Banken und Zinsen Warum Deutsche Bank und Commerzbank wieder im Blickpunkt stehen

Die Aktien der Deutschen Bank und der Commerzbank stehen wieder im Blickpunkt der Anleger. Gründe dafür sind nicht nur die Aussichten auf steigende Zinsen.
Großbaustelle: Deutsche Bank und Commerzbank werden saniert

Großbaustelle: Deutsche Bank und Commerzbank werden saniert

Foto: Arne Dedert/ dpa

Aktionäre der großen deutschen Geldhäuser wurden am Donnerstag besonders gebeutelt: Die Papiere von Deutscher Bank und Commerzbank gehörten am Aktienmarkt zu den größten Verlierern, als der russische Angriff auf die Ukraine für einen Ausverkauf an der Börse gesorgt hatte.

Zuvor jedoch erlebten die Investoren bei den beiden Banken eine wochenlange Kursrally: Das Papier der Deutschen Bank legte allein in den vergangenen drei Monaten um mehr als 20 Prozent auf inzwischen wieder rund 13 Euro zu. Bei der Commerzbank betrug das Plus im gleichen Zeitraum sogar mehr als 30 Prozent auf aktuell knapp neun Euro. Zum Vergleich: Die Indizes Dax (in dem die Deutsche Bank notiert ist) sowie MDax (dem die Commerzbank angehört) schnitten – belastet etwa durch Sorgen um die Spannungen zwischen Russland und dem Westen – mit jeweils minus 10 Prozent viel schlechter ab.

Damit scheint der Negativtrend der hiesigen Bankengrößen gebrochen. Jahrelang ging es mit den Kursen der beiden Papiere abwärts, weil die Institute vor allem Misserfolge und Verluste zu vermelden hatten. Doch bereits seit Anfang 2020 tendiert die Aktie der Deutschen Bank inzwischen wieder nach oben. Ende 2020 setzt auch beim Commerzbank-Papier eine Erholung ein. Die Performance der vergangenen Wochen kommt da noch als Sahnehäubchen obendrauf.

Für das starke Abschneiden gibt es verschiedene Gründe. So sorgen hohe Inflationsraten und die Reaktionen, die viele Notenbanken darauf zeigen, dafür, dass am Finanzmarkt steigende Zinsen erwartet werden. Als Profiteure eines steigenden Zinsniveaus gelten vor allem Geldhäuser wie die Deutsche Bank sowie mehr noch die stärker auf das Kreditgeschäft mit dem deutschen Mittelstand fokussierte Commerzbank. Beide haben in dem Umfeld gute Möglichkeiten, ihre Erträge zu steigern. Hinzu kommt, dass im Zuge der Erholung der Wirtschaft aus der Corona-Krise auch die Investitionsbereitschaft vieler Unternehmen zunehmen dürfte – und damit die Nachfrage nach Krediten.

"Steigende Zinsen sind gut für Banken, da sie dann mit dem Kerngeschäft der Kreditvergabe über die Fristentransformation – also: Geld kurzfristig leihen und langfristig verleihen – Geld verdienen und mehr Marge erzielen können", erläutert Titus C. Schlösser, Geschäftsführer beim Vermögensverwalter Portfolio Concept in Köln. Schlösser macht auch darauf aufmerksam, dass wegen staatlicher Corona-Maßnahmen die Kreditausfälle bei den Banken deutlich hinter den Befürchtungen geblieben seien.

Der gesamte Bankensektor Europas sah vor dem Hintergrund in den vergangenen Wochen an der Börse gut aus. Der EuroStoxx-Bankenindex etwa performte auf Drei-Monats-Sicht ebenfalls deutlich besser als Dax oder MDax. Mit einem leichten Plus von knapp 5 Prozent blieb er jedoch deutlich hinter Deutscher Bank und Commerzbank zurück.

Denn für das gute Abschneiden der beiden führenden deutschen Geldhäuser sprechen noch weitere Argumente: Sowohl Deutsche Bank als auch Commerzbank galten noch vor einigen Jahren als Sanierungsfälle, die zunächst erhebliche Einschnitte und Umstrukturierungen benötigten, um wieder in die Erfolgsspur zu kommen. Inzwischen jedoch zeigt sich: Beide Unternehmen kommen bei dieser Sanierung voran – Aktionäre glauben offenbar wieder an die Banken und greifen bei den Aktien zu. "Bei den Instituten mehren sich die Anzeichen für einen fundamental begründeten Wandel", sagt Andre Koppers, Geschäftsführer und Gesellschafter beim Vermögensverwalter Oberbanscheidt & Cie. im nordrhein-westfälischen Kleve. "Zu nennen sind etwa eine deutlich gestiegene Kostendisziplin, ein rigoroser Abbau von Risikopositionen und die Fokussierung auf das Kerngeschäft."

Beispiel Deutsche Bank: Jahrelang verbrannte das Institut Geld in Bereichen, die nicht zum angestammten Kerngeschäft gehörten, wie etwa im Aktiengeschäft oder im aufgeblähten Investmentbanking. Unter CEO Christian Sewing (51) konzentriert sich die Deutsche Bank inzwischen wieder auf ihre Stärken, die vor allem im Unternehmensgeschäft sowie im Fixed-Income-Segment liegen. Hinzu kommen erfolgreiche Kosteneinsparungen, etwa durch Stellenabbau sowie Filialschließungen.

Den Erfolg konnte Sewing bei der Bilanzpressekonferenz vor vier Wochen präsentieren: Die Deutsche Bank erzielte 2021 einen Jahresgewinn von fast zwei Milliarden Euro. Das war nicht nur bereits der zweite Nettojahresgewinn in Folge, sondern auch deutlich mehr als von Analysten erwartet. Die Aktionäre erfreute Bankchef Sewing zusätzlich, indem er ihnen nach langer Pause wieder eine Dividende in Aussicht stellte.

Die Deutsche Bank scheint damit schon fast am Ziel ihrer Sanierung zu sein, auch wenn sich erst noch zeigen muss, ob der Erfolg von Dauer ist. Als vorerst letzten Schritt will Sewing die Eigenkapitalrendite des Unternehmens im laufenden Jahr auf die seit Längerem angestrebten 8 Prozent steigern. Ein Wert, den Andreas Thomae, Fondsmanager bei Deka Investment, für erreichbar hält. "Mit etwas Rückenwind vom Investmentbanking könnte das klappen", sagt Thomae im Gespräch mit dem manager magazin. "Wichtig wird sein, dass die materielle Eigenkapitalrendite auch nachhaltig erzielt wird und nicht nur in einem Jahr."

So weit wie die Deutsche Bank ist die Commerzbank noch längst nicht. CEO Manfred Knof (56), übernahm das Institut erst Anfang 2021, um es wieder in die Spur zu bringen, nachdem nötige Einschnitte jahrelang vertrödelt worden waren. Knof, ein ehemaliger Deutsch-Banker, habe viel Erfahrung mit Kosteneinsparungen, sagt Thomae. "Was bei der Commerzbank jetzt an Kosten eingespart wird, ist schon ein ganz schöner Batzen."

Knof hat sich zum Ziel gesetzt, die Eigenkapitalrendite der Commerzbank bis 2024 auf bis zu 7 Prozent zu bringen. Das Ziel liegt deutlich höher als bei seinen Vorgängern. Laut Fondsmanager Thomae erscheint es – auch dank der sich ändernden Zinslandschaft – dennoch erreichbar.

Und auch Knof kann bereits Resultate vorweisen, wenngleich vor ihm noch ein deutlich weiterer Weg liegt als vor seinem Kollegen Sewing bei der Deutschen Bank. Vor wenigen Tagen präsentierte Knof seine Bilanz des vergangenen Jahres, und siehe da: Die Commerzbank ist trotz hoher Kosten für den laufenden Umbau 2021 in die schwarzen Zahlen zurückgekehrt. Im laufenden Jahr will Knof den Konzerngewinn sogar auf mehr als eine Milliarde Euro steigern. Und: Auch die Commerzbank-Aktionäre dürfen für das Geschäftsjahr 2022 auf eine Dividende hoffen, so der Bankchef.

Steigendes Zinsniveau kann Bankaktien weiter pushen

Das steigert die Attraktivität der Aktien. Doch die Frage ist: Wie viel der möglicherweise zu erwartenden Erfolge der Banken ist inzwischen bereits in den Kursen enthalten? Wie groß ist also - umgekehrt formuliert - das noch bestehende Potenzial für weitere Kursanstiege?

"Wir erwarten, dass sich die gute, relative Wertentwicklung europäischer Banken noch bis in den Herbst fortsetzt", sagt dazu Adrian Roestel, Leiter des Portfoliomanagements bei Huber, Reuss & Kollegen in München. "Dann dürfte die EZB erste Zinsanhebungen anpeilen, die Zinsstrukturkurve wieder flacher werden und das abnehmende Wachstum auch die Gewinnentwicklung der Banken dämpfen."

Auch Fondsmanager Thomae geht davon aus, dass Bankaktien generell in den kommenden Monaten weiter vom steigenden Zinsniveau profitieren können. Bei Deutscher Bank und Commerzbank bleiben zudem weitere Sanierungsbemühungen, die für zusätzliche Kursphantasie sorgen. Die Deutsche Bank etwa ist laut Thomae zwar inzwischen solide aufgestellt. CEO Sewing müsse aber noch Probleme im Retailbanking in den Griff bekommen, so der Fondsmanager. Gelinge es, dort die IT-Systeme erfolgreich zu integrieren, so könne ein weiterer großer Kostenblock wegfallen.

Noch größeres Kurspotenzial könnte indes bei der Commerzbank bestehen, denn dort stehen womöglich auch noch die größeren Sanierungserfolge bevor. Andererseits bringt das allerdings auch die größere Gefahr von Rückschlägen mit sich.

Auch Michael Thaler, Vorstand beim Vermögensverwalter Top Vermögen in München, sieht bei den hiesigen Banken noch erheblichen Handlungsbedarf. "Auch wenn es von der Zinsseite wieder ein wenig Unterstützung geben sollte, so müssen Banken wie die Commerzbank und die Deutsche Bank in Zukunft noch mehr ihr Profil schärfen", so Thaler gegenüber dem manager magazin. "Die Direktbanken sind auf dem Vormarsch und auch in Deutschland trauen sich immer mehr Kleinanleger, ihr Depot selbst zu managen, ohne dass sie auf Umwegen den Bankberater mitbezahlen. Es sieht danach aus, dass die Banken schlanker werden müssen, mehr digitale Lösungen anbieten und sich in bestimmten Sparten als einer der Platzhirsche etablieren müssen."

Commerzbank und Deutsche Bank sieht Thaler in diesem Wettbewerb nicht gerade in der Pole-Position. "Wer europäische Bankaktien sucht, die schon einen Schritt weiter darin sind, ihr Profil zu schärfen, der muss sich eher außerhalb von Deutschland umsehen", sagt er.

Tatsächlich werden deutsche Banken am Aktienmarkt schon beinahe traditionell niedriger bewertet als viele ausländische Institute. Schließlich weisen sie im internationalen Vergleich auch eine geringere Profitabilität auf. Daran haben auch die jüngsten Fortschritte bei Deutscher Bank und Commerzbank bislang nicht viel geändert.