Starke Börse Anleger(alp)traum 8000 Punkte

Perfekte Börsenwelt: Nach den Konjunkturdaten dieser Woche dürfte es mit der Wirtschaft kaum weiter abwärts gehen. Die Euro-Krise ebbt ab und Unternehmen äußern Zuversicht. Experten sehen den Dax schon bei 8000 Punkten. Anleger sollten da vielleicht vor allem eins erwägen: Verkäufe.
Banger Blick: Die Aussicht auf weiter steigende Kurse ist nicht nur Grund für Vorfreude

Banger Blick: Die Aussicht auf weiter steigende Kurse ist nicht nur Grund für Vorfreude

Foto: Michael Probst/ AP

Hamburg - Wenn an der Börse von 8000 Punkten für den Dax  die Rede ist, sollten Anleger eigentlich die Flucht ergreifen. Bislang gab es zwei Aufschwungphasen am Aktienmarkt, die den Leitindex über diese Marke brachten, das war im März 2000 und einige Male im Jahr 2007. Und was folgte jedes Mal? Ein jäher Absturz.

Auch gegenwärtig sehen einige Investmentprofis den Dax wieder unterwegs Richtung 8000 Punkte. Laut St. Galler Kantonalbank etwa nähert sich der Index dieser "magischen Marke". Für HSBC Global Asset Management gibt es ebenfalls "keinen Anlass für Abstriche an unserer positiven Einschätzung der Aktienmärkte", so die Firma in einem Kommentar.

Tatsächlich gibt es einiges, was für steigende Kurse sprechen könnte. Auf den ersten Blick sind einige der jüngsten Meldungen zwar wenig ermutigend. In dieser Woche etwa wurden in vielen Ländern die Daten für das Wirtschaftswachstum im vierten Quartal 2012 veröffentlicht. Die Zahlen fielen zumeist enttäuschend aus. Japans Wirtschaft etwa schrumpfte überraschend zum dritten Mal in Folge. Auch die Euro-Zone blieb mit Minus 0,6 Prozent hinter den Erwartungen zurück. Dies war ebenfalls der dritte Quartalsverlust nacheinander, sprich: wieder drei Monate Rezession.

Deutschland, Frankreich, Italien, die Niederlande - allenthalben erwischten die Statistiker die Ökonomen auf dem falschen Fuß. Österreich erlebte in den letzten drei Monaten 2012 gar den ersten Rückgang der Wirtschaftsleistung seit drei Jahren.

Optimistische Ökonomen

Die gute Nachricht lautet jedoch: Viele Volkswirte sehen damit den Tiefpunkt der Konjunkturflaute erreicht. Nach Einschätzung von Morgan Stanley MUFG Research in Tokio etwa ist die Rezession in Japan trotz der Daten zum vierten Quartal bereits überwunden. Sie gehen von einer Erholung aus, schrieben sie am Donnerstag in einem Kommentar.

Auch für die Euro-Zone rechnen die meisten Analysten nun erst einmal zumindest mit einer Stagnation. 2014, so das Ergebnis einer Umfrage der Europäischen Zentralbank (EZB) vom Donnerstag, soll die Wirtschaftsleistung dann wieder um 1,1 Prozent zulegen.

Für Deutschland sind viele Experten sogar noch optimistischer. "Wir erwarten, dass die Wirtschaft sich sehr schnell erholt", sagt etwa Christian Schulz, Volkswirt der Berenberg Bank. "Alles deutet darauf hin, dass sie bereits wieder wächst." Auch die Bank Unicredit sieht "sehr gute" Chancen, dass das Wachstum schon zu Jahresbeginn zurückkehrt. "Die Frühindikatoren zeigen alle nach oben", sagt Deutschland-Chefvolkswirt Andreas Rees.

Eine wichtige Rolle spielt dabei vermutlich das Abebben der Schuldenkrise. Zudem habe die Weltkonjunktur nach oben gedreht, so die Commerzbank. "Ich erwarte bereits im ersten Quartal wieder ein merkliches Wirtschaftwachstum", sagt daher Jörg Krämer, Chefökonom des Instituts.

