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Börse: Dax-Monatsrenditen seit 1948

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Saisonale Kursmuster "Sell in May" - das kann auch schiefgehen

"Sell in May and go away", lautet eine Börsenweisheit. Doch viele Geldprofis raten davon ab, solchen Mustern zu folgen: Die Zinssenkung der EZB, die Krisenpolitik per Notenpresse sowie der daraus entstehende Anlagenotstand setzen die alten Regeln außer Kraft.

Hamburg - Der Dax notiert mit 8122 Punkten nur knapp unter seinem Rekordhoch. Folgten Anleger einer alten Börsenregel, sie müssten nach dem rasanten Kursanstieg jetzt Gewinne mitnehmen und sich schleunigst vom Aktienmarkt verabschieden. Denn die kommenden Wochen versprechen wenig Rendite. "Sell in May and go away" - seit 1999 wären die Investoren mit dieser Empfehlung überwiegend gut gefahren. In neun der vergangenen 14 Jahre beendete der Dax  den vermeintlichen Wonnemonat Mai mit roten Vorzeichen.

Die viel zitierte Regel fordert dazu auf, im Mai Aktien zu verkaufen und erst Ende September wieder einzusteigen. Befolgten alle das Bonmot, würden Gewinne und Verluste an der Börse einer selbsterfüllenden Prophezeiung folgen, und die Handelsplätze könnten gut fünf Monate im Jahr schließen. Das passiert natürlich nicht.

Gleichwohl ist die Regel mehr als nur ein Spruch, wie historische Zeitreihen des Deutschen Aktieninstituts zeigen. Tatsächlich fielen die Handelsmonate Mai bis September im Dax in den vergangenen 14 Jahren überwiegend schwach aus. Bis auf den Juli (+ 0,24 Prozent) standen im Monatsschnitt dieser Periode unter dem Strich rote Vorzeichen. Die Folgemonate Oktober (+3,46), November (+1,59) und Dezember (+2,97) wiesen dagegen im Schnitt jeweils deutliche Gewinne aus. Sie gelten als "starke" Börsenmonate.

Saisonale Kurseffekte sind in der Dax-Historie sichtbar

Kritiker monieren, dass sich die Werte verändern - je nachdem, ob man einen Fünf-, Zehn- oder Zwanzigjahreszeitraum wählt. Insofern ist es sinnvoll, die Regel einmal an der kompletten Dax-Historie seit 1948 zu überprüfen (siehe Grafik links). In der Tat ist in dieser Gesamtsicht der Monat Mai mit einer historischen Durchschnittsrendite von minus 0,1 Prozent hinter dem September (- 0,6 Prozent) der zweitschwächste Monat. Signifikant ist auch die relativ schwächere Dax-Performance der Sommermonate im Vergleich von Oktober bis April.

Gewisse "saisonale" Kurseffekte sind also nicht von der Hand zu weisen. In ähnlicher Form lassen sie sich am Standardwerte-Index Dow Jones  ablesen. Beobachter begründen das Phänomen damit, dass in den Sommermonaten an der Börse schlicht weniger los ist. Umgekehrt verhelfe die Tatsache, dass viele institutionelle Anleger zur Jahreswende ihre Depots aufräumen (Window-Dressing) sowie frisches Geld aus Zinsen und Dividenden investieren, den Indizes immer wieder zu Aufschwüngen.

Es gibt durchaus Investoren, die sich scheinbar wiederkehrende Muster an der Börse zu eigen machen und einen "Saisonfaktor" in ihre Anlageentscheidung einbeziehen. Geschäftstüchtige Emissionshäuser haben schon längst so genannte Saison-Zertifikate aufgelegt, die in bestimmten Monaten - zumeist im Sommer - das investierte Kapital aus dem Aktienmarkt abziehen, es zwischenzeitlich anderweitig anlegen und dann zu den starken Börsenmonaten wieder im Aktienmarkt investieren.

