Mittwoch, 22. Mai 2019

Börse im Höhenflug Darum können die Aktienkurse noch weiter steigen

Händler an der Börse in Frankfurt: Geht es nach dem starken Jahresauftakt weiter aufwärts?

War's das schon mit dem Börsenaufschwung, nach dem starken ersten Quartal des Jahres? Ein Blick ausgerechnet auf den britischen und den italienischen Aktienmarkt zeigt: nicht unbedingt.

Ein Kursgewinn von 15 Prozent seit Anfang Januar - gemessen am Leitindex Dax Börsen-Chart zeigen ist der deutsche Aktienmarkt ziemlich erfolgreich in das neue Jahr gestartet. Insbesondere angesichts der Turbulenzen, die die Börse in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahres durchgerüttelt haben, dürfte dieses Comeback für viele überraschend gekommen sein.

Und nicht wenige sind vermutlich der Ansicht, dass das Aufholpotenzial mit den Kursgewinnen der vergangenen Wochen zunächst einmal aufgebraucht sein dürfte. "Der größte Teil des Kursanstiegs liegt hinter uns", sagt etwa Frank Wieser vom Vermögensverwalter PMP Vermögensmanagement in Düsseldorf. "'Sell in May and go away' dürfte sich auch diesmal bewahrheiten."

Wieser hält den Aufschwung nach dem "Dezembercrash" eher für einen Ausdruck der Erleichterung darüber, dass offenbar keine weltweite Rezession drohe, sondern lediglich eine Konjunkturdelle. "Das Jahr 2019 wird aber weiterhin von Diskussionen über den konjunkturellen Zustand geprägt sein", sagt er. "Diese Diskussion werden wir immer wieder an der Börse wiederfinden. Für die nächsten Quartale ist daher mit stark schwankenden Kursen zu rechnen."

Adrian Roestel, Leiter Portfoliomanagement bei Huber, Reuss & Kollegen, äußert sich ähnlich zurückhaltend. "Nach der guten Performance in den ersten Monaten dieses Jahres sehen wir die Gefahr, dass bis in den Herbst die Kurse eher nachgeben", sagt er auf Anfrage von manager-magazin.de.

Die Skepsis erscheint nachvollziehbar. Auf der anderen Seite gibt es aber auch Argumente, die selbst nach den jüngsten Kursanstiegen noch für weiteres Aufwärtspotenzial an der hiesigen Börse sprechen. Die Analysten der Schweizer Großbank UBS beispielsweise brachten in dieser Woche eine umfangreiche Studie zu den europäischen Aktienmärkten heraus, mit besonderem Augenmerk auf den Handelsplätzen in Deutschland und der Schweiz. Die zentrale Aussage, zu der die UBS-Leute dabei in Bezug auf den deutschen Markt gelangen, dürfte viele Investoren erfreuen: Demnach kann es mit dem Dax durchaus noch weiter nach oben gehen.

Nachdem der Dax in den vergangenen Monaten verglichen mit anderen Indizes schlechter gelaufen sei, so die UBS-Analysten, bestehe nun Grund zum Optimismus. Deutschland verfüge seit Januar 2018 über den am schlechtesten performenden Aktienmarkt in Europa, abgehängt sogar von den Börsen in Italien und Großbritannien, heißt es in der Analyse. Zwei Ländern also, deren wirtschaftliche und politische Situation eher Gründe für mäßige Aktienkursentwicklungen liefern sollten als hierzulande.

Tatsächlich befindet sich der deutsche Leitindex Dax im Vergleich zum Anfang des vergangenen Jahres nach wie vor mit rund 8 Prozent im Minus. Zum Vergleich: Beim Eurostoxx 50 beträgt das Minus lediglich etwa 2 Prozent, bei britischen FTSE 100 sind es rund 4 Prozent und beim italienischen MIB Index kaum mehr als minus 1 Prozent. Der französische Leitindex CAC 40 notiert über die vergangenen 15 Monate sogar mit etwa 3 Prozent im Plus.

Drei Argumente für steigende Kurse

Zwar ist eine Underperformance alleine, selbst, wenn sie über mehrere Monate zu beobachten war, längst noch kein ausreichendes Argument für ein besseres Abschneiden in der Zukunft. In diesem Fall erscheint die Sache jedoch tatsächlich merkwürdig: Der Aktienmarkt der stärksten Volkswirtschaft Europas hinkt hinterher - gegenüber Ländern, die zum Teil mit politischen und wirtschaftlichen Problemen historischen Ausmaßes zu kämpfen haben?

Zudem führen die UBS-Analysten konkrete Argumente an, die für weiter steigende Aktienkurse sprechen könnten:

  • Die Situation beim Handelskonflikt zwischen den USA und China sowie Europa habe sich zuletzt ein wenig entspannt,
  • die Konjunkturdaten aus China hätten sich in letzter Zeit generell verbessert und
  • auch in Europa gebe es Anzeichen einer Entspannung der konjunkturellen Lage. So seien etwa die Einzelhandelsverkäufe ebenso wie auch die Industrieproduktion - abgesehen von Deutschland allerdings - zuletzt höher ausgefallen als erwartet.

Mit ihrer Zuversicht stehen die Schweizer Banker keineswegs alleine da. Rolf Kazmaier etwa, Vermögensverwalter aus Stuttgart, glaubt, dass die gegenwärtige Konjunkturschwäche inzwischen vollständig in die Aktienkurse eingepreist wurde. "Für 2020 werden schon wieder 1,8 Prozent Wachstum ausgerufen", sagt er. Das mache "hinsichtlich der weiter niedrigen Zinsen ein positives Signal für die Börsen frei".

Hinzu kommt ein weiterer Aspekt: Die Aktiengesellschaften werden in den nächsten Wochen und Monaten wie gewohnt ihre Geschäftsergebnisse präsentieren. Im vergangenen Jahr hatten sich viele Unternehmen vor allem beim Ausblick zurückhaltend geäußert und Gewinn- und Umsatzerwartungen zurückgeschraubt. In den kommenden Monaten sollte sich nun zeigen, ob dies angemessen war oder vielleicht sogar übertrieben pessimistisch.

Mit anderen Worten: Auch von dieser Seite könnten die Aktienkurse neuen Auftrieb erhalten. Vermögensverwalter Frank Krekel von der Unikat Gesellschaft für Finanz-Management beispielsweise glaubt, dass in den nächsten Monaten durchaus positive Überraschungen von den Unternehmen möglich sind. Auch Jan-Patrick Weuthen von B&K Vermögen in Köln sieht "Überraschungspotenzial".

Christoph Rottwilm auf Twitter

Für Investoren ist das einerseits eine gute Nachricht: Mit erfreulichen Geschäftszahlen könnten die Konzerne den Dax und weitere Indizes zu neuen Höhen treiben. Doch auch diese Medaille hat selbstverständlich eine Kehrseite: Bleiben die Quartalsergebnisse hinter den Erwartungen zurück, so besteht nach dem starken Jahresauftakt der Börse inzwischen wieder viel Luft für Kursrückschläge.

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