Stille Kurspflege der Konzerne Der unschöne, aber wahre Grund für stabile Aktienkurse

Die Konjunktur vor der Wende, die Konzerne mit immer schlechteren Ausblicken - aber die Aktienkurse halten sich auf hohem Niveau. Ein Hauptgrund dafür dürfte rund um den Globus der gleiche sein.
Aktienhändler in New York: Unternehmen kaufen eigene Papiere im Rekordvolumen

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Der Dax  über 12.000 Punkten, der Dow Jones  in den USA deutlich jenseits der 25.000 Punkte und der breitere US-Index S&P 500 wieder unterwegs in Richtung der 2900-Punkte-Marke: An der Börse geht es derzeit zwar turbulent zu, es sieht jedoch so aus, als hätten die Kurse insgesamt eine gewisse Stabilität, aufgrund derer sie größere Rückschläge seit Monaten abfedern können.

Doch Vorsicht. Anleger, die sich aufgrund solcher Beobachtungen auf die Stärke des Aktienmarktes verlassen, sitzen möglicherweise einer fatalen Täuschung auf. Denn die Gründe für das Ausbleiben breiterer Kursverluste sind womöglich nicht diejenigen, die Investoren sich dahinter erhoffen.

Tatsächlich läuft die Konjunktur gegenwärtig zwar noch rund und viele Unternehmen melden erfreuliche Geschäftsergebnisse. Entscheidend für die Börse ist jedoch der Blick in die Zukunft, und der fällt bei immer mehr Unternehmen zunehmend pessimistisch aus.

Mit dem Autobauer Daimler , dem Zulieferer Continental  und dem Großkonzern Thyssenkrupp  sind nur drei prominente Unternehmen genannt, die in jüngster Zeit ihre Prognosen zurückschrauben mussten. Die Liste ließe sich beinahe beliebig verlängern: Vor allem internationale Verwerfungen wie der Handelskonflikt zwischen den USA und Europa sowie China und die damit verbundenen Strafzölle sorgen dafür, dass immer mehr Unternehmenslenker mit Skepsis in die Zukunft blicken.

So stieg die Zahl der Umsatz- oder Gewinnwarnungen börsennotierter Unternehmen hierzulande im ersten Halbjahr dieses Jahres von 29 auf 42, wie auch das "Handelsblatt " berichtet. Demnach gab es in den ersten sechs Monaten 2018 mehr solche Warnungen von Konzernen als in anderen ersten Halbjahren seit 2011, als derartige Analysen begannen. Etwa jedes vierte der mehr als 300 Unternehmen im Prime Standard der deutschen Börse habe im ersten Halbjahr 2018 mindestens einmal seine eigene Prognose kassiert, so die Zeitung mit Verweis auf Angaben der Wirtschaftsprüfer von Ernst & Young (EY).

Experten sehen die Konjunktur bereits auf ihrem Höhepunkt und sprechen von einer anstehenden Trendwende. Gründe für fallende Aktienkurse gäbe es also ausreichend. Doch weshalb hält sich die Börse dennoch vergleichsweise stabil?

Konzerne kaufen eigene Aktien im großen Stil - während Topmanager sie privat verkaufen

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Die Antwort liefert womöglich ein Blick auf die Aktienrückkäufe von Seiten der Unternehmen, die sich weltweit auf einem extrem hohen Niveau befinden.

Bereits weithin bekannt ist, dass Konzerne in den USA die finanziellen Entlastungen, die ihnen die Steuerreform der Regierung Trump von Anfang dieses Jahres beschert hat, für Rückkäufe im großen Stil nutzen. Allein im zweiten Quartal erreichte das Volumen der Aktienkäufe durch Unternehmen wie Apple , Google  oder JP Morgan mit rund 437 Milliarden Dollar Rekordniveau, so die US-Datenfirma TrimTabs. In den ersten drei Monaten des Jahres war das Volumen laut TrimTabs bereits auf 242 Milliarden Dollar in die Höhe geschnellt.

