Montag, 1. Juni 2020

Börsenprofi Thomas Grüner erklärt Warum jetzt vor allem Qualitätsaktien outperformen

picture alliance / Frank Rumpenhorst

Die letzten Wochen erforderten von Anlegern am Aktienmarkt eine der am schwierigsten zu erbringenden Eigenschaften - die Geduld. Wer diese aufbrachte und die bewusste Entscheidung fällte, investiert zu bleiben, wurde durch eine bislang V-förmig verlaufende Erholungsbewegung belohnt. Häufig ist es eben nicht der Bärenmarkt an sich, der dem langfristigen Ziel eines Aktienmarktinvestors entgegensteht, sondern das Verhalten des Anlegers im Bärenmarkt. Die langfristig überlegene Rendite des Aktienmarkts beinhaltet schließlich alle Abwärtsbewegungen. Trotzdem stellen sich gerade viele die Frage, ob diese Erholung am Markt wirklich nachhaltig ist oder ob nicht doch eine zweite Welle folgt - gesundheitlich oder auch am Aktienmarkt?

Thomas Grüner
  • Copyright:
    Thomas Grüner ist Gründer und Vice Chairman des Vermögensverwalters Grüner Fisher Investments (www.gruener-fisher.de) mit Sitz in Rodenbach bei Kaiserslautern.

Erklärungen für die Erholung findet man nicht viele - wenn man diese doch einmal auftreiben kann, beziehen sie sich häufig auf eine liquiditätsgetriebene Hausse, ausgelöst durch Zentralbanken und Politik durch riesige Liquiditätszuschüsse in Realwirtschaft und Märkte. Wir halten diese Erklärung für falsch und sind davon überzeugt, dass sich in dieser Betrachtungsweise ein fundamentales Missverständnis der Märkte und der Liquidität manifestiert. Aktienmärkte sind effizient und preisen die zukünftige Entwicklung der kommenden drei bis 30 Monate ein. Sie bewerten alle zugänglichen Informationen und versehen sie mit einer Wahrscheinlichkeit. Die kurzfristige Liquidität stellt in diesem zukunftsorientierten Marktverständnis einen Einmaleffekt dar, der für eine zeitliche Brücke sorgen kann, um Unternehmen und Privatpersonen vor einer drohenden Insolvenz zu schützen. Sie sorgt allerdings nicht für eine grundsätzliche liquiditätsgetriebene Hausse am Aktienmarkt.

Kein Stilwechsel

Die Erholungsbewegung am Markt verrät uns hierbei viel über die Märkte. So konnte man bereits bei der Abwärtsbewegung und der schnellen Erholung viele Eigenschaften einer korrekturförmigen Bewegung beobachten. Doch nicht nur die Kursbewegung zeigte Charakteristika von schnellen, stimmungsgetriebenen Abwärtsbewegungen, sondern auch der mangelnde Sektoren- und Stilwechsel, der im Gegensatz zu einem klassischen Bärenmarkt typisch für eine Korrektur ist.

Im vergangenen Bullenmarkt waren es vor allem bestimmte Sektoren und Typen von Aktien, die sich besonders gut entwickelten und für die Fortsetzung der Hausse sorgten - man spricht in solchen Zeiten davon, dass der Markt enger wird. Hierzu zählten vor allem große, wachstumsorientierte Unternehmen, die häufig im Technologiesektor zu finden sind. Auch der Stil "Qualität" konnte in den vergangenen Jahren besser abschneiden als der breite Markt. Dieser Stil setzt sich aus Unternehmen innerhalb der Industrienationen zusammen, die drei fundamentale Eigenschaften haben. Zum einen weisen sie eine besonders hohe Eigenkapitalrentabilität auf, das heißt ihr Gewinn im Verhältnis zum Eigenkapital ist tendenziell größer als bei anderen Unternehmen. Als zweite wichtige Eigenschaft erzielen qualitative Unternehmen stabile Wachstumszahlen bei ihren Gewinnen. Die dritte Komponente dieser Charakteristika umfasst eine niedrige Verschuldungsquote.

Besonders häufig findet man derartige Unternehmen im Technologie- und Gesundheitssektor, eher weniger hingegen bei Finanzunternehmen oder dem Rohstoffbereich. In diesen Tagen scheint es nicht verwunderlich zu sein, dass Unternehmen mit einer niedrigen Verschuldung, stabilen Umsätzen und Erträgen und gutem Wachstum sich besser entwickeln als andere Firmen. Entwicklungen dieser Art passieren in Abwärtsphasen vor oder in einer Rezession eigentlich immer so. Doch was untypisch ist, ist die folgende Erholungsbewegung. Diese wurde ebenso von den beiden Trends zu amerikanischer Technologie und Qualitätsaktien angeführt - eine Entwicklung, die eben normalerweise nur im Korrektur- und nicht im Bärenmarktmodus vorkommt. In klassischen Bärenmärkten steigen in der V-förmigen Erholungsbewegung viel eher kleine Unternehmen aus dem Value-Ansatz, also die Firmen, die sich in der vorangegangenen Phase besonders schlecht entwickelt haben.

