Dienstag, 2. Juni 2020

Fragile Erholung am Aktienmarkt Warum an der Börse neue Kursverluste drohen

Aktienhändler in New York: Die Börse zieht zwar bereits wieder an, doch das Comeback könnte trügerisch sein.

Nach den heftigen Kursverlusten im Februar und März lief es zuletzt wieder rund an der Börse - Investoren scheinen die Krise abgehakt zu haben. Damit könnten sie jedoch falsch liegen.

Aufatmen bei Geldanlegern: Die Aktienkurse steigen wieder. Im Februar und März waren die Börsen in Europa und den USA in der Spitze um 30 bis 40 Prozent eingebrochen. Seit Ende März hat sich die Situation jedoch stabilisiert: Mit vielen Aktien ging es wieder aufwärts. Der deutsche Leitindex Dax Börsen-Chart zeigen etwa befindet sich allein in dieser Woche auf gutem Wege, ein Plus von rund 10 Prozent zu verbuchen.

Offenbar überwiegt an der Börse bereits wieder der Optimismus, dass die Corona-Krise in nächster Zeit gemeistert wird und dass es mit der Wirtschaft, die gegenwärtig in einem Großteil der Welt weitgehend stillsteht, dann wieder vorangehen kann. Ein genauer Blick zeigt jedoch: Dieser Optimismus der Anleger könnte verfrüht sein.

Hintergrund: Wer wissen will, ob die Kurse an der Börse gerade "hoch" oder "niedrig" sind, schaut beispielsweise auf das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV). Diese Kennzahl setzt die absolute Höhe des Aktienkurses in Relation zum Gewinn des dazugehörigen Unternehmens. Grundsätzlich gilt die Gewinnentwicklung als die langfristig treibende Kraft des Aktienkurses. Der Theorie zufolge sollte das Kurs-Gewinn-Verhältnis also kaum auf Dauer aus einer begrenzten Spanne ausbrechen.

Ein besonders hohes KGV kann beispielsweise anzeigen, dass der Aktienkurs einer besonderen Erwartung an Gewinnsteigerungen vorausgeeilt ist. Steigt der Gewinn des Unternehmens dann tatsächlich, sinkt das KGV im gleichen Zuge wieder auf sein normales Niveau. Ebenso ist es aber möglich, dass durch ein hohes KGV ein Fehlurteil der Investoren zum Ausdruck kommt: Der Kurs könnte gemessen am Gewinnniveau des Unternehmens zu hoch sein und künftig sinken. Auch so würde das KGV wieder ins Lot gebracht.

Viele Gewinnprognosen der Unternehmen dürften nicht zu halten sein

Letzteres wäre die aus Anlegersicht deutlich unerfreulichere Entwicklung - und ausgerechnet diese könnte Anlegern am Aktienmarkt gegenwärtig bevorstehen. Das zeigt eine Analyse der US-Großbank Goldman Sachs Börsen-Chart zeigen.

Goldman Sachs hat das durchschnittliche KGV europäischer Aktien im Laufe der vergangenen Wochen und auf dem aktuellen Kursniveau analysiert. Ergebnis: Das KGV betrug vor wenigen Wochen, auf dem Tief des Corona-Crashs, 10,3 und ist inzwischen angesichts der jüngsten Erholung bereits wieder auf 12,6 gestiegen. Beides sind Werte, die sich innerhalb eines Spektrums befinden, welches kaum zu Sorgen Anlass gibt.

Investoren könnten also beruhigt sein: Nach Jahren des Aufschwungs waren die Aktienmärkte unmittelbar vor dem Corona-Ausbruch bereits extrem hoch bewertet, eine kräftige Korrektur erschien überfällig. Nun hat es diesen heilenden Schock gegeben, der die Dinge wieder zurechtgerückt hat.

Das Problem ist jedoch: Die oben genannte KGV-Berechnung geht von Gewinnerwartungen bei den Unternehmen aus, die vor der Corona-Krise aufgestellt wurden. Diese hält heute kein Experte mehr für realistisch.

Gewinne im Dax dürften um 45 bis 50 Prozent einbrechen

Fakt ist vielmehr, dass der durch die Corona-Krise verursachte weitgehende Stillstand der Weltwirtschaft in vielen Ländern einen heftigen Einbruch der Wirtschaftsleistung im Jahr 2020 mit sich bringen wird. Ökonomen erwarten vielerorts ein Schrumpfen der Wirtschaft bis hin zu einer heftigen Rezession.

In dem Umfeld werden auch die Geschäftszahlen der Unternehmen anders aussehen, als noch vor wenigen Monaten erwartet. Die DZ Bank beispielsweise geht in einer Analyse, die am Mittwoch veröffentlicht wurde, davon aus, dass die Unternehmensgewinne im deutschen Leitindex Dax Börsen-Chart zeigen in diesem Jahr um 50 Prozent und mehr einbrechen könnten. Das sei deutlich mehr als in früheren Rezessionen, als die Gewinne im Durchschnitt um 35 Prozent eingebrochen seien, so die Bank.

Auch Goldman Sachs hat den absehbaren Gewinnrückgang wegen der Corona-Ausbreitung in seine Berechnungen einbezogen. Dabei erwartet die Bank, dass die Gewinne der betrachteten Unternehmen im laufenden Jahr um 45 Prozent einbrechen werden.

Kurse gemessen an realistischen Gewinnaussichten noch zu hoch

Folge: Das KGV europäischer Aktien beträgt angesichts dieser neuen Aussichten nach Kalkulation der Bank aktuell nicht mehr 12,6 sondern bei rund 23.

Das wiederum ist keineswegs ein gewöhnlicher Wert. Mit 23 haben europäische Aktien gegenwärtig ein KGV erreicht, wie es nicht einmal während der Finanzkrise 2008 berechnet werden konnte, so Goldman Sachs. Lediglich zu Zeiten der Internetblase um die Jahrtausendwende lag die Kennzahl einer Übersicht der Bank zufolge höher.

Doch was folgt daraus? Aus Sicht der Goldman-Analysten ist die Antwort klar: Die Kurse sind momentan gemessen an den realistischen Gewinnaussichten der Unternehmen noch zu hoch - und das bedeutet, es besteht Potenzial für weitere Kursverluste.

Ähnlich sieht es übrigens auch die DZ Bank. "Der Katalog möglicher Belastungen für Investoren bleibt in den kommenden Quartalen gut gefüllt", schreibt deren Analyst Christian Kähler in seiner Marktstudie. "Es sind jederzeit niedrigere Kurse als heute möglich."

Kräftiges Wachstum für 2021 erwartet - nach Einbruch in diesem Jahr

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Langfristig allerdings zeichnen die Experten ein erfreulicheres Bild: Goldman Sachs beispielsweise erwartet 2021 ein Wirtschaftswachstum in der Euro-Zone von fast 8 Prozent, nach einem Einbruch im Krisenjahr 2020 um 9 Prozent. Die Unternehmensgewinne, so die US-Bank, werden europaweit im Rahmen des "Rebounds" kommenden Jahr um 50 Prozent steigen.

DZ-Bank-Analyst Kähler verweist darauf, dass sich die Aktienmärkte erfahrungsgemäß rasant von vergleichbaren Einbrüchen erholen können. Nach früheren Rezessionen wurde nach vier Jahren wieder der alte Dax-Kursgipfel erreicht, so Kähler. Sein Fazit entspricht einer These, die manager magazin bereits kürzlich aufgestellt hat: Wer während der kommenden zwei Quartale Aktien kauft, sollte langfristig sehr gute Anlageergebnisse einfahren.

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