Selbst die Beteiligungsholding Berkshire Hathaway  des bekannten Multimilliardärs und US-Investors Warren Buffett rückte jüngst von einer jahrelangen Linie ab und ermöglichte durch eine Regeländerung dem Management, die Aktien des eigenen Unternehmens zu erwerben.

Diese Entwicklung bringt nicht nur US-Präsident Donald Trump in Bedrängnis. Er hatte den Amerikanern versprochen, dass die Steuerentlastungen für viele neue Jobs in den Unternehmen sorgen würden. Zwar haben einige Firmen tatsächlich angekündigt, ihren Mitarbeitern Boni aufgrund der Steuerreform zahlen sowie neue Arbeitsplätze schaffen zu wollen. Klar ist jedoch auch: Jeder Dollar, den ein Konzern in den Rückkauf eigener Aktien steckt, kann nicht gleichzeitig für den Ausbau der Stellen verwendet werden.

Zudem sorgen die milliardenschweren Aktienrückkäufe womöglich für ein Trugbild an der Börse, denn dadurch werden Aktienkurse auf einem Niveau gehalten, das ansonsten möglicherweise nicht mehr gerechtfertigt wäre. Der Grund: Durch die Rückkäufe sinkt die Anzahl im Umlauf befindlicher Papiere eines Konzerns, auf die sich dessen Gewinn verteilt. Der anteilige Gewinn pro Aktie steigt also tendenziell - und damit auch der Wert des Papiers.

"Sie kaufen an der Haustür und verkaufen wieder an der Hintertür"

Was bei alldem bislang noch kaum bekannt ist: Die Rückkäufe unternehmenseigener Aktien im großen Stil sind keineswegs ein rein US-amerikanisches Phänomen - sie sind vielmehr rund um den Globus zu beobachten.

Nicht nur US-amerikanische Unternehmen, sondern auch solche in Europa und Asien kaufen derzeit "aggressiv" Aktien zurück, berichtet etwa die "Financial Times " mit Verweis auf Daten der Researchfirma Bernstein. Demnach kaufen gegenwärtig Unternehmen weltweit mit großem Eifer mehr Aktien auf, als neue - etwa bei Börsengängen oder Kapitalerhöhungen - ausgegeben werden. Das Ergebnis: Der globale Aktienmarkt schrumpft aktuell so schnell wie seit zwei Jahrzehnten nicht mehr, so die "FT".

So entsteht alles in allem das Bild einer weltumspannenden Kurspflege auf fragwürdiger ökonomischer Grundlage. Investoren, die da noch nicht ins Grübeln geraten, seien zudem wiederum auf den US-Markt verwiesen. Dort sind offenbar nicht einmal die Topmanager der Konzerne selbst - diejenigen also, die für die Rückkäufe verantwortlich sind - von positiven Aussichten des Aktienmarktes überzeugt. Denn während sie das Geld ihrer Firmen verwenden, um damit deren Papiere zu erwerben, werfen sie die gleichen Papiere im selben Augenblick aus ihren privaten Depots.

Nicht zu glauben? Wie der US-Sender CNN  berichtet, haben Insider von US-Unternehmen im Mai und Juni dieses Jahres zusammen Aktien ihrer Firmen im Wert von insgesamt beinahe 18 Milliarden Dollar verkauft. Das sei der höchste Wert für eine Zweimonats-Periode seit einem Jahr, so der Sender mit Verweis auf Informationen von TrimTabs.

"Sie kaufen an der Haustür und verkaufen wieder an der Hintertür", kommentiert ein Investmentmanager dieses Treiben gegenüber CNN. "Das ist, als würde jemand eine Aktie im Fernsehen anpreisen, um sie dann zu verkaufen."

Eine Warnung, die auch Investoren hierzulande ernst nehmen sollten.

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