die Bewertung eines Konzerns gerechtfertigt? Und: Welchen Nutzen hat ein Unternehmen eigentlich von einer hohen Marktkapitalisierung?

Zunächst zum zweiten Punkt. Experten sehen vor allem drei Vorteile, die mit der schieren Größe die Börsenwerts zusammenhängen, als da wären:

  • Der Finanzierungseffekt: "Natürlich gibt es bei der Aufnahme von neuem Kapital gewissen Größenvorteile", sagt Christoph Kaserer, Finanzprofessor von der Universität in München. "Diese dürften sich bei Unternehmen im zweistelligen Milliardenbereich der Marktkapitalisierung kaum noch unterscheiden."
    Das heißt: Je größer ein Unternehmen, desto geringer das Risiko, ihm Geld anzuvertrauen - und desto niedriger die Zinsen, die ein solcher Konzern beispielsweise für Kredite zahlen muss.
    Den besten Beleg dafür liefert wiederum Apple. Als Konzernchef Tim Cook sowie sein Finanzvorstand Luca Maestri kürzlich erstmals eine Anleihe in Euro auf den Markt brachten, rissen ihnen die Investoren die Papiere förmlich aus den Händen. Der Zinssatz, mit dem Apple den Bond ausstatten musste, war der niedrigste, der bislang weltweit von einem Unternehmen für vergleichbare Papiere gezahlt wurde.
  • Der Nachfrageeffekt: Spielt ein Konzern in der Liga von Apple, Microsoft und Co., so verstärkt sich ein Anstieg des Börsenkurses zu einem gewissen Teil selbst. Der Grund: In den meisten Aktienindizes richtet sich die Gewichtung der Einzelaktien nach der Marktkapitalisierung der Unternehmen. Insofern steigt mit dem Börsenwert auch die Nachfrage nach den Aktien des jeweiligen Unternehmens, wie Bernd Hartmann von der Liechtensteiner VP Bank gegenüber manager magazin online erläutert. "Viele aktive Fondsmanager orientieren sich an den Gewichten in den Indizes", so Hartmann. "Verstärkt wird dies noch durch den Boom bei passiven Fonds, sogenannten ETFs, die Indizies eins zu eins abbilden."
  • Der PR-Effekt: Ein Unternehmen wie Apple, so scheint es, braucht sich um Marketing eigentlich ohnehin kaum noch zu kümmern und kann sich auch eine Werbe- oder Presseabteilung beinahe sparen. Weltweit berichten die Medien laufend und ausführlich über den Konzern aus Kalifornien. Dass das Unternehmen das wertvollste der Welt ist, trägt zu dieser Dauerpräsenz zusätzlich bei, wie zum Beispiel die umfangreiche Berichterstattung in dieser Woche über den Sprung über die 700-Milliarden-Dollar-Marke zeigt (inklusive des vorliegenden Artikels selbstverständlich).

Was allerdings nicht verschwiegen werden darf: Die Größe eines Unternehmens hat auch Nachteile. Zum Beispiel steigt der Erfolgsdruck auf das Management. "Der Börsenwert ist natürlich ein Leistungsausweis", sagt Felix Schleicher von Value Asset Management in München. "Das ist insofern undankbar, weil die Messlatte verdammt hoch hängt." Bei Apple etwa werden jährliche Gewinne in der Größenordnung von 50 Milliarden Dollar geradezu erwartet, so Schleicher. "Diese 'Big Numbers' sind auch ein mögliches Problem für Aktionäre, denn die prozentualen Steigerungsmöglichkeiten sinken", so der Investmentprofi.

Ist Apple wirklich 700 Milliarden Dollar wert?

Bleibt nur eine Frage: Ist der Börsenwert überhaupt angemessen? Wer darauf eine Antwort sucht, stößt unweigerlich auf das nächste Problem: Wie ermittelt man überhaupt den korrekten Wert eines Unternehmens? Darüber philosophieren schon Generationen von Analysten. Einig sind sie sich soweit bekannt bislang nicht geworden. Und das hat vor allem einen Grund: Viele Faktoren, die den Unternehmenswert beeinflussen, liegen in der Zukunft und können daher nicht präzise bestimmt werden. Das macht die Sache diffizil.

Nehmen wir das Beispiel Apple. Selbstverständlich ist das iPhone nach wie vor der Hauptumsatzträger des Unternehmens. Ein Teil der 700-Milliarden-Dollar-Bewertung dürfte aber auch auf die Erwartung an die Erlöse entfallen, die der Konzern mit seiner neuesten Erfindung machen wird: der Apple Watch.

Aber wie erfolgreich wird sich die Armbanduhr aus Cupertino verkaufen? Wird sie zum Hit wie schon so viele Apple-Produkte zuvor? Oder floppt sie, wie andererseits schon einige Smartwatches zuvor?

Die Meinungen gehen auseinander. Auf der einen Seite stehen Optimisten wie etwa die Analysten der US-Bank Morgan Stanley. Die erwarten, dass Apple im kommenden Jahr mindestens 30 Millionen Exemplare der Apple Watch absetzen wird.

Auf der anderen Seite gibt es aber auch Skeptiker. Dazu zählt zum Beispiel - zweifellos nicht ganz uneigennützig - Nick Hayek, Chef des weltgrößten Uhrenkonzerns Swatch . Er halte die Apple Watch für unausgereift, sagte Hayek in dieser Woche in einem Interview mit dem "Handelsblatt". Sie sei daher keine Konkurrenz für seine Branche.

Wer Recht hat, wird sich in den kommenden Monaten an den Verkaufstischen der Apple-Läden rund um den Globus zeigen. Dort, wo auch über den wahren Wert des Apple-Konzerns entschieden wird.

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