Dienstag, 19. November 2019

Börsengang abgesagt - Alibaba wolle "Peking nicht verärgern" Hongkong-Krise - auch Alibaba beugt sich Peking

Alibaba-Gründer Jack Ma hat die Zweitnotierung in Hongkong verschoben. Offenbar will der Milliardär Peking nicht verärgern

Der chinesische Amazon-Rivale Alibaba verschiebt wegen der Proteste in Hongkong seinen dort geplanten milliardenschweren Börsengang. Der Alibaba-Verwaltungsrat habe dies vor dem Hintergrund gewalttätiger Straßenschlachten und zunehmender Turbulenzen an der Börse in der chinesischen Sonderverwaltungszone entschieden, berichtet Reuters unter Berufung auf einen Insider.

"Es wäre sehr unklug, das Vorhaben jetzt oder in nächster Zeit durchzuziehen", sagte der Insider. "Es würde Peking sicher verärgern, Hongkong angesichts der Vorgänge in der Stadt ein solch großzügiges Geschenk anzubieten."

Formell gebe es keinen neuen Zeitplan für das eigentlich für Ende August geplante Listing an der Börse Hongkong, sagte ein anderer Insider. Der Schritt könne aber Anfang Oktober erfolgen. Der Handelsplatz gehört zu den wichtigsten weltweit. Alibaba wollte sich auf Anfrage nicht zu den Informationen äußern.

Der Internet-Gigant mit einem Börsenwert von rund 460 Milliarden Dollar ist bereits seit 2014 in New York gelistet. Bei dem Zweitlisting in Hongkong will der Konzern bis zu 15 Milliarden Dollar für Investitionen einsammeln. Ende Mai war in einem Bloomberg-Bericht sogar von bis zu 20 Milliarden Dollar die Rede. Analysten interpretierten die mögliche Zweitnotierung von Alibaba in Hongkong zuletzt auch als politisches Zeichen - schließlich haben sich die USA und China in dem anhaltenden Handelskonflikt gegenseitig mit Strafzöllen überzogen.

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Bild: Vincent Yu / AP

Ungeachtet dessen braucht Alibaba Kapital, um weiterhin in neue Technologie zu investieren, da das Wachstum in China nachlässt und die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt ihre Technologieindustrie angesichts eines eskalierenden Handelskonflikts mit den USA stärken will.

Aber wohl vorerst nicht um den Preis einer weiteren Aufwertung Hongkongs und seiner widerspenstigen Bürger. Denn so ein Milliardenbörsengang würde Hongkong im ewigen Wettbewerb mit der New Yorker Börse zweifelsohne guttun - zumal erst im vergangenen Monat der Bierriese Anheuser-Busch InBev seinen geplanten Börsengang in Hongkong gecancelt hat. Bis zu 9,8 Milliarden US-Dollar wollte der hochverschuldete US-Brauereikonzern so einspielen.

Peking reagiert im Fall Hongkong immer sensibler

Hongkong hatte im vergangenen Jahr eigens Gesetze gelockert, um in Übersee gelistete chinesische Technologiegiganten dazu zu bewegen, auch eine Notierung in Hongkong zu erwägen. Bei allen Hongkong betreffenden Fragen reagiert Peking derzeit aber äußerst sensibel.

Die chinesische Sonderverwaltungszone steht ob der seit zwei Monaten anhaltenden Massenproteste, die sich zusehends auch gegen Peking selbst richten, unter besonderer Beobachtung. Den Druck Pekings bekommen nicht nur die Menschen vor Ort zu spüren, sondern mittlerweile auch die Unternehmen in Hongkong.


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Die Machthaber im Reich der Mitte lassen keinen Zweifel daran, dass sie an dem Prinzip "Ein Land, zwei Systeme" festhalten werden. Hongkong ist in hohem Maße abhängig vom chinesischen Festland, und Peking braucht den Finanzplatz Hongkong als Drehscheibe für die eigenen Auslandsinvestitionen. Peking arbeitet aber daran, mit Shenzhen an der Grenze zu Hongkong quasi einen Wettbewerber zu Honkong zu installieren und warnte Richtung Demonstranten unlängst, sie würden den Wohlstand Hongkongs aufs Spiel setzen.

Die Bedeutung Hongkongs jetzt mit einem Milliardenbörsengang zu stärken, würde den strategischen Machtspielen Pekings derzeit tatsächlich zuwiderlaufen. Der Börsenchef Hongkongs, Charles Li, gibt die Hoffnung gleichwohl nicht auf: Er sei zuversichtlich, dass Unternehmen wie Alibaba in Hongkong "letztendlich eine Heimat finden werden". Denn dies sei ihre Heimat.

mit reuters

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