Computerhandel an der Börse Nächster Einbruch ist programmiert

Immer wieder kommt es zu heftigen Kurseinbrüchen an der Börse. Eine Ursache ist die steigende Automatisierung des Handels. Auch wenn die deutsche Regierung jetzt gegensteuern will, wird sich das kaum ändern. Im Gegenteil.
Von Arne Gottschalck
Server: Die Macht des Binären

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Foto: Corbis

Hamburg - Aktienkurse brechen aus ganz unterschiedlichen Gründen ein. Es kann das Umfeld sein. So wie im Fall von McGraw Hill, denen die Ratingagentur Standard & Poor's (S&P) gehört. Kaum wurde ruchbar, dass die US-Regierung die Ratingagentur wegen Betrugs belangen will, sackte deren Börsenkurs um 10 Prozent ein. So weit, so rational. Doch die Ursache kann auch eine ganz andere sein. Und sie liegt verborgen. So verborgen, dass manche Antworten nur tastend gegeben werden.

"Zu den Übertreibungen tragen die Hedgefonds und die Highspeedtrader bei", sagte zum Beispiel Stephen Thornber während des Fondskongress in Mannheim, einem Stelldichein all jener, die mit Geldanlage zu tun haben. Männer wie Thornber von der Fondsgesellschaft Threadneedle treffen auf Menschen wie Eckhard Sauren, die einzelne Fonds in ihre Dachfonds aufnehmen. Und beide werden wiederum von Ratingagenturen wie Morningstar, auch sie vor Ort vertreten, unter die Lupe genommen. Sie alle treffen sich, trinken Kaffee an Bistrotischen und schieben sich von Stand zu Stand, ein Reigen in grau und dunkelblau. Thornber zumindest lehnt sich in seinem Sessel im Konferenzbereich zurück und versucht, seine Sicht der Dinge zu skizzieren.

Wachsende Kritik am System

Mit Blick auf die kurzfristigen Anlagestrategien sagt Thornber: "Ich frage mich doch, wie zum Beispiel BASF in drei Jahren dasteht. Gut denke ich. Bei Hedgefonds ist dieser Fokus nur zwei Wochen, die Suche nach dem jüngsten Gerücht." Das ist Wasser auf die Mühlen von Kritikern der Finanzindustrie. Schon lange wollen sie den Hedgefonds ans Leder. Denen, den Highspeedtradern, den Investmentbanken. Für die Politik gibt es nur geringe Unterschiede. Kein Wunder.

Denn die Abgrenzungen sind oftmals fließend. