Nach über 30 Jahren Zeitenwende am Anleihenmarkt

Jahrzehntelang galten Anleihen als gutes Investment. Doch angesichts von Inflation und steigenden Notenbankzinsen zeichnet sich eine historische Wende ab. Eine Entwicklung, die noch nicht ihr Ende gefunden haben dürfte.
Die Bären sind los: Am Anleihenmarkt geht es weltweit bergab, besonders stark in Europa

Die Bären sind los: Am Anleihenmarkt geht es weltweit bergab, besonders stark in Europa

Foto: Frank Rumpenhorst/ dpa

"Globale Anleihen stürzen in ihren ersten Bärenmarkt seit einer Generation", titelte  der Nachrichtendienst Bloomberg am vergangenen Freitag. Das fasst eine dramatische Entwicklung zusammen, die der weltweite Anleihenmarkt seit dem vergangenen Jahr nimmt – der entsprechende Bloomberg-Anleihenindex "Global Aggregate Total Return" sank nach dem Höchststand 2021 um ein Fünftel. Allein in diesem Jahr verlor er rund 16 Prozent seines Werts.

Es ist eine historische Wende. Seit drei Jahrzehnten andauernde Bullenmarkt für Anleihen ist Vergangenheit – die Bären haben wieder das Sagen. Der Begriff Bärenmarkt steht an der Börse für einen Kursrückgang um mindestens 20 Prozent im Vergleich zum vorangegangenen Hoch. Am Aktienmarkt sind derartige Rücksetzer keine Seltenheit, bei Bonds dagegen weitgehend unbekannt. Gerade diese Stabilität macht die Anleihen bei professionellen und privaten Geldanlegern so beliebt – sie dienen in den Portfolios oft zur Risikominderung und Diversifizierung.

Aktuell trifft es beide Anlageklassen, das macht die Lage schwierig. Neben den Aktienkursen – der globale Index des US-Finanzdienstleisters MSCI etwa ist seit Jahresbeginn um 19 Prozent eingebrochen – sinken eben auch die Anleihenkurse. Zwar steigen im typisch gegenläufigen Effekt die Renditen: zehn Jahre laufende US-Bonds rentieren aktuell bei rund 3,3 Prozent; die deutschen Pendants stehen bei rund 1,5 Prozent. Aber die Kurse sinken, weil die Investoren sich bereits massenhaft von Papieren trennen. "Wir befinden uns in einem neuen Anlageumfeld", sagt Kellie Wood, Vermögensverwalterin für festverzinsliche Wertpapiere bei der global aufgestellten Investmentfirma Schroders.

Europäische Anleihen mit den größten Verlusten

Ganz besonders unter Druck stehen die Kurse in Europa, das vor allem durch stark gestiegene Preise für Energie, insbesondere für Gas, unter den Folgen des nun bereits mehr als ein halbes Jahr andauernden russischen Kriegs gegen die Ukraine zu leiden hat. Besser steht es in Asien, die Zentralbanken in China oder Japan fahren weiterhin eine eher lockere Geldpolitik, was die Anleihekurse stützt.

Der Hauptgrund für die historische Wende ist das Ende der Niedrigzinspolitik. Angesichts der hohen Inflation in den USA und der Euro-Zone haben die Währungshüter begonnen, die Zinsen zu heben. Jerome Powell (69), Chef der amerikanischen Federal Reserve (Fed), hat gerade erst weitere Schritte angedeutet: Die Wiederherstellung der Preisstabilität werde für einige Zeit eine restriktive Geldpolitik nötig machen, so Powell kürzlich auf dem Zentralbank-Symposium von Jackson Hole. Die zur Verfügung stehenden Werkzeuge müssten "kraftvoll" genutzt werden. Aus der Europäischen Zentralbank (EZB) sind ähnliche Töne zu vernehmen.

Die Aussagen wurden von den Investoren als deutliches Signal gewertet. Die von einigen erhofften Lockerungen sind nicht in Sicht, wohl auch nicht im kommenden Jahr 2023. Powell nahm in seiner Rede Bezug auf die 1980er-Jahre, es sei historisch belegt, dass eine vorzeitige Lockerung der Zinspolitik zu vermeiden sei. Der damalige Fed-Vorsitzende Paul Volcker hatten die Leitzinsen in seiner ebenfalls von hoher Inflation geprägten Amtszeit sogar auf über 20 Prozent angehoben, um den Inflationsdruck einzudämmen.

Zusätzlich werden die Anleihekaufprogramme, mit denen Fed und EZB über Jahre die Kurse gestützt hatten, zurückgefahren. Die Fed beispielsweise trennt sich aktuell von Wertpapieren im Umfang von monatlich 95 Milliarden Euro. Beobachter wie Simeon Hyman, Chef-Anlagestratege des Fondsanbieters ProShares, rechnen sogar mit einer möglichen Verdopplung des Volumens. In der EZB gibt es Stimmen, die Bilanz im vierten Quartal ebenfalls zurückzufahren – allerdings langsam.

Angesichts der Lage wetten Investoren schon heute im großen Stil auf einen weiteren Kursverfall bei Anleihen. Daten der US-Derivateaufsicht CFTC zufolge ist das Volumen derartiger Geschäfte seit Ende Juli um 30 Prozent gestiegen.

In Europa und den USA stehen nun vermutlich die stärksten Zinserhöhungen seit Jahrzehnten an. Noch im September erwarten Marktbeobachter entscheidende Signale sowohl in den USA als auch in Europa. Einen Absturz der Wirtschaft werden sie damit allerdings wohl nur schwer verhindern können. Immerhin – auch wenn es fast zynisch klingt: Für den Vermögensverwalter Schroders liegt in dem Risiko starker Konjunktureinbrüche zumindest eine Chance für Staatsanleihen. "In nicht allzu ferner Zukunft wird es eine hervorragende Gelegenheit geben, Anleihen zu kaufen, da die Zentralbanken uns eine globale Rezession garantieren", zitierte Bloomberg die Investmentexperten.

hr
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