Unruhige Börse So finden Anleger krisenfeste Aktien

Angesichts hoher Inflation, steigender Energiekosten und düsterer Konjunkturaussichten dürfte es an der Börse weiterhin turbulent zugehen. Anleger, die ihr Depot jetzt krisenfest machen wollen, müssen einiges beachten.
Produkte, die immer gekauft werden: Anbieter starken Marken wie Coca-Cola gehören zu den Unternehmen, deren Geschäfte in Krisen kaum leiden

Produkte, die immer gekauft werden: Anbieter starken Marken wie Coca-Cola gehören zu den Unternehmen, deren Geschäfte in Krisen kaum leiden

Foto: AP

Die Geo Group mit Sitz in Boca Raton, Florida, ist der weltweit zweitgrößte privatwirtschaftliche Betreiber von Gefängnissen. Das Unternehmen verfügt über mehr als 100 Gefängnisse und psychiatrische Einrichtungen mit insgesamt rund 100.000 Betten vor allem in Nordamerika, aber auch in Australien, Südafrika und Großbritannien. Darüber hinaus bietet die Geo Group Bildungsprogramme und Berufsausbildungen an, mit denen Straftätern die Wiedereingliederung in die Gesellschaft erleichtert werden soll. Diese Geschäfte scheinen ordentlich zu laufen, wie aus einer Mitteilung des Unternehmens von Anfang August hervorgeht. Demnach steigerte die Geo Group ihren Gesamtumsatz im zweiten Quartal 2022 auf 588,2 Millionen Dollar, gegenüber 565,4 Millionen Dollar im Vorjahreszeitraum. Der Nettogewinn stieg gleichzeitig von 42 Millionen Dollar auf 53,7 Millionen Dollar.

Die Frage ist: Ist die Geo Group ein gutes Investment für kritische Börsenzeiten?

Michael Burry (51) scheint das zu glauben. Der Arzt und Investor aus den USA, der in der Finanzkrise 2008 mit erfolgreichen Wetten gegen den US-Hypothekenmarkt berühmt wurde, sorgte in den vergangenen Tagen einmal mehr für Schlagzeilen. Auf Twitter wetterte Burry gegen Optimisten, die die sommerlichen Kursgewinne an der Börse für nachhaltig halten. Um mehr als 20 Prozent ist die US-Technologiebörse Nasdaq seit ihrem Tiefststand inzwischen wieder gestiegen. Laut Definition befindet sie sich damit in einem Bullenmarkt – doch genau das hält Burry für Unsinn. Ähnliche Bullenfallen habe es allein seit dem Jahr 2000 an der Nasdaq siebenmal gegeben, schrieb der Finanzexperte in einem Tweet, den er seiner Gewohnheit entsprechend inzwischen wieder gelöscht hat.

Nur noch eine Aktie im Depot: Starinvestor Michael Burry glaubt nicht an den Börsenaufschwung

Nur noch eine Aktie im Depot: Starinvestor Michael Burry glaubt nicht an den Börsenaufschwung

Foto: Astrid Stawiarz/ Getty Images

Querdenker Burry, das ist offensichtlich, ist anders als viele andere Börsianer nicht sehr zuversichtlich für die weitere Entwicklung am Aktienmarkt. Das geht auch aus Börsenunterlagen von Burrys Hedgefonds Scion Asset Management hervor, die ebenfalls in diesen Tagen publik wurden. Demnach hat Burry den weitaus größten Teil seines Aktienportfolios im zweiten Quartal dieses Jahres verkauft. Papiere der Tech-Konzerne Alphabet (Google) sowie Meta (Facebook), Aktien des Pharmaunternehmens Bristol-Myers Squibb, des Versicherers Cigna oder des Zahlungsabwicklers Global Payments, Anteilsscheine am Medienriesen Warner Brothers sowie am Erdgaskonzern Ovintiv und einige mehr – sie alle warf Burry aus seinem Depot. Nur ein Unternehmen behielt Burry trotz seiner pessimistischen Börsenerwartung im Bestand: eben jenen Gefängnisbetreiber Geo Group.

Deshalb die Frage: Ist die Geo Group womöglich das ultimative Kriseninvestment? Fest steht, dass Burry nicht allein ist mit seinem Pessimismus. Einiges spricht dafür, dass die Turbulenzen, die die Aktienmärkte vor allem in der ersten Jahreshälfte 2022 durchgerüttelt haben, noch längst nicht ausgestanden sind. Zwar haben sich die Kurse zwischenzeitig wieder ein Stück erholt. Auch am Anleihenmarkt deuten steigende Kurse und wieder sinkende Zinsen seit einigen Wochen auf ein Aufatmen unter Investoren hin.

