Montag, 24. Juni 2019

Anlage-Illusion Das Gesetz der großen Zahl

Kurstafel in Tokio: Wenn alle in ein Unternehmen investieren - muss man selbst auch dabei sein?

Stark schwankende Börsen, niedrige Zinsen - Geld anzulegen ist derzeit keine einfache Aufgabe. Viele Anleger vertrauen dem Gesetz der großen Zahlen - ein gefährlicher Glaube.

Hamburg - Neulich in einem Besprechungszimmer des Verlags. Dort saß Tilmann Galler, Kapitalmarktexperte bei JP Morgan Asset Management. "Während zahlreiche Analysten noch vor vergleichsweiser kurzer Zeit davon ausgingen, dass wir in Europa auf ein Inflationsszenario zulaufen, wird nun deutlich, dass wir es aktuell eher mit deflationären Risiken zu tun bekommen", skizziert er die Sicht des Unternehmens auf Realwirtschaft und Börsen.

Deflation statt Inflation: Das scheint die Zukunft zu sein
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Deflation statt Inflation: Das scheint die Zukunft zu sein
Deflation würde bedeuten, dass Dinge des täglichen Bedarfs immer günstiger werden und jeder seinen Einkauf deswegen auf morgen verschiebt. Für die Gesamtwirtschaft kein schönes Szenario und für Investoren ein Hinweis, vermehrt über Aktien nachzudenken. Doch die scheuen in Deutschland noch immer die Börse. Und setzen, neben den bekannten Sparbüchern, lieber auf das Gesetz der großen Zahl.

Wenn die Mehrheit auf Sparkonten setzt, muss die Mehrheit recht haben

Die Ursache dafür dürfte in der Psychologie verwurzelt liegen. Eine bekannte Ausprägung davon ist die deutsche Abstinenz von Aktien. Das ging lange gut, immerhin "ließen sich mit klassischen 'sicheren Anlagehäfen' wie Sparbüchern, Tagesgeldern oder festverzinslichen deutschen Staatsanleihen in der Vergangenheit recht auskömmliche Erträge erwirtschaften, so dass wenig Anreiz gegeben war, in Aktien zu investieren", sagt Pia Bradtmöller, Marketing-Leiterin bei JP Morgan Asset Management.

Zuletzt war es eine Studie des britischen Finanzhauses Schroders, die die Anlagegewohnheiten auch der deutschen Anleger untersuchte. Das Ergebnis: Abstrakt wurden Aktien als Asset-Klasse mit guten Gewinnaussichten erkannt. Immerhin 73 Prozent der befragten Deutschen argumentierten so. Doch wo sind diese 73 Prozent in der Praxis? Nicht in Aktien.

Statt dessen greift das Vertrauen auf die anderen: Wenn alle ein graues Auto fahren, dann ist das richtig. Wenn alle Lebensversicherungen kaufen, dann ist das richtig. Und wenn alle einen bestimmten Fonds kaufen, ist das richtig. Denn genau das ist das Gesetz der großen Zahl - das Ergebnis eines unbewusst gemeinschaftlichen Handelns.

Die Risiken gemeinschaftliches Handelns

Beipiel eines vermeintlich heißen Tipps: Prokon warb quer durch die Republik mit jährlichen Renditen von 8 Prozent - und zog deswegen viele Investoren an. Dass solche Beteiligungen nicht risikolos sind, haben Prokon-Anleger leidvoll erfahren.

Beispiel Einzelaktien. Nestlé Börsen-Chart zeigen ist mit fast 180 Milliarden Euro die Aktie mit der europaweit höchsten Marktkapitalisierung. Und dürfte entsprechend eine der beliebtesten sein. Die Herleitung funktioniert so - in der Krise greife man zu dem, was man kennt. Und das sind nun einmal Unternehmen wie Nestlé mit vertrauten Marken wie Smarties oder Alete. Je mehr Investoren daran glauben, umso mehr springen andere auf diesen Zug auf.

Je größer ein Fonds, desto unbeweglicher

Das gleiche geschieht auf Fondsebene. Denn je größer ein Fonds ist, umso mehr Gelder kann er zusätzlich einsammeln. Beispiel globale Aktienfonds - die zehn größten Fonds haben einen Marktanteil von 32 Prozent, rechnet das Beratungsunternehmen Cerulli Associates vor. Allein der DWS Top Dividende hat einen Marktanteil von 2,2 Prozent, ebenso der M&G Global Dividend. Im Bereich der vermögensverwaltenden Fonds wird das noch deutlicher - der Gars-Fonds von Standard Life hat inzwischen einen Marktanteil von 9 Prozent - und sammelte allein im Januar fast 300 Millionen Euro neues Geld ein, zeigen die Daten von Cerulli.

"Viele Fonds haben eine entsprechende Größe erreicht, weil sie populär und über Jahre etabliert sind", sagt Achim Küssner, Geschäftsführer der Schroder Investment Management. "Deshalb entscheiden sich Anleger für diese Produkte - nach dem Motto, was viele machen, kann nicht falsch sein."

Und fallen damit doch manchmal auf die Nase. Zum einen, weil sich inzwischen manche Finanzaufseher über die Größe irritiert zeigen. Wie Andrew Haldane von der Bank of England, der die Branche jüngst mit der Einschätzung aufschreckte, Großfonds könnten ein systemisches Risiko für den Markt darstellen. Zum anderen, weil es mit steigendem Fondsvolumen oftmals schwieriger für dessen Management wird, die guten Erträge der Vergangenheit zu wiederholen. Weil ihm mit steigender Größe die lukrativen Nischenmärkte verwehrt werden.

Das belastet das Ergebnis. Und irgendwann ziehen sich die Investoren dann zurück. Auf zum nächsten Investment. Das gleiche Bild bei Aktien. Nichts währt eben ewig an der Börse. Vergessene Publikumslieblinge gibt es zuhauf, Thiel Logistik Börsen-Chart zeigen zum Beispiel aus Zeiten des Neuen Markts. Die Börse liebt halt "the next big thing" - etwas frei übersetzt, die große Zahl.

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