Samstag, 24. August 2019

Börsenprofi Carsten Mumm erklärt Nach dem Börsen-Rumms - darum bleibt die Aussicht trübe

Bild der Verzweiflung? Aktienhändlerin an der Börse Frankfurt.
Frank Rumpenhorst/dpa
Bild der Verzweiflung? Aktienhändlerin an der Börse Frankfurt.

Seit Anfang 2019 sind die Kurse für deutsche Aktien und für Bundesanleihen nahezu parallel deutlich gestiegen - eine eher ungewöhnliche Situation. Zumeist und theoretisch begründbar sollte es unterschiedliche Entwicklungen geben: steigen die Aktienkurse, schichten mehr und mehr Anleger Kapital aus Anleihen an die Aktienbörsen um. Anleihekurse fallen entsprechend. Sobald Aktien deutlich nachgeben, werden Anleihen als sicherer Hafen gesucht. Deren Kurse steigen, die Renditen fallen.

Carsten Mumm
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    Carsten Mumm, Chefvolkswirt und Leiter der Kapital-marktanalyse bei der Privatbank Donner & Reuschel.

Seitdem sich die Notenbanken jedoch nicht mehr ausschließlich dem Ziel der Preisniveaustabilität und - im Fall der US-Notenbank Fed - der Unterstützung eines adäquaten Wirtschaftswachstums verschreiben, gilt dieser Zusammenhang nur noch eingeschränkt. Vor allem in Europa haben die Eingriffe der Europäischen Zentralbank (EZB) zur Bekämpfung der Staatsschuldenkrise und zur Sicherung der Stabilität des Euro-Währungsraums zu einer veränderten Wahrnehmung geführt. So haben die berühmte "Whatever-It-Takes"-Rede des EZB-Präsidenten Mario Draghi im September 2012, die wiederholten Ankündigungen sehr lang andauernder Niedrigzinsphasen (forward guidance), die Versorgung der Geschäftsbanken mit unbegrenzter Notenbankliquidität, die Wertpapierkäufe und die tatsächlich andauernde Niedrigzinsphase dazu geführt, dass ein Großteil der mit der Kapitalanlage verbundenen Risiken von der EZB quasi abgesichert wurden.

Anleger hatten das Gefühl, weder bei Anleihen, noch bei Immobilien oder Aktien größere Verlustphasen befürchten zu müssen. Dazu kam der angesichts der Niedrigzinsen entstandene allgemeine "Anlagenotstand". Viele investierten ihr Kapital in alle möglichen Anlagen mit einem Renditevorteil gegenüber einer Geldmarktverzinsung.

Man kann die Kursentwicklung der letzten Monate aber auch anders interpretieren: die Rentenmärkte preisen eine handfeste Rezession ein, während die Aktienmärkte von einem zeitnahen Aufschwung ausgehen. Im Zuge einer nachlassenden Wirtschaftsdynamik fallen in der Regel die Zinsen - einerseits aufgrund entsprechend expansiver Ausrichtung der Geldpolitik, andererseits weil die Investitionsnachfrage der Unternehmen nachgibt und weniger Kredite als Finanzierungskapital benötigt werden.

Eine sinkende Nachfrage nach Kapital trifft auf ein gegebenenfalls sogar steigendes Angebot. Denn Anleger, die mit fallenden Zinsen rechnen, wollen sich die noch höheren Renditen bei langen Laufzeiten sichern und stellen entsprechend mehr Geld zur Verfügung. Gleichzeitig trüben sich aber die Perspektiven für die Unternehmen ein - die Aktienkurse geben nach. Genau das ist in den letzten Monaten jedoch nicht passiert. Eine schwache Wirtschaft, fallende Zinsen und steigende Aktienkurse dürften theoretisch nur am Ende eines Abschwungs auftreten, wenn die vorausschauenden Aktienanleger schon wieder den kommenden Aufschwung im Blick haben.

Danach sieht es zurzeit jedoch nicht aus. Vor allem in Deutschland wird die realwirtschaftliche Situation - von der Allgemeinheit bisher weitgehend unbemerkt - immer bedrohlicher. Die Industrie befindet sich schon seit Ende 2018 in einer Rezession. Zuletzt vermehrten sich zudem die Anzeichen, dass die Schwäche auch auf den bisher noch robusten Konsum übergreifen könnte. Das GfK-Konsumklima lässt langsam aber stetig nach. Auch die bisher noch relativ beständigen Ifo-Geschäftsklimaindizes für Dienstleistungen und den Handel gaben zuletzt nach.

Dazu passend nehmen die Gewinnwarnungen deutscher Unternehmen zu. Sollte sich diese Entwicklung fortsetzen, käme es zu Rückwirkungen auf die Arbeitsmärkte, also einem Ende des ohnehin ausgereizten Jobbooms und damit zu einer weiteren Belastung des Konsums. Schon heute wird das Thema Kurzarbeit vermehrt öffentlich diskutiert. Die deutsche Wirtschaft wird im zweiten Quartal ein negatives Wachstum aufweisen. Auch für das dritte Quartal sind die Aussichten derzeit nicht gut. Allein der in Deutschland weiter boomende Bausektor wird diese Entwicklung nicht überkompensieren können.

Die Marktreaktion nach den letzten Sitzungen der EZB beziehungsweise der Fed sprachen Bände. Im Anschluss an die jeweiligen Pressekonferenzen der Notenbankpräsidenten Draghi und Powell gaben die Aktienmarktnotierungen deutlich nach. Zwar wurden die Erwartungen der Marktteilnehmer weitgehend erfüllt - in der Eurozone die Ankündigung einer möglichen Zinssenkung im September sowie die Überlegung zu einer Neuauflage des Wertpapierkaufprogramms und in den USA die erste Zinssenkung seit über zehn Jahren sowie die frühzeitige Beendigung der Bilanzreduktion.

Sowohl Mario Draghi als auch Jerome Powell verkündeten jedoch keine positiven Überraschungen im Sinne konkreter weiterer expansiver Schritte. In der Eurozone ist ohnehin davon auszugehen, dass ausschließlich weiter fallende Zinsen keine nennenswerte Steigerung der Kreditvergabe und damit einen deutlichen Impuls für die Konjunktur auslösen können. Und auch zur Ankurbelung der globalen Aktienmärkte reichen Zinssenkungen derzeit offensichtlich nicht mehr aus.

Damit spricht einiges dafür, dass trotz weiterhin sehr expansiver Geldpolitik das zweite Halbjahr keine größeren Aktienkursgewinne mit sich bringen wird. Dafür bedürfte es schon eindeutiger Fortschritte und Entspannungssignale von Seiten wesentlicher Belastungsfaktoren für die globale Konjunktur - vor allem vom Handelskonflikt, dem Brexit und aus dem Nahen Osten. Das wäre die notwendige Voraussetzung für eine Umkehr der aktuell negativen konjunkturellen Perspektiven.

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Anleger sollten daher verstärkt auf die kommenden Vorlaufindikatoren achten. Für Deutschland ist das vor allem der Ifo-Geschäftsklimaindex. Erst eine Stabilisierung der Geschäftsaussichten der Unternehmen würde die Hoffnung auf eine konjunkturelle Bodenbildung rechtfertigen.

Die nachlassende konjunkturelle Dynamik sorgt zudem dafür, dass bisher ohnehin kaum vorhandene Inflationstendenzen schwach bleiben, womit auch bei Bundesanleihen mit längeren Laufzeiten weiterhin kaum Potenzial für Zinssteigerungen besteht. Das vorläufige Ende des Gleichlaufs der Aktien- und Anleihekurse in Deutschland könnte bereits eingeläutet sein. Eine Korrektur der Aktienmärkte scheint damit unausweichlich.

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