Dienstag, 2. Juni 2020

Aktienmarkt im Corona-Stress Kursaufschwung wackelt - hat sich die Börse zu früh gefreut?

Unsichere Aussichten: An der Börse sind die Kurse nach dem Corona-Crash wieder gestiegen - mehr und mehr Experten sehen das kritisch.
Craig Ruttle/FR61802 AP/dpa
Unsichere Aussichten: An der Börse sind die Kurse nach dem Corona-Crash wieder gestiegen - mehr und mehr Experten sehen das kritisch.

Nicht wenige wundern sich seit Wochen über die Entwicklung der Aktienkurse: Nach dem massiven Crash im März haben sich die Kurse an wichtigen Börsen in Europa und den USA wieder stark erholt. Inzwischen pendeln Indizes wie der deutsche Dax Börsen-Chart zeigen oder der S&P 500 in den USA seit Wochen um ein Niveau, das angesichts der weiter herrschenden Corona-Krise mit ihren noch immer nicht vollständig absehbaren wirtschaftlichen Folgen ziemlich hoch erscheint.

Die Erklärung ist einfach: An der Börse herrschte bislang der Optimismus, dass der Wirtschaftseinbruch, der durch die Corona-Krise hervorgerufen wird, lediglich von kurzer Dauer sein wird. Das heißt: Investoren rechneten mehrheitlich offenbar mit einem sogenannten V-förmigen Verkauf der Wirtschaftsentwicklung - ein kurzer starker Einbruch, gefolgt von einem schnellen Comeback.

Daran kommen nun aber immer stärkere Zweifel auf. Das zeigte sich beispielsweise am Mittwoch, als Jerome Powell, der Chef der US-Notenbank Fed, seine Sicht auf die US-Wirtschaft publik machte. Powells Ausblick hat offenbar mit einer V-förmigen Konjunkturdelle nicht viel zu tun. Der Notenbanker warnte vielmehr vor einer langwierigen Wirtschaftsschwäche in den Vereinigten Staaten. Er sehe die weltgrößte Volkswirtschaft vor einer "längeren Periode" schwachen Wachstums, sagte er.

Die Kursverluste, die daraufhin am Mittwoch an der Wall Street zu verzeichnen waren, zeigen: Damit hatten Investoren nicht gerechnet. So verlor der US-Standardwerteindex Dow Jones Börsen-Chart zeigen insgesamt 2 Prozent auf 23.300 Punkte. Der technologielastige Nasdaq Börsen-Chart zeigen und der breit gefasste S&P 500 büßten jeweils 1,7 Prozent ein. Auch am deutschen Aktienmarkt geht es am Donnerstag abwärts.

"Die Wortwahl 'signifikantes Abwärtsrisiko' ist sehr, sehr negativ", sagte Kenny Polcari, Chef-Anlagestratege des Vermögensverwalters Slatestone. Daher rechne er mit weiteren Kursverlusten, da die Anleger diese Aussagen erst einmal verdauen müssten.

Powell ist mit seinem Pessimismus durchaus nicht alleine - auch unter Wall-Street-Größen macht sich diese Ansicht allmählich breit. Prominente Investoren, die bislang zum Teil dezidiert optimistisch auf die Aktienmärkte geblickt haben, wechseln plötzlich das Lager in Richtung Zurückhaltung.

Die Investoren Stan Druckenmiller und David Tepper etwa drücken es besonders drastisch aus. Wie die Nachrichtenagentur Bloomberg berichtet, sagte Druckenmiller am Dienstag auf einer Veranstaltung in New York, er halte die V-förmige Entwicklung für "Fantasie". Der 66-jährige habe noch nie eine Zeit erlebt, in der das Aktienrisiko die damit verbundenen Chancen so stark überwogen hätte, wie zurzeit.

David Tepper sagte dem Bericht zufolge, abgesehen von 1999, als die Dot-Com-Bubble an den Börsen aufgeblasen wurde, habe er Aktien noch nie so überbewertet gesehen wie gegenwärtig.

Zuvor hatte beispielsweise auch schon Milliardär und Investmentlegende Leon Cooperman vor den Folgen der Corona-Krise und der staatlichen Maßnahmen gewarnt. Der S&P 500 etwa, so Coopermann, könne durchaus wieder um mehr als 20 Prozent zurückfallen.

Pessimistisch äußert sich auch Jean-Marie Mercadal, Chefinvestor von OFI Asset Management. "Wir glauben nicht an die Signale des Marktes und bleiben für die nahe Zukunft eher vorsichtig", schreibt er in einer Einschätzung mit Blick auf die jüngsten Kurserholungen. "Wir gehen davon aus, dass wir nur sehr langsam aus dieser Krise herauskommen werden." Die Märkte, so Mercadal, dürften in den kommenden Wochen unbeständig sein und sich "phasenweise konsolidieren". Auch er spricht von einem möglichen Kursrückgang an der US-Börse um etwa 20 Prozent.

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Und es sind keineswegs ausschließlich die Börsenprofis, die skeptisch in die Zukunft blicken. Milliardär Mark Cuban etwa, US-Unternehmer und Besitzer des Dirk-Nowitzki-Ex-Basketball-Clubs Dallas Mavericks, ist Mitglied einer Beratergruppe, die US-Präsident Donald Trump zur Wiedereröffnung der Wirtschaft eingesetzt hat. Er stimme Druckenmiller zu, sagte Cuban lauf Bloomberg. "Aktien sind überbewertet und das Risiko ist nicht angemessen, bis es einen Plan der Regierung zum Umgang mit Corona gebe.

Gut möglich also, dass sich die Börse tatsächlich zu früh gefreut hat: Dann waren die Kursgewinne der vergangenen Wochen nicht gerechtfertigt - und es könnte in nächster Zeit wieder kräftig abwärts gehen.

mit Material von Reuters

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