Dienstag, 26. Mai 2020

Londoner Aktienmarkt haussiert Brexit-Gewinner an der Börse sind - ausgerechnet die Briten!

Patriotismus zahlt sich aus - jedenfalls momentan: An der Börse in London sind die Kurse trotz Brexit gestiegen

Seit dem Votum der Briten für den EU-Austritt werden die Nachteile diskutiert, die Großbritannien entstehen. An der Londoner Börse ist davon nichts zu sehen: London hängt gerade den Dax und den Rest der Welt ab.

Für viele ist Peter Hargreaves in diesen Tagen wohl der törichte Brite par excellence: Der Mitinhaber der Investmentfirma Hargreaves Lansdown spendete erst vier Millionen Euro für die Pro-Brexit-Kampagne und verlor nach deren Erfolg einen dreistelligen Millionenbetrag, weil die Aktien seines Unternehmens an der Börse einbrachen.

War doch vorher klar, möchte man da sagen. Wie kann man nur?

Brexit-Fan Hargreaves

Doch Hargreaves steht nach wie vor zu seiner Entscheidung. Und wer sich über ihn und womöglich viele andere Briten echauffiert, die sich nach gängiger Meinung für einen Niedergang ihrer Volkswirtschaft entschieden haben, sollte einmal einen genauen Blick auf die Entwicklung an den Finanzmärkten in den vergangenen Tagen werfen.

Vielfach wurde seit dem Votum am 23. Juni über die negativen Folgen diskutiert, die ein Brexit in den kommenden Jahren etwa für den britischen Außenhandel sowie für den Arbeitsmarkt und andere Bereiche haben kann. Treibt der Brexit die britische Wirtschaft in eine Rezession? Wie viele Vorteile einer EU-Mitgliedschaft wird Großbritannien durch zähe Verhandlungen in die Nach-EU-Zeit hinüberretten können? Die Frage, so scheint es, ist nicht, ob es düster wird für Großbritannien, sondern wie düster es in Großbritannien und Europa wird.

Die jüngste Entwicklung an der Börse spricht jedoch zumindest für den Augenblick eine andere Sprache: Dort steht auf der Verliererseite zunächst mal nicht Großbritannien, sondern der Rest der Welt.

Wie der britische FTSE den deutschen Dax abhängt

Um etwa 4 Prozent liegt der deutsche Leitindex Dax Börsen-Chart zeigen gegenüber seinem Stand vor dem Brexit-Entscheid nach wie vor im Minus, trotz der Erholung der vergangenen Tage. Der europaweite EuroStoxx 50 Börsen-Chart zeigen notiert etwa in gleichem Maße negativ. Besser sieht es an der Wall Street aus, wo der Dow Jones Börsen-Chart zeigen sowie der breite S&P 500 jeweils nur noch leichte Verluste aufweisen.

Doch was machte in der auslaufenden Woche die Börse in London? Auch dort waren unmittelbar nach der Volksabstimmung die Kurse massiv eingebrochen. Seither jedoch geht es mit den britischen Aktien steiler aufwärts als an allen anderen wichtigen Börsen in der Welt.

Finanzwerte wie Hargreaves Lansdown hinken zwar noch hinterher. Der Standardindex FTSE 100 Börsen-Chart zeigen jedoch, in dem sich auch internationale Rohstoff- oder Pharmafirmen befinden, steht inzwischen bereits um 4 Prozent besser da als zuletzt vor dem Brexit-Votum. Seit Januar verzeichnet der britische Leitindex damit ein Plus von etwa 5 Prozent. Beim Dax dagegen sind es minus 10 Prozent.

Momentan zahlen an der Börse also nicht die Briten die Brexit-Zeche, sondern die Investoren, die außerhalb des Vereinigten Königreichs engagiert sind.

Aber was bedeutet das? Liegen vielleicht die Fachleute falsch, die Großbritannien für die Zeit nach einem Brexit eine Wirtschaftskrise prophezeien? Steht die britische Wirtschaft ohne EU womöglich doch besser da als mit EU?

So einfach ist es nicht. Für die Kursgewinne der vergangenen Tage am britischen Aktienmarkt gibt es vor allem zwei Gründe, und beide sind kaum geeignet, das langfristige Vertrauen in die britische Wirtschaft in einer Post-EU-Ära zu stärken.

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