Mittwoch, 21. August 2019

Die Börse und das Referendum Griechen stimmen ab - was das für Anleger bedeutet

Griechenland: Kursrutsch kostet 300 Milliarden Dollar an der Börse
AP

Die Börse erwartet mit Spannung die Volksabstimmung in Griechenland am Sonntag. Ein Ja der Griechen dürfte die Kurse beflügeln - doch selbst ein Nein bietet Anlegern Chancen.

Seit einer Woche beherrscht ein Thema die Börse: Griechenland und das Referendum. Am Sonntag ist es so weit. Die Griechen sind aufgerufen, über die Sparauflagen, die die Euro-Gruppe im Gegenzug für weitere Finanzhilfen fordert, abzustimmen. Was ist also nach dem Referendum an der Börse zu erwarten?

Variante 1: Die Griechen stimmen den Forderungen der Euro-Gruppe zu

In diesem Fall dürfte es für Ministerpräsident Alexis Tsipras an der Regierungsspitze Griechenlands eng werden. Er hat das Referendum ersonnen und seine Landsleute wiederholt dazu aufgerufen, mit Nein zu stimmen. Folgen sie ihm nicht, geht seine Zeit als Regierungschef in Athen höchstwahrscheinlich dem Ende entgegen. Sein Finanzminister Varoufakis hat bereits angekündigt, im Fall eines Ja zurückzutreten - und auch Tsipras verlöre sein Gesicht, würde er nach einem Ja am Amt kleben.

Für die Börse wäre ein Ja der Griechen wohl Anlass zur Freude. Denn damit stiege die Hoffnung, dass es doch noch zu einer Einigung über weitere Hilfen in der Schuldenkrise kommen und ein Staatsbankrott Griechenlands verhindert werden kann.

Schon in den vergangenen Tagen ließ jede Nachricht, die auf eine Fortsetzung der Gespräche zwischen Euro-Gruppe und Griechenland hindeutete, die Kurse steigen. Ein Konsens würde zwar vermutlich weitere Monate und Jahre des Herumdokterns an der griechischen Misere bedeuten.

Die alternative Staatspleite nebst vermutlich einem Grexit, dem Austritt Griechenlands aus der Eurozone, wird aber offenbar nach wie vor als das größere Übel für die Märkte betrachtet.

Jedoch: Auch die zweite Variante, ein Nein der Griechen zu den vorgeschlagenen Reformen, muss für Börsianer nicht von Nachteil sein - wenn diese ein wenig Geduld und Bargeldreserven haben.

Variante 2: Die Griechen stimmen den Forderungen der Euro-Gruppe nicht zu

In diesem Fall ginge der griechische Ministerpräsident Alexis Tsipras gestärkt aus dem Referendum hervor - und sein Land steuerte endgültig in Richtung einer Staatspleite. Mit hoher Wahrscheinlichkeit würde dies früher oder später auch auf den Austritt oder Rauswurf Griechenlands aus dem Euro hinauslaufen - denn Griechenland kann seine Renten und Löhne langfristig nur mit einer neuen Parallelwährung bezahlen, wenn die EZB das Land nicht mehr mit Euro versorgt.

Für die Griechen wäre ein Neuanfang samt Währungsreform vielleicht sogar die bessere Wahl, nach dem Motto: lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende. Mit einer neuen, eigenen Währung hätte das Land die Chance, wieder wettbewerbsfähig zu werden.

Doch wie würden die Finanzmärkte auf diese Nachricht reagieren? So viel steht wohl fest: Wenn die Griechen die Forderungen der Europartner am Sonntag ablehnen, dann dürften die Börsen weltweit am Montag und wohl auch in der Zeit danach zunächst erneut erheblich unter Druck geraten und turbulente Zeiten durchlaufen.

Die Blaupause dafür liefert gerade die vergangene Woche: Nach dem Wochenende sah es zunächst düster aus für die Zukunft Griechenlands. Unter dem Eindruck, die Verhandlungen in Brüssel seien gescheitert, gab es zu Wochenbeginn heftige Verluste an den Börsen.

Aber: Einen wirklichen Crash gab es nicht. Das liegt vermutlich zum einen daran, dass die Pleite Griechenlands trotz allem noch nicht eingetreten war (de facto ist sie es seit der Nacht von Dienstag auf Mittwoch, als das Land gegenüber dem IWF in Zahlungsverzug geriet). Zum anderen dürfte aber auch eine Rolle gespielt haben, dass eine Staatspleite der Hellenen nebst Grexit von vielen als nicht mehr so fatal für die Finanzmärkte eingeschätzt wird wie beispielsweise 2010, als die Griechen-Krise erstmals aufflammte. Die Gefahr, dass andere Länder wie Spanien oder Italien in den Abwärtsstrudel geraten, wird als gering angesehen. Die EZB wird nach einem Grexit die anderen Länder mit allen Mitteln verteidigen.

Christoph Rottwilm auf Twitter
Für kommenden Montag folgt daraus: Bei einem Nein der Griechen gibt es am Aktienmarkt vermutlich zunächst Verluste. Auf längere Sicht ist dies aber vielleicht auch für die Börse die bessere Nachricht. Denn das jahrelange Bangen und Herumlavieren hätte ein Ende, die Karten würden neu gemischt. In der Regel tut ein solcher Einschnitt den Kursen langfristig eher gut - Anleger könnten die turbulenten Wochen nach einem Nein nutzen, um auf einem deutlich verbilligten Niveau einzusteigen.

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