Befragt man professionelle Geldmanager nach saisonalen Kursmustern, stellen sie das Phänomen nicht grundsätzlich in Abrede. Eine Anlagestrategie würden sie daran aber nicht orientieren - sie warnen sogar davor.

Geldprofis warnen: Aus der Mai-Regel keinen Trend ableiten

"Dass der Mai tendenziell ein schwächerer Monat ist, sollte man eher dem Zufall zuschreiben, als einen grundlegend existierenden Trend zu vermuten", warnt Thomas Grüner, Chef des Vermögensverwalters Grüner Fisher Investments. Die Abweichung zu "besseren" Monaten sei auch keinesfalls gravierend.

In einzelnen Phänomenen einen Trend erblicken zu wollen, davon rät auch Markus Zschaber, Chef der Kölner Vermögensverwaltung V.M.Z ab. Dies gelte um so mehr, als in der Vergangenheit immer wieder einzelne Großkrisen für drastische Kursreaktionen in den Sommermonaten verantwortlich zeichneten - so die Asienkrise 1997, die Russlandkrise 1998, der Börsencrash im September 2001, die Lehmann-Pleite im Herbst 2008 oder die sich zuspitzende Euro-Krise im Juni 2011.

Test des Allzeithochs im Mai ist möglich

Eine funktionierende Anlagestrategie müsse mehr denn je alle relevanten Einflussfaktoren bewerten und das Depot flexibel daran anpassen, so Zschaber. Dies gelte nicht nur für die Sommermonate, sondern für das ganze Jahr. Niemand sollte seine Investmententscheidung einfach an Monatsnamen oder vermeintlich sicheren Kursmustern festmachen, warnt der Börsenprofi.

Wer so denkt und anlegt, legt sich prognostisch ungern auf einen Monat fest. Trotz zuletzt wackliger Wirtschaftsdaten sind die Geldprofis für deutsche Aktien aber optimistisch - nicht zuletzt wegen der jüngsten Zinssenkung der EZB in dieser Woche.

Die Ausgangslage für den Dax in diesem Jahr sei nach wie vor vielversprechend, der fundamental begründete Aufwärtstrend intakt und ein Allzeithoch in den nächsten Wochen nicht auszuschließen, sagt Grüner. "Sell in May" hört und fühlt sich da anders an.

Fundamental spricht viel für deutsche Unternehmen

Die Zinssenkung der EZB hat in dieser Woche zudem den Euro unter Druck gesetzt - was tendenziell den exportorientierten Unternehmen hilft. Japans Notenbank hat in den vergangenen Wochen vorgemacht, wie man seine Exportunternehmen per Notenpresse stützen kann. Die stark weltmarktorientierten deutschen Unternehmen verkaufen qualitativ hochwertige Produkte und Dienstleistungen: Mehr als ihre ausländischen Wettbewerber werden sie daher von einer anziehenden Weltkonjunktur profitieren, glaubt Zschaber.

Deutsche Konzerne zeichne zudem eine solide Profitabilität, eine hohe Liquidität und ein im Vergleich geringer Verschuldungsgrad aus. Spielt die Weltkonjunktur mit, komme ein Investor an deutschen Aktien nicht vorbei, ist der Experte überzeugt. "Durch die letzten Krisen haben sich die Unternehmen besser aufgestellt, Kosten eingespart und Investitionen in neue effiziente Technologien getätigt", hebt auch Grüner hervor.

Für deutsche Aktien spreche zudem ihre Bewertung, sagen die Geldprofis. Dabei verzichten auch sie nicht gänzlich auf historische Argumentationshilfen. Tatsächlich liegt das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) des Dax mit rund 11,5 aktuell deutlich unter dem 30-jährigen Schnitt (rund 18). Mit Blick auf das aktuelle Kurs-Buchwert-Verhältnis (rund 1,4) liegen Dax-Aktien ebenso deutlich unter ihrem langjährigen Mittel (1,9).

