Anlagechance in der Corona-Krise Die Börsennische, die mit zweistelligen Renditen lockt

US-Promi Kim Kardashian bei einem Event der Juwelierkette Tiffany & Co.: Das Unternehmen wird von LVMH übernommen - Anleger können dabei mitverdienen.

US-Promi Kim Kardashian bei einem Event der Juwelierkette Tiffany & Co.: Das Unternehmen wird von LVMH übernommen - Anleger können dabei mitverdienen.

Foto: Evan Agostini/ AP

Kaufen oder nicht kaufen, das ist momentan an der Börse die große Frage. Die Kurse vieler Aktien waren im März im Zuge des Corona-Crashs tief abgestürzt und haben sich zu einem Teil inzwischen wieder erholt. Dennoch wirken zahlreiche Papiere auf den ersten Blick nach wie vor günstig. Geht es also nun wieder aufwärts am Aktienmarkt? Oder kommt, wie Experten es nicht ausschließen, ein weiterer Rückschlag?

Es gibt Papiere, bei denen stellt sich diese Frage kaum - sie erscheinen in jedem Fall kaufenswert. Denn wer sie erwirbt, kann bereits jetzt nahezu sicher sein, sie zu einem späteren Zeitpunkt zu einem höheren Kurs wieder veräußern zu können.

Die Rede ist von den Aktien jener Unternehmen, für die bereits ein anderer Konzern oder ein Finanzinvestor ein Übernahmeangebot abgegeben hat. Teil einer solchen Offerte ist regelmäßig auch ein fixer Kaufpreis, zu dem der Interessent die Papiere erwerben möchte - und dieser Preis liegt in den meisten Fällen ein gutes Stück über dem aktuellen Börsenkurs.

Der Gewinn, den Investoren in solchen Fällen einstreichen können, also die Differenz zwischen dem Handelskurs der Aktie und dem zum gleichen Papier im Falle einer Übernahmeofferte geäußerten Kaufpreis, wird im Fachjargon als Merger-Arbitrage bezeichnet. Eine Differenz, die beispielsweise aufgrund von Restrisiken entsteht, dass der bevorstehende Deal doch noch platzen könnte. Oder durch allgemeine Marktverwerfungen, vor denen auch die Papiere von Übernahmeobjekten nicht gefeit sind.

"Hochattraktive Marktphase"

Insbesondere der letzte Aspekt lässt die Aktien vieler Übernahmekandidaten im Augenblick besonders attraktiv erscheinen. Die Aktienmärkte weltweit haben im März Kursstürze erlebt, wie es sie zuvor nur selten gegeben hat. Das hat auch viele Unternehmen getroffen, die demnächst den Besitzer wechseln sollen - obwohl sich an der bevorstehenden Firmenakquisition sowie den Konditionen, zu denen Aktionäre ihre Stücke dabei abgeben können, oft kaum etwas geändert hat. Die Folge sind aus Sicht von Fachleuten ungewöhnlich hohe Merger-Arbitrage-Renditen - und damit seltene Investment-Gelegenheiten in dieser Nische des Aktienmarktes.

Einer Analyse des Investmenthauses Bantleon zufolge etwa lag die durchschnittliche Merger-Arbitrage-Rendite am Aktienmarkt noch zu Jahresbeginn bei 6 Prozent. Im Laufe des Crash-Monats März stieg der Wert dann auf extreme 23 Prozent. Aktuell, so Bantleon, liegt die Arbitrage-Rendite noch immer - annualisiert betrachtet - im zweistelligen Bereich.

"Die Werte haben zwar ihren Höhepunkt inzwischen überschritten, wir befinden uns aber nach wie vor in einer hochattraktiven Marktphase für das Abschöpfen von Renditen bei Übernahmen", sagt Bantleon-Fondsmanager Oliver Scharping. "Im Augenblick kann man in einigen Fällen nach wie vor den zwei- oder dreifachen Ertrag erzielen - bei nahezu unverändertem Risiko."

Zwei Beispiele für attraktive Übernahmeziele

Der Risikoaspekt ist nach Angaben des Fachmanns der Punkt, der dieses Anlagethema besonders spannend macht: Obwohl sich die Renditen durch die Kursveränderungen der vergangenen Wochen verschoben haben, bleibt das Risiko für den Anleger in den meisten Fällen unverändert. "Der Markt preist zum Teil ein höheres Risiko ein, dass bestimmte Transaktionen platzen könnten", so Scharping. "In vielen Fällen ist diese Sorge aber unbegründet, wie unsere Analyse zeigt." Insbesondere ein Rückzug von einer Übernahme mit dem Verweis auf die Corona-Pandemie wird oft durch die Vertragsbedingungen ausgeschlossen, sagt der Experte. Zumindest stünden dem in der Regel hohe juristische Hürden im Weg.

Als Beispiel für eine in diesem Zusammenhang attraktive Aktie nennt Scharping das Papier der weltbekannten Juwelier-Kette Tiffany & Co. Das Unternehmen wird gegenwärtig vom französischen Luxuskonzern LVMH übernommen - ein Deal, an dem sich kaum etwas ändern dürfte, so Scharpings Überzeugung. Dennoch lässt sich mit den Tiffany-Aktien momentan eine Merger-Arbitrage-Rendite von rund 7 Prozent erzielen, sagt er. Auf das Gesamtjahr gerechnet seien es sogar etwa 40 Prozent.

"Wir haben mit LVMH einen starken Käufer, in dessen Strategie diese Übernahme genau hineinpasst", so Scharping. "Erst kürzlich hat LVMH  bekräftigt, Tiffany weiterhin übernehmen zu wollen, daran ändert auch die Corona-Krise nichts."

Grund dafür, dass die Tiffany-Papiere dennoch mit Abschlägen gehandelt werden, ist laut Scharping unter anderem der womöglich geplatzte Kauf des Dessous-Labels Victoria's Secret durch einen Private-Equity-Investor in den USA, der lange wackelte und von dem seit Dienstag bekannt ist, dass er gescheitert ist. Das strahlt auf die LVMH-Tiffany-Transaktion ab, sagt der Fachmann.

Ein weiteres Beispiel ist der Kauf des amerikanischen Bremsenherstellers Wabco durch den deutschen Autozulieferer ZF Friedrichshafen. "Das ist eine hochstrategische Transaktion, die lange geplant wurde", so Scharping. "Der Deal macht wirtschaftlich für ZF Friedrichshafen absolut Sinn, es gibt keine Anzeichen, dass daran etwas schiefgehen könnte." Die Merger-Arbitrage-Rendite, die mit den Wabco-Aktien momentan erzielt werden kann, liegt nach Angaben des Fachmanns dennoch mit annualisierten 7 bis 8 Prozent bemerkenswert hoch.

Trotz aller Attraktivität des Segments warnt Scharping Investoren jedoch vor Alleingängen. Als Fondsmanager hat er die Möglichkeiten, jede Transaktion lange und ausführlich zu prüfen, sagt er. So nehme Bantleon etwa die juristischen Vereinbarungen sowie die wirtschaftlichen Hintergründe der in Frage kommenden Deals unter die Lupe. Erst nach dieser Analyse werde gegebenenfalls in einen Übernahmekandidaten investiert.

Privatinvestoren stehen diese Ressourcen kaum zur Verfügung. Zudem haben sie selten die Mittel, um ein breites Portfolio der fraglichen Aktien aufzubauen. Folge: Wenn Anleger es auf eigene Faust versuchen, anstatt in einen Fonds mit diesem Schwerpunkt zu investieren, ist das Verlustrisiko höher.

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