Aktienrally in Gefahr Diese Events könnten 2017 die Börsianer überraschen

Auf dem falschen Fuß erwischt: Mit der Wahl Donald Trumps hatten auch an der Börse nur wenige gerechnet - wird es im kommenden Jahr ähnliche Überraschungen geben?

Auf dem falschen Fuß erwischt: Mit der Wahl Donald Trumps hatten auch an der Börse nur wenige gerechnet - wird es im kommenden Jahr ähnliche Überraschungen geben?

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Mit dem "Brexit" und der Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten gab es 2016 mindestens zwei Großereignisse, die an den Finanzmärkten kaum jemand erwartet hatte. Kommt 2017 etwas Vergleichbares auf uns zu?

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Die Investmentexperten vom japanischen Finanzhaus Nomura haben sich darüber Gedanken gemacht. Herausgekommen ist eine Reihe möglicher Ereignisse, die zwar unwahrscheinlich erscheinen, die aber nicht unmöglich sind - und die allesamt maßgeblichen Einfluss auf die Entwicklung der Finanzmärkte haben könnten. Nomura nennt diese eventuell auftretenden Events "graue Schwäne", angelehnt an die Theorie der "schwarzen Schwäne". Als solche werden in der Wissenschaft Ereignisse bezeichnet, die völlig unerwartet eintreten, nachdem sie zuvor als ausgeschlossen galten.

Bei der Zusammenstellung hat Nomura gängige Risiko-Szenarien wie beispielsweise eine mögliche Amtsenthebung des kommenden US-Präsidenten Donald Trump eigenen Angaben zufolge bewusst außen vor gelassen. Stattdessen stehen potenzielle Ereignisse im Fokus, die sonst nur wenig Beachtung finden. Hier sind die wichtigsten "grauen Schwäne", die Nomura für 2017 für möglich hält:

Kommt der plötzliche Produktivitäts-Boom?

Abwurf: Derzeit versuchen viele Anleger, bei der Jahresendrally noch mitzureiten. Doch Absturz-Risiken bleiben

Abwurf: Derzeit versuchen viele Anleger, bei der Jahresendrally noch mitzureiten. Doch Absturz-Risiken bleiben

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Ein Faktor, der die Entwicklung der Wirtschaft und damit der Aktienmärkte maßgeblich beeinflusst, ist die Produktivität, also das Verhältnis zwischen dem Einsatz an Produktionsfaktoren und dem erzielten Output an Produkten in der Industrie.

In den USA beispielsweise ist die Produktivität seit Jahren rückläufig. Ein ganzer Wissenschaftszweig beschäftigt sich inzwischen mit der Suche nach Gründen dafür, schreibt Nomura. Dabei werden strukturelle Argumente wie das Ausbleiben revolutionärer technischer Fortschritte ebenso ins Feld geführt, wie zyklische Argumente. Zu Letzteren zählt dem Investmenthaus zufolge beispielsweise das Niedrigzinsumfeld, das unproduktive Investments fördere und den Kreditsektor lähme.

Auch für die Zukunft gehen die meisten Experten - Nomura inklusive - eigentlich von weiterhin niedrigen Produktivitätsraten aus. Aber was, wenn es anders kommt? Laut Nomura könnten beispielsweise die vergleichsweise hohen Investitionen in die Ausbildung sowie in Forschung und Entwicklung eine solche überraschende Trendwende zur Folge haben. Auf die Aktienmärkte würde sich dies den Analysten zufolge allerdings keineswegs negativ auswirken. Im Gegenteil: Die Kurse würden dadurch vermutlich eher gestützt oder sogar nach oben getrieben.

Wird China seine Währung freigeben?

Die Währungspolitik Pekings steht immer wieder im Zentrum von Diskussionen, denn der chinesische Yuan unterliegt nicht dem freien Spiel der Marktkräfte, sondern wird von den Chinesen mal mehr und mal weniger fixiert.

Erst kürzlich kochte das Thema hoch, als Amerikas kommender Präsident Donald Trump China per Twitter vorwarf, den Yuan künstlich abzuwerten, um US-Unternehmen den Wettbewerb mit der Konkurrenz in Fernost zu erschweren. Mit dem Vorwurf lag Trump zwar vermutlich falsch, denn vieles spricht dafür, dass der Yuan derzeit eher unter Abwertungsdruck steht und aus Peking künstlich verteuert wird. Das sehen auch die Analysten von Nomura so. Das Ereignis zeigt jedoch, wie umstritten das Thema ist - und auf welcher Ebene der Politik darüber mitunter diskutiert wird.

Die Frage ist nun: Wie wird sich die Volksrepublik künftig verhalten? Das gängige Szenario ist, dass die Verantwortlichen in Peking an ihrer bisherigen Lenkung des Wechselkurses vorerst festhalten. Sollte China jedoch den Yuan überraschend komplett freigeben, so dürften heftige Turbulenzen an den weltweiten Märkten folgen. Laut Nomura wäre eine starke Abwertung der chinesischen Währung zu erwarten. Zudem würde vermutlich viel Kapital aus der Volksrepublik hinaus ins Ausland fließen, was Konsequenzen rund um den Globus hätte.

Wird aus dem "Brexit" der "Bremain"?

Nachdem 2016 schon alle Welt vom "Brexit" überrascht war, warum sollten uns die Briten nicht im kommenden Jahr mit einer Kehrtwende erneut auf dem falschen Fuß erwischen? Laut Nomura sind zwei Szenarien denkbar, unter denen das Vereinigte Königreich vom beschlossenen EU-Austritt abrücken könnte:

1. Die Briten selbst werfen ihren Beschluss über den Haufen, etwa, weil sie zu dem Schluss kommen, dass die Schotten sowie die Waliser noch eigene Abstimmungen zu der Frage abhalten müssen, und weil zumindest eine dieser Abstimmungen womöglich nicht das erforderliche Ergebnisse bringen würde.

2. Die EU stimmt die Briten um, etwa, indem sie all jene Reformen in Gang bringt, die Großbritannien sich immer schon gewünscht hatte.

Sollte der beschlossene "Brexit" auf diese Weise tatsächlich noch zum "Bremain" werden, so gäbe es laut Nomura einen Trade, mit dem Investoren davon am ehesten profitieren würden: "Long GBP, short JPY". Das heißt: Rein ins britische Pfund und raus aus dem japanischen Yen. Letzteres empfiehlt sich nach Ansicht der Analysten stärker als ein Rückzug aus dem US-Dollar, da dieser gegenwärtig allzu sehr von der Trump-Euphorie getragen werde.

Springt in Japan plötzlich die Inflation an?

In Japan erreichte die Inflation zuletzt 2014 ein nennenswertes Niveau, schreibt Nomura. Und das auch nur, weil zu der Zeit in dem Inselstaat die Umsatzsteuer erhöht worden war.

Was aber, wenn die Preissteigerung im kommenden Jahr plötzlich und entgegen jeder Erwartung anspringen sollte? Laut Nomura könnte dies weitreichende Folgen haben: Die Bank of Japan würde womöglich eine Zeit abwarten, ob die Entwicklung nachhaltig wäre. Dann jedoch wäre die Notenbank nach Einschätzung der Analysten gezwungen, einzuschreiten. Eine Möglichkeit wäre beispielsweise, die Zinsen heraufzusetzen, mit nach Ansicht von Nomura möglicherweise sehr negativen Folgen für den japanischen und auch die weltweiten Bondmärkte.

Wird Trump die Fed bedrängen?

Die US-Notenbank Fed soll eigentlich - wie andere Zentralbanken auch - unabhängig von der Politik agieren. Der designierte US-Präsident Trump jedoch hat die Fed bereits im Wahlkampf scharf kritisiert. Die Zinsen seien zu niedrig, die Fed betätige sich als verlängerter Arm Washingtons und verfüge darüber hinaus über eine aufgeblähte Bilanz, die es zu kürzen gelte, so Trumps Vorwürfe.

Was nun, fragen sich die Analysten von Nomura, wenn Trump seinen Druck auf die Notenbank als US-Präsident weiter erhöht. Die Folge könnte ein Wechsel an der Spitze der Fed sein - und eine Änderung der Zinspolitik. Laut Nomura würden die US-Zinsen in dem Fall wohl schneller steigen als bislang erwartet, was einen stärkeren US-Dollar sowie ein generell höheres Zinsniveau in den USA zur Folge hätte.

Wird Russland neue militärische Aktionen starten?

Wenngleich Nomura explizit betont, keine neuen militärischen Einsätze Russlands etwa im Osten Europas im kommenden Jahr zu erwarten - ausschließen wollen die Analysten des Finanzhauses solche Ereignisse nicht ganz. Möglich wäre demnach ein weiterer Vormarsch in der Ukraine ebenso wie ein Vorgehen auf dem Baltikum.

Wer das für ausgeschlossen hält, den weist Nomura darauf hin, dass ähnliches schon 2008 in Georgien und 2014 eben in der Ukraine geschehen ist. Als Positionierung für diesen speziellen "grauen Schwan" empfehlen die Analysten beispielsweise ein Investment in baltische Kreditausfallversicherungen (CDS).

Wird das Papiergeld verschwinden?

Auch diesem möglichen Ereignis misst Nomura - zumindest mit Blick auf das kommende Jahr - nur geringe Wahrscheinlichkeit bei, wenngleich es bereits einige Entwicklungen gibt, die in diese Richtung deuten: Das Bargeld könnte abgeschafft werden.

In Deutschland etwa wurde unlängst öffentlich über eine mögliche Abschaffung des Bargeldes diskutiert. Befürworter behaupten, so ließe sich Kriminalität und der Umlauf von Schwarzgeld besser eindämmen. Indien sorgte kürzlich ebenfalls für Schlagzeilen, als dort praktisch über Nacht die 500 und 1000 Rupien-Noten für ungültig erklärt wurden.

Für Sparer und Unternehmen hätte eine Abschaffung des Bargeldes gerade in der aktuellen Situation auf den Finanzmärkten frappierende Folgen: Sie könnten den niedrigen Zinsen kaum noch entgehen. Selbst negative Zinsen, wie sie mitunter auch von Privatkunden bereits verlangt werden, müssten beinahe wehrlos in Kauf genommen werden. Eine solche Maßnahme könnte zweifellos erhebliche Auswirkungen auf das Konsum-, Spar- und Investmentverhalten in der Bevölkerung haben.

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