Auf der anderen Seite hat sich aber an den Ursachen für die Kursturbulenzen nicht viel geändert: In der Ukraine herrscht weiterhin Krieg, die Rohstoffpreise fahren Achterbahn, die Energiepreise sind förmlich explodiert, Lieferengpässe bestehen nach wie vor in verschiedenen Branchen, die Inflation bereitet weiter Sorgen und immer noch rätseln Investoren über den künftigen Kurs der Notenbanken. Erst vor einigen Tagen berichtete das manager magazin über eine Analyse des Investmenthauses Bantleon , wonach am Aktienmarkt noch einmal Kursverluste von bis zu 40 Prozent bevorstehen könnten. Die Ökonomen von Bantleon begründen diese düstere Prognose mit der Entwicklung der Weltwirtschaft, die sie anhand von Frühindikatoren antizipieren, und die in nächster Zukunft auf eine lang anhaltende Schwächephase hinauslaufe.

Grund genug also, nach krisenfesten Aktien Ausschau zu halten. Doch worauf ist dabei zu achten? Wer sich bei Fachleuten umhört, stößt immer wieder auf die gleichen Eigenschaften, die Unternehmen mitbringen sollten, damit sie sich als Investment für schwierige Zeiten wie momentan, mit hoher Inflation, steigenden Energiepreisen und ungewissen konjunkturellen Aussichten, eignen:

  • Krisenresistente Branche: Unternehmen sollten in einem Wirtschaftszweig tätig sein, der nicht allzu sehr von wirtschaftlichen Schwankungen getroffen wird. Produkte des alltäglichen Bereichs etwa werden praktisch immer gekauft. Energieversorgung ist ebenfalls ein Bereich, der als krisensicher gilt.

  • Starke Marktstellung: Die fraglichen Unternehmen sollten innerhalb ihrer Branche eine beherrschende Stellung haben, die sie sich im Idealfall mithilfe starker Marken und qualitativ hochwertiger Produkte erarbeitet haben. Das begründet die Hoffnung auf anhaltend hohe Nachfrage auch in schwierigen Zeiten. Beispiele sind der Nahrungsmittelkonzern Nestlé oder der Softwareanbieter Microsoft. Marktbeherrschende Konzerne wie diese können in Zeiten hoher Inflation Preissteigerungen in der Regel gut an ihre Kunden weitergeben. Ebenso verfügen sie über eine starke Verhandlungsposition gegenüber ihren Lieferanten und anderen Geschäftspartnern.

  • Überzeugendes Zahlenwerk: Unternehmen, die profitabler sind als andere, haben auch mehr Spielraum im Krisenfall. Denn kommt es zu Nachfragerückgängen, können Firmen mit größerer Gewinnspanne diese besser überbrücken. Klar ist zudem, dass eine gesunde Bilanz mit geringer Verschuldung immer von Vorteil ist – auch in Krisenzeiten. Und: Selbstverständlich sind Unternehmen mit stetigem Wachstum von Umsatz und Gewinn der womöglich stagnierenden Konkurrenz vorzuziehen.

"Krisenfeste Unternehmen findet man oftmals in Branchen, deren Nachfrage sehr gut vorhersagbar ist", sagt auch Jürgen Mehrbrei, Chef des Vermögensverwalters Unikat in Mannheim. Als Beispiel nennt er neben dem Energie- sowie dem Konsumgütersektor den Bereich der Infrastruktur, in dem es häufig durch staatliche Aufträge eine gute Verlässlichkeit gebe.

Marc Gabriel vom Vermögensverwalter Oberbanscheidt und Cie. setzt ebenfalls auf "Hersteller von Produkten, die immer gekauft werden". "Das können Lebensmittel oder Pflegeprodukte sein, aber auch Dienstleistungen, wie Telefon- oder Versorgungsbetriebe", sagt er. "Auch im Gesundheitswesen gibt es Geschäftsmodelle, wie etwa bestimmte Pharmaprodukte, auf die die Patienten nicht verzichten können."

Andreas Feldmann von B&K Vermögen in Köln macht darauf aufmerksam, dass im Konsumsektor, vor allem die "äußeren Ränder der Produktpalette von Basiskonsum bis Luxus" beachtet werden sollten. "Hier ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass die Nachfrage der Produkte konstant bleibt und dass man Preiserhöhungen gut an den Endkonsumenten weitergeben kann", sagt er.