Deutsche Aktien deutlich günstiger als US-Papiere

Das allein wird einen professionellen Investor vermutlich nicht überzeugen, so lange Qualitätsaktien zum Beispiel US-amerikanischer Unternehmen noch günstiger bewertet sind. Sind sie aber nicht, wie Zschaber vorrechnet: Dax-Titel seien gemessen am Gewinn im Schnitt 27 Prozent günstiger als US-amerikanische Aktien des S&P 500. Gemessen am Buchwert seien sie durchschnittlich sogar 62 Prozent günstiger. Nicht zuletzt würden sich Dax-Aktien mit einer im Schnitt 68 Prozent höheren Dividendenrendite positiv von US-amerikanischen Werten abheben.

Aus fundamentaler Sicht, möchte man meinen, steht es also gut um die Dax-Konzerne und ihre Aktien. Zumal die Gewinne der Firmen im kommenden Jahr weiter steigen sollen. Guido Hoymann von Metzler Equity Research rechnet mit einem Gewinnplus von 10 Prozent im Schnitt.

Doch schon lange bestimmen die Zentralbanken das Geschehen an den Kapitalmärkten mit. Mit schier unendlich viel Geld fluten sie die Märkte, halten die Zinsen fortgesetzt niedrig. Die Zinsen für Anleihen und Sparprodukte sind auf einen historischen Tiefstand gerutscht. "Sie könnten durch den anhaltend disinflationären Druck in den USA und Europa sogar noch weiter sinken", glaubt Ad van Tiggelen von ING Investment.

Die Zentralbanken werden die Geldschleusen nicht so schnell schließen. Die US-Notenbank Fed will auch künftig jeden Monat für 85 Milliarden Dollar Anleihen aufkaufen, um das Wachstum anzukurbeln. Die Bank of Japan kauft jeden Monat für rund 71 Milliarden Dollar Anleihen auf, will das Programm zwei Jahre fortsetzen.

Anlagenotstand: "Keine Alternative zu Aktien"

Die ökonomischen Effekte dieser Politik sind ebenso umstritten wie die jüngste Zinssenkung der EZB selbst. Denn große Teile des billigen Geldes kommen in der Wirtschaft bislang nicht an, kritisiert nicht nur Grüner. Zielführender wäre es, glaubt Zschaber, wenn die EZB auf alternative Modelle auswiche und ähnlich der Bank of England Unternehmenskredite aufkaufte.

Zugleich treibt die bisherige Politik der Zentralbanker die Anleiherenditen in den Keller und institutionelle Investoren in einen regelrechten Anlagenotstand. Nicht nur Staaten, auch Firmen mit guter Bonität müssen den Investoren schon lange keine hohen Zinsen mehr zahlen. Ihre Aktien sind in der Regel das renditeträchtigere Investment.

Angelsächsische Investoren beantworten die Frage nach dem Ausweg aus der finanziellen Repression durch die Notenbanken mittlerweile mit einem Schlagwort: TINA - "There Is No Alternative". Mit anderen Worten sehen sie angesichts niedrigster Zinsen und hoher Liquidität kaum Alternativen zum Aktienmarkt. Dieser Mangel an Alternativen sollte die Aktienkurse in den kommenden Monaten stützen, glaubt van Tiggelen.

Die hohe Liquidität spiele eine gewichtige Rolle, sagt auch Zschaber. Gerade in Japan, den USA und in Großbritannien zeige sich durch die aggressive Geldpolitik eindeutig eine Korrelation zu den Aktienmärkten. Dies werde auch noch eine ganze Weile andauern. Wichtiger sei aber, dass die konjunkturellen Faktoren das Fundament der aktuellen Aktienkurse bestätigten. "Das werden sie mit Blick auf die kommenden zwölf Monate auch tun", ist Zschaber überzeugt.

Folgt man also den Optimisten, stehen die Chancen nicht schlecht, dass der Dax diesen Mai und auch im Sommer besser über die Runden kommt als in der Vergangenheit. Zwischenzeitliche Korrekturen nicht ausgeschlossen, wie einzelne Geldprofis einschränken - so viel Rückfallposition muss dann doch sein.

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