Inflation als Kennzahl Diese Faktoren könnten die Aktien-Rally beenden

An der New Yorker Börse, die weltweit nach wie vor eine Leitfunktion hat, steigen die Aktienkurse in immer rasanterem Tempo. Wer wissen will, wann die Hausse zu enden droht, sollte vor allem einen Kennzahl im Blick haben.
Aktienhändler in New York: Die Kurse an der Wall Street steigen und steigen - aber wie lange noch?

Aktienhändler in New York: Die Kurse an der Wall Street steigen und steigen - aber wie lange noch?

Foto: BRYAN R. SMITH/ AFP

Wer glaubt, die Börse in Deutschland laufe gut, der hat vermutlich lange nicht über den großen Teich in die USA geschaut: Dort hat der Leitindex Dow Jones  allein seit Beginn des vergangenen Jahres um mehr als 30 Prozent zugelegt. Der hiesige Dax  dagegen kam im gleichen Zeitraum auf vergleichsweise bescheiden anmutende 15 Prozent.

Immer rasanter geht es in letzter Zeit mit den US-Aktienkursen aufwärts, und nicht wenige dürften sich fragen, wie lange das noch so weiter gehen kann. Anders gefragt: Was muss passieren, damit die Aktienhausse an der Wall Street endet? Schließlich hat die New Yorker Börse nach wie vor eine wichtige Leitfunktion für andere Handelsplätze weltweit, auch für den deutschen.

Zur Beantwortung der Frage muss zunächst zwischen taktischen und strategischen Erwägungen unterschieden werden: Bei ersterem geht es um mögliche kurzfristige Kurskorrekturen, die am grundlegenden Aufwärtstrend nicht viel ändern, während letzteres eine echte Wende bedeuten würde, vom Bullen- in den Bärenmarkt.

US-Anleger warten seit 400 Handelstagen auf eine Korrektur

Dass eine solche vorübergehende Kurskorrektur an der US-Börse überfällig ist, steht außer Zweifel. Selten zuvor in der Geschichte des US-Aktienhandels hat es einen längeren Zeitraum gegeben, in dem die Kurse nicht wenigstens einmal zwischenzeitlich signifikant, also etwa um 5 Prozent oder mehr, gefallen wären.

Gegenwärtig warten die Investoren bereits an die 400 Handelstage auf diesen Rücksetzer, wie beispielsweise die US-Bank Goldman Sachs vorrechnet. Die Zeitspanne übersteigt bei weitem den Durchschnitt der vergangenen Jahrzehnte von etwa 90 Tagen.

Rücksetzer nur eine Frage der Zeit

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Hinzu kommt: Das Tempo der Kurssteigerungen hat zusehends angezogen. Binnen lediglich zwei Wochen gelang es dem Leitindex Dow Jones zuletzt, eine Spanne von 1000 Punkten zu überwinden, um in dieser Woche erstmals einen Handelstag oberhalb der 26.000-Punkte-Marke zu beenden. Zum Vergleich: Zwischen dem ersten Sprung über die 22.000er-Marke und jenem über die 23.000 Punkte lagen noch acht Wochen. Danach dauerte es bis zum nächsten 1000er-Schritt zunächst sechs Wochen und daraufhin nur noch fünf Wochen.

So entstand ein Kurschart für den Dow Jones  sowie ebenfalls für den breiter gefassten US-Index S&P 500, der sich immer steiler nach oben richtet. Erfahrene Beobachter wissen: Ein Knick nach unten kann da nur eine Frage der Zeit sein.

Doch das heißt nicht, dass mit einem solchen Rückschlag gleich die komplette Aktienhausse beendet wäre. Im Gegenteil: Je früher die Korrektur kommt, desto milder dürfte sie ausfallen - und desto größer erscheint daher auch die Wahrscheinlichkeit, dass es danach wieder aufwärts gehen kann. Schließlich sprechen die grundlegenden Faktoren, also vor allem das robuste US-Wirtschaftswachstum sowie die überzeugenden Geschäftsergebnisse und -ausblicke der meisten Konzerne, nach wie vor für mindestens stabile Aktienkurse an der US-Börse.

"Gefährlich für die Märkte, wenn Inflation rascher ansteigt"

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Was also könnte an diesem positiven Szenario etwas ändern, so dass die Aktienkurse auch grundlegend ihre Richtung ändern würden?

Es gibt vor allem eine Kennzahl, auf die sich das Interesse vieler Beobachter an dieser Stelle richtet, und das ist die US-Inflation. Sollte sie sich in nächster Zeit merklich nach oben bewegen, so dürfte dies ein Zeichen dafür sein, dass es mit der Konjunktur möglicherweise schneller vorangeht, als von den Verantwortlichen beispielsweise in der US-Notenbank Fed gewünscht. Die Notenbänker könnten sich dadurch veranlasst sehen, Maßnahmen zur Abkühlung zu ergreifen, also beispielsweise Zinserhöhungen, die das derzeit erwartete Tempo übersteigen. Im Schnitt werden am Finanzmarkt in diesem Jahr noch drei weitere Zinserhöhungen von Seiten der Fed erwartet, wovon die erste bereits im März erfolgen könnte.

"Gefährlich für die Märkte würde es dann, wenn die Inflation rascher anstiege und die Fed dazu gezwungen wäre, deutlicher zu reagieren", sagt etwa Christian Nemeth, Chefinvestor bei der Zürcher Kantonalbank Österreich. "Derzeit erfolgt der Normalisierungsprozess aus den richtigen Gründen. Das stabile Wirtschaftswachstum ist die Basis für weitere Unternehmensinvestitionen."

Hintergrund: Obwohl die US-Wirtschaft erfreulich wächst, verharren die Preissteigerungsraten in den Vereinigten Staaten bislang auf einem vergleichsweise niedrigen Niveau. Die für die Notenbank Fed maßgebliche Inflationskennziffer etwa liegt bereits seit mehr als fünf Jahren unter der angestrebten Marke von 2 Prozent. Und erst in dieser Woche veröffentlichte die Notenbank die Ergebnisse einer Umfrage zur Lage der US-Wirtschaft und zur Inflation, denen zufolge sich daran offenbar nicht viel geändert hat.

Bemerkenswerter Renditeanstieg bei US-Staatsanleihen

Das ermöglicht es der Fed bislang, im begonnenen Zinserhöhungszyklus relativ zurückhaltend zu agieren. Seit Dezember 2015 dreht die US-Notenbank bereits an der Zinsschraube, während beispielsweise die Europäische Zentralbank (EZB) und andere bislang noch stillhalten. So entstand ein Zinsgefälle zwischen den USA und der Euro-Zone, welches sich in den kommenden Monaten weiter verstärken dürfte.

Entscheidend scheint jedoch: Die Vorsicht, mit der die Fed bei ihren Zinsschritten bislang vorging, ist nach Ansicht vieler Beobachter einer der Gründe für die weiterhin positive Entwicklung der US-Konjunktur und der Unternehmensergebnisse - und damit auch für die steigenden Kurse an der Wall Street.

Das könnte vorläufig auch so bleiben: Viele Akteure am Finanzmarkt vertrauen offenbar darauf, dass die Aktienkurse zunächst weiter steigen. Ablesen lässt sich das Experten zufolge beispielsweise an der Rendite für US-Staatsanleihen mit einer Laufzeit von zehn Jahren. Diese vielbeachtete Kennzahl befindet sich seit einigen Monaten auf dem Weg nach oben und überschritt in dieser Woche erstmals seit Langem wieder die Marke von 2,63 und sogar 2,64 Prozent. Beobachtern zufolge spiegelt sich darin die anhaltende Tendenz wider, dass Investoren Gelder aus dem US-Bondmarkt an den amerikanischen Aktienmarkt umschichten.

Ein steigendes Zinsniveau in einer expandierenden Wirtschaft ist zwar nicht ungewöhnlich, im Gegenteil: Die gesunde Konjunktur schlägt sich gewissermaßen darin nieder. Das Problem ist nur: Steigende Zinsen können ab einem bestimmten Punkt dazu beitragen, einen Aufschwung zu bremsen oder gar vollends zum Erliegen zu bringen.

Der US-Sender CNBC  etwa macht darauf aufmerksam, dass speziell die Rendite der zehnjährigen US-Staatsanleihen eine Schlüsselkennzahl sei, die großen Einfluss auf viele Geschäfts- und Kundenkredite habe, inklusive des Hypothekenmarktes. Und führende Köpfe des Bond-Geschäfts wie Doubleline-Chef Jeff Gundlach oder Janus-Manager Bill Gross warnen bereits seit einiger Zeit davor, dass die Renditen noch weiter steigen werden, so CNBC.

Droht der US-Börse also Gefahr von der Zinsseite? Dass die Zinsen irgendwann so stark steigen, dass sie zum Belastungsfaktor für die US-Wirtschaft werden, glauben auch andere Investmentprofis. Die Anleiherenditen könnten auf einen Level anziehen, bei dem die Kreditkosten das Wirtschaftswachstum verlangsamen, zitiert beispielsweise die "Financial Times " Jon Day, einen Portfoliomanager von Newton Investment Management. Zusammen mit den restriktiven Maßnahmen der Fed könnte das zu einem "ganz anderen" Ausblick für Aktien führen, so Day.

Der Investor hat allerdings auch eine gute Nachricht: Dieses Szenario sei frühestens Ende des Jahres ein Thema, sagt er. Kommen keine Störungen von anderer Seite, so kann es also zumindest solange mit den Kursen an der US-Börse weiter aufwärts gehen.

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