Und was heißt das alles konkret? Die Liste der Aktien, die Investmentprofis als gutes Kriseninvestment nennen, ist lang. Sie umfasst etwa bekannte Namen wie:

  • die Nahrungsmittelkonzerne Nestlé, Kellogg's oder Coca-Cola,

  • die Konsumgüter- und Kosmetik- sowie Pflegeproduktanbieter Procter & Gamble oder Reckitt Benckiser,

  • die Tech-Größen Apple oder Microsoft,

  • die Finanzdienstleister Visa, Mastercard oder die Allianz.

Aber auch Unternehmen, die nicht jedermann auf Anhieb bekannt sind, werden genannt. Etwa:

  • Der US-Süßwarenhersteller Hershey Company. "Hershey weist solide Bilanz- und Profitabilitätskennzahlen auf", sagt Leandro Barulli, Portfoliomanager bei Top Vermögen in München. Zudem besitze das Unternehmen ein starkes Markenportfolio in den USA, mit bekannnten Produktlinien wie "Kitkat" oder "Hershey’s", sowie ein wenig zyklisches Geschäftsmodell. "Genascht wird schließlich immer." Hershey’s Management sei geprägt durch eine hohe Transparenz in der Kommunikation mit den Aktionären und versuche, sich stets schnell an neue Gegebenheiten anzupassen. "Das spiegelt sich auch im positiven Kursverlauf seit Jahresbeginn wider", sagt Barulli. Tatsächlich hat die Hershey-Aktie in den vergangenen zwölf Monaten um beinahe 50 Prozent zugelegt.

  • Der Datenlieferant Fair Isaac (kurz: Fico), ebenfalls aus den USA. Fair Isaac übernimmt die Kreditwürdigkeitsprüfung für Banken, Kreditkartenaussteller und Versicherer. Ein Abomodell bringt dabei wiederkehrende Umsätze. Weil Fair Isaac in diesem Bereich seit vielen Jahren die Standards setzt, erscheint ein Markteintritt für die Konkurrenz schwierig. "Das Unternehmen hat uns im bisherigen Jahresverlauf gut gefallen", sagt Portfoliomanager Barulli. "Gerade in den letzten Quartalsergebnissen konnten wir die Preissetzungsmacht von Fair Isaac beobachten." Seit der CEO William Lansing vor einigen Jahren die Leitung des Unternehmens übernahm, konnte Fico seine Profitabilität ausbauen, so Barulli. Auch die Kundenbasis sowie das Produktportfolio seien vergrößert worden.

  • Das norwegische Recycling-Unternehmen Tomra Systems. "Im Bereich des Recyclings von Pfandflaschen hat Tomra einen Marktanteil von etwa 70 Prozent, investiert gleichzeitig viel in die Entwicklung neuer Maschinen und ist zudem auch im Bereich von Papierverpackungen aktiv", erläutert Unikat-Chef Mehrbrei. "Hinzu kommt, dass immer mehr Länder weltweit verpflichtende Recyclingmaßnahmen einführen."

  • Der norwegische Energie- und Ölproduzent Equinor ASA oder der Netzbetreiber Enagas aus Spanien. Beide hält Vermögensverwalter Gabriel für geeignete Kriseninvestments.

Und die Geo Group, Michael Burrys Restaktie im Depot? Dürfte kaum zu den echten Krisenpapieren gezählt werden. Der Umsatz der Geo Group stagniert seit fünf Jahren. Der Nettogewinn hat sich im gleichen Zeitraum ungefähr halbiert. Hinzu kommen beträchtliche Schulden, die das Unternehmen angehäuft hat.

Die Geo Group sei ein klassischer "Cigar Butt", ein "Zigarrenstummel" also, so das wenig schmeichelhafte Urteil des US-Finanzblogs Seeking Alpha  über das Unternehmen. Finanzprofis wie Investmentlegende Warren Buffett bezeichnen mit diesem Jargonbegriff Unternehmen, die eigentlich erbärmlich erscheinen, die aber am Aktienmarkt so günstig gehandelt werden, dass man allein deshalb zugreifen kann.

Michael Burry könne die Geo-Aktien daher kaum aus reinen Risiko-Rendite-Gründen gekauft haben, vermutet Seeking Alpha. Der Investmentstar wisse vielleicht mehr über das Unternehmen, als der gewöhnliche Investor.

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