Freitag, 20. September 2019

Gespräche mit Deutsche Börse Gabriel will "Neuen Markt" für Start-ups wiederbeleben

15 IT-Boys und ein IT-Girl: Die Fürsprecher einer stärkeren deutschen IT-Wirtschaft auf dem gleichnamigen Gipfel am Dienstag in Hamburg.

Der "Neue Markt" steht für Milliarden verbrannter Anlegergelder. Minister Gabriel treibt dennoch eine Neuauflage voran, um jungen Firmen Zugang zu Wachstumskapital zu bieten.

Die Bundesregierung will ein neues Börsensegment für Start-Up-Firmen einführen. "Wir sind der festen Überzeugung, dass wir ein solches Börsensegment brauchen", sagte Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel am Dienstag auf dem 8. IT-Gipfel in Hamburg. Die Regierung sei in Gesprächen mit der Deutschen Börse. Über einen Zeitpunkt für die Einführung des neuen Segments könne er nichts sagen. Nach Informationen von manager-magazin.de ist ein Treffen zwischen Gabriel und Reto Francioni, dem Vorstandschef der Deutschen Börse, für Anfang Dezember geplant.

Gabriel sagte in Hamburg, mit der Plattform "Börse 2.0" sollten junge Unternehmen leichter Zugang zu zusätzlichem Kapital bekommen,das sie für ihre weitere Entwicklung und Expansion dringend benötigten. Von den negativen Erfahrungen mit dem "Neuen Markt" vor über zehn Jahren wolle man sich nicht von dem Projekt abhalten lassen, sagte der Minister.

Der Wirtschaftsminister sprach sich zudem dafür aus, Kapitalgebern beim Einstieg in jungen Firmen die Verrechnung von Verlustvorträgen zu ermöglichen. Das Fehlen dieser Möglichkeit gilt als ein Hinderungsgrund dafür, dass in Deutschland nicht mehr Geld in Start-Up-Firmen fließt. "Es geht darum, dass wir eine nationale Regelung bekommen, die aber in Einklang mit EU-Recht stehen muss", sagte er mit Hinweis darauf, dass eine frühere deutsche Regelung von der EU-Kommission gekippt worden war.

Der Wirtschaftsminister beklagte, dassin Deutschland insgesamt nicht genug Wagniskapital bereitstehe. Nur mit öffentlichen Hilfen könne man dieses Problem nicht lösen. "Wenn im Silicon Valley im Jahr 15 Milliarden Euro Venture Capital von ganz klassischen Unternehmen zur Verfügung gestellt werden, dann ist das, was wir in Deutschland zu bieten haben, eher auf der Ebene homöopathischer Dosen."

Insgesamt wolle sein Ministerium in dieser Legislaturperiode fast eine halbe Milliarde Euro dafür ausgeben, die Digitalisierung der Wirtschaft voranzutreiben. Die "digitale Agenda" der Bundesregierung sei aber kein Subventionsprogramm, wehrte Gabriel Forderungen nach weiteren Hilfen ab.

Es reiche nicht mehr aus, nur den IT-Standort Deutschland zu entwickeln, sagte Gabriel. Es müsse vielmehr die Verschmelzung von IT-Wirtschaft und klassischer Industrieproduktion geschafft werden. Er sei sehr besorgt, dass in einer Umfrage zwei Drittel der Mittelständler angegeben hätten, dass für sie die Digitalisierung kein besonderes Thema sei. Derzeit entscheide sich, ob die klassischen Industrieunternehmen oder die großen amerikanischen IT-Konzerne die Innovationstreiber seien. "Die erste Halbzeit der Digitalisierung haben wir in Europa verloren", kritisierte der Chef der Deutschen Telekom, Timotheus Höttges, der ebenfalls verstärkte Anstrengungen forderte.

Reuters/soc

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