Qualitätsaktien haben eine große Schnittmenge mit dem Stil der wachstumsorientierten Unternehmen - Technologietitel und technologienahe Werte machen schließlich fast die Hälfte des weltweiten Qualitätsindexes aus. Da es sich bei der aktuellen fundamentalen Rezession um eine viral ausgelöste, aber institutionell und politisch verursachte Entwicklung handelt, entwickelten sich tendenziell als defensiv charakterisierte Unternehmen aus dem Bereich der Versorger oder der Telekommunikation anders als sie es typischerweise tun.

Folgerungen für die kommende Zeit

Doch was verrät uns all das über die Märkte? Zum einen wissen wir, dass die aktuelle Marktphase von der Größenordnung her einen Bärenmarkt abbildet - alle weiteren Eigenschaften jedoch tendenziell eher einer Korrektur zuzuordnen sind. Wenn dieser Trend sich fortsetzt, wird es keinen Stilwechsel mehr geben - die großen, wachstumsorientierten und qualitativ hochwertigen Unternehmen werden ihre Outperformance fortsetzen. Viele gesellschaftliche Trends wurden gerade vor allem in den Bereichen der Technologie und der Gesundheit beschleunigt. Profiteure gehen hieraus klar hervor.

Nur wenn wir eine lange, tiefe Rezession von vielleicht zwei oder drei Jahren auf globaler Ebene bekommen und einen ebenso lang andauernden Bärenmarkt, wird der Markt sich auch so verhalten, wie er es typischerweise in einer Rezession tut. In diesem Fall werden es vor allem die kleinen Unternehmen sein, die nachdem sie eine Insolvenz vermeiden konnten, besonders günstig zu haben sein werden und dann auch den Markt in dem im Anschluss entstehenden Bullenmarkt anführen werden.

Stimuli sind nicht die Ursache

Genau diese Entwicklungen verraten uns aber auch, dass nicht die Zentralbanken verantwortlich für die Erholungsbewegung sind. Die Tatsache, dass sich Unternehmen ohne große Liquiditätsengpässe - qualitative Unternehmen mit stabilen Cashflows - in der Erholungsbewegung besonders gut entwickelt haben, setzt hier ein klares Zeichen. Denn würde diese These stimmen, dass lediglich die massive Geldpresse für eine Erholung der Märkte sorgen würde, wären es vor allem die kleinen Unternehmen, von welchen man momentan noch vermutet, dass sie als erstes in die Insolvenz rutschen, deren Wert sich aufgrund von schwindenden Ängsten erholen müsste.

Viel eher erklärt sich hieraus, dass Märkte die Zukunft betrachten. In den kommenden 30 Monaten wird sich vieles bessern. Möglicherweise sieht man in diesem Zeitraum einen Impfstoff, Unternehmen können vielfach wieder arbeiten, Arbeitslosenraten bleiben nur temporär niedrig. Konsum verschiebt sich und hebt sich nicht auf. All diese Entwicklungen preist der Markt gerade ein, wie er es immer macht - als Zukunftsindikator.

Der Börsenkurs der Woche - vom Profi
Kurse, Indexstände, Aufs und Abs - an der Börse passiert täglich Neues, Besonderes und Überraschendes. An dieser Stelle präsentiert und erklärt jeden Montag ein Finanzmarktprofi sein Börsen-Highlight der Woche.

Auch wirtschaftliche Daten kommen nun immer häufiger zum Vorschein. Als die Märkte die schwierigste Phase ihres Absturzes erlebten, war die Unsicherheit an ihrem Höhepunkt. Alleine die Tatsache, dass man nun die Größenordnung der Rezession deutlich besser einschätzen kann als noch vor wenigen Wochen, sorgt für schwindende Unsicherheit und steigende Märkte. Ein klassisches Phänomen, welches eigentlich wohlbekannt und doch so häufig missverstanden wird.

Der Markt erfüllt wieder verstärkt seine Grundfunktion, die Outperformance der Qualitätsaktien liefert geradezu einen physischen Beweis dafür. Interpretationen in die Macht der Zentralbanken halten wir für grundsätzlich falsch. Diese wissen häufig auch nicht mehr als die anderen Marktteilnehmer und reagieren lediglich auf die Vergangenheit. Die Maßnahmen sorgen für eine Art Versicherung für den Markt aber keinen idealtypischen Stimulus, welcher Nachfrage schaffen würde, wenn grundsätzlich keine Nachfrage existiert. In diesen Tagen spricht jedoch vieles dafür, dass Nachfrage in großen Teilen lediglich verschoben wird und die so genannten Stimuli sorgen dafür, dass zum Zeitpunkt des nachgeholten Konsums auch noch das Angebot existieren wird. Daher sollte man die aktuelle Erholungsbewegung als das sehen, was sie ist, nämlich die Diskontierung einer besseren wirtschaftlichen Zukunft als die Gegenwart.

© manager magazin 2020
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung