Sonntag, 31. Mai 2020

Marktstudie zeigt So profitieren Anleger von Übernahmen - auch in der Krise

Händler an der New Yorker Börse: Übernahmeofferten sorgen oft für Kursbewegung - Anleger können davon profitieren.

Corona-Beben an der Börse, seit Wochen purzeln die Kurse. Allein der deutsche Leitindex Dax Börsen-Chart zeigen hat bislang rund 30 Prozent an Wert verloren, am Mittwoch geht es erneut abwärts. Andere bedeutende Indizes stehen kaum besser da. Viele Unternehmen erscheinen durch die Kursverluste inzwischen günstig - und könnten zu attraktiven Übernahmekandidaten werden.

Kommt es an der Börse zu einem Übernahmeangebot, so stehen Aktionäre regelmäßig vor der schwierigen Entscheidung: annehmen oder ablehnen? In der Regel liegt der gebotene Kaufpreis ein Stück über dem augenblicklichen Kurs des Kaufobjekts, was einen Verkauf der Aktien reizvoll erscheinen lassen kann. Häufig entwickeln sich die Dinge im Laufe von Übernahmeprozessen jedoch in eine Richtung, die auch für die Aktionäre der zu übernehmenden Firmen vorteilhaft ist - jedenfalls, wenn sie lange genug zögern und ihre Anteile nicht gleich zu Beginn abstoßen. Der Kaufpreis, so die Erfahrung, steigt im Laufe dieser sich oft über Monate hinziehenden Entwicklung nicht selten noch erheblich an.

Das zeigt auch eine aktuelle Studie des Anlegerschutzvereins Verbraucherzentrale für Kapitalanleger (VzfK), für die mehrere hundert Unternehmenskäufe untersucht wurden. Demnach konnten Anleger in der Vergangenheit im Schnitt ihren Erlös erhöhen, wenn sie mit dem Verkauf ihrer Aktien bis zum letzten Moment gewartet haben. Vielfach kam es letztendlich sogar zu dem sogenannten Spruchverfahren, bei dem Gerichte über die Höhe der Zahlung an Restaktionäre entscheiden. Und auch in diesen Fällen fiel das Urteil der Richter in der großen Mehrheit zu Gunsten der Aktionäre des zu übernehmenden Unternehmens aus.

Zum besseren Verständnis zunächst ein Überblick über den üblichen Ablauf eines Übernahmeprozesses: Im ersten Schritt gibt der potenzielle Käufer eine Offerte ab, er bietet den Aktionären des von ihm anvisierten Unternehmens also einen bestimmten Preis für ihre Aktien. Dieser Preis liegt in der Regel bereits über dem Kurs der Aktien zum gleichen Zeitpunkt, enthält also schon eine Prämie auf den Kurs.

Showdown beim Squeeze-out

Im Erfolgsfall erwirbt der Käufer in der Folge die erforderliche Anzahl an Aktien, um einen Beherrschungs- und Gewinnabführungsvertrag mit dem Objekt seiner Begierde abschließen zu können. Will der Käufer daraufhin auch die noch verbleibenden Kleinaktionäre aus dem Gesellschafterkreis drängen, kann er den Weg über den sogenannten Squeeze-out wählen: Zu einem Preis, der von der Hauptversammlung beschlossen wird, müssen die Anleger ihre Papiere an den Käufer abgeben.

Mit einem Hintertürchen: Halten die verkaufenden Aktionäre den Squeeze-out-Preis für zu niedrig, können sie dagegen vor Gericht ziehen - es kommt zum Spruchverfahren.

Für mehr als 300 Übernahmen aus den Jahren 2002 bis 2020 hat der VzfK diese Abläufe analysiert, mit dem Fokus darauf, was in den einzelnen Phasen und am Ende finanziell für die Aktionäre der Übernahmekandidaten herauskam. Bei rund 190 dieser untersuchten Übernahmen stand am Anfang ein öffentliches Übernahmeangebot, beim Rest der Deals entschied sich ein ohnehin bestehender Großaktionär ohne eine solche Offerte zu einem Squeeze-out.

Gerichte oft auf Seiten der Kleinanleger

Das aus Sicht von Anlegern wichtigste Ergebnis der Studie, die manager magazin exklusiv vorliegt: Es lohnt sich offenbar in vielen Fällen, so lange wie möglich mit dem Verkauf der Aktien zu warten. So betrug die Summe aller Barabfindungen, die nach abgeschlossenen Spruchverfahren in den fraglichen rund 190 Firmenkäufen gezahlt wurden, laut VzfK rund fünf Milliarden Euro. Hätten die gleichen Aktionäre bereits beim ersten Angebot des Käufers eingewilligt, so hätten sie der Studie zufolge lediglich rund 4,5 Milliarden Euro eingestrichen - eine Differenz von 500 Millionen Euro also, verteilt auf vermutlich Tausende Aktionäre von etwa 190 Unternehmen.

Wie anlegerfreundlich die Gerichte urteilen, zeigen auch diese Zahlen: In etwa 77 Prozent der Fälle erhöhten die Richter der Studie zufolge im Spruchverfahren die zu zahlende Abfindung an die Kleinaktionäre. In nur 14,4 Prozent der Fälle fiel die Abfindung nach dem Richterspruch niedriger aus als vorher.

Hinzu kommt: Schon das Warten auf den Squeeze-out hat sich der Studie zufolge für den Großteil der Aktionäre gelohnt. Denn die Summe der auf den Hauptversammlungen beschlossenen Abfindungen für die Restaktionäre lag über alle etwa 190 Fälle hinweg um rund 230 Millionen Euro über der Summe der ursprünglichen Übernahmeangebote. Tatsächlich wurden die Kaufpreise beim Squeeze-out per HV-Beschluss in mehr als 60 Prozent der Fälle gegenüber der Originalofferte aufgestockt. Sie können selbstverständlich auch gesenkt werden - das passierte aber lediglich in rund 23 Prozent der untersuchten Fälle.

"Bekommt ein Anleger ein Übernahmeangebot, so ist es häufig die richtige Strategie, erst einmal abzuwarten und nicht zu verkaufen, das zeigen die von uns ermittelten Zahlen deutlich", lautet das Fazit von Martin Weimann, Rechtsanwalt in Berlin, Chef des VzfK und damit Hauptverantwortlicher der Studie.

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Ein weiterer Vorteil dieses Vorgehens zeigt sich laut Weimann gerade in den aktuell turbulenten Börsenzeiten. "Viele Aktien haben zuletzt erhebliche Kursverluste erlitten", sagt er. "Papiere, bei denen ein Übernahmeangebot im Raum steht, haben sich aber oft recht stabil gehalten." Der Grund: Der zugesagte Kaufpreis bildet einen Boden, unter den ein Aktienkurs nur selten fällt.

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