"... wenn die Violinen spielen"

Jede Menge Zuversicht also. Unterstützt werden die Aktienkurse zudem durch die nach wie vor lockere Geldpolitik der Notenbanken, deren Ende derzeit kaum in Sicht ist. Und hinzu kommt noch: Zur Freude von Anlegern haben viele deutsche Unternehmen bislang ohnehin nicht viel von der Flaute mitbekommen. Das zeigen die Quartalsberichte der Firmen, die in diesen Tagen veröffentlicht werden.

Beispiel Rheinmetall : Die Aktien des MDax-Konzerns schnellten am Donnerstag nach der Bekanntgabe der Geschäftsergebnisse für das vierte Quartal 2012 zeitweise um mehr als 6 Prozent in die Höhe. Zwar schwächelte Rheinmetall im Autozuliefergeschäft. In der Rüstungssparte glich das Unternehmen das jedoch wieder aus. Damit wurden die Erwartungen zahlreicher Analysten übertroffen - Markus Turnwald von der DZ Bank etwa empfiehlt die Aktie zum Kauf.

Auch der Verpackungshersteller Gerresheimer , ebenfalls im Index für mittelgroße Unternehmen notiert, verlieh seinen Aktien am Donnerstag mit einem zuversichtlichen Ausblick Aufwind. Aus dem Dax meldeten in den vergangenen Tagen zudem HeidelbergCement  und Munich Re  starke Zahlen. Und Papiere wie BASF , Bayer , Linde , Henkel , oder SAP  notieren inzwischen in der Nähe ihrer bisherigen Höchststände.

Das Gute daran: Selbst auf dem hohen Kursniveau sind die Aktien derzeit nach Angaben von Experten im Schnitt noch vergleichsweise günstig bewertet, gemessen beispielsweise am Kurs-Gewinn-Verhältnis. Auch das wird als Grund für die Möglichkeit weiter steigender Kurse genannt.

"Verkaufen, wenn die Violinen spielen"

"Selbst das nur moderate Wachstum zusammen mit der Geldpolitik stellt eine gute Grundlage für weitere Zugewinne am Aktienmarkt dar", glaubt etwa Bernd Hartmann, Chefanalyst und Researchleiter bei der Liechtensteiner VP Bank. Er sieht schon länger eine relative Attraktivität von Aktien gegenüber Anleihen, weshalb weitere Umschichtungen zu erwarten seien.

Womit die 8000 Punkte tatsächlich in Sichtweite geraten könnten - und mit ihnen die Erinnerung an 2000 und 2007. Droht also erneut der Absturz? Experten wie Michael Winkler, Investment-Officer der St. Galler Kantonalbank, glauben nicht daran. "Die Situation heute stellt sich anders dar", sagt er. "Trotz des jüngsten Kursanstiegs sind Aktien noch immer attraktiv bewertet."

Bernd Hartmann von der VP Bank dagegen sieht trotz der grundsätzlichen positiven Aussichten durchaus Rückschlagspotenzial. "Üblicherweise werden Allzeithochs nicht im ersten Anlauf genommen", sagt er. "Für den Aufwärtstrend wäre eine kurzfristige Konsolidierung gesund."

Auch Hartmann erwartet allerdings keine allzu große Korrektur. Denn viele Investoren warten seiner Ansicht nach nur auf den Rückschlag um ihr Aktienengagement auf- oder ausbauen zu können.

Fazit: Vieles deutet auf stabile oder steigende Aktienkurse hin, und einen Einbruch der Börse sagt kaum ein Investmentprofi vorher - ganz ähnlich wie wie vor den vergangenen Höchstständen in den Jahren 2000 und 2007. Die Erfahrung lehrt allerdings: Besonders heftige Rückschläge erfolgen oft, wenn keiner damit rechnet.

Das wusste auch der bekannte frühere Frankfurter Banker Carl Mayer Rothschild. Dessen Börsenweisheit "Kaufen, wenn die Kanonen donnern" kennt beinahe jeder Anleger. Die wenigsten dürften aber schon den zweiten Teil von Rothschilds Ratschlag gehört haben. Er lautet: "Verkaufen, wenn die Violinen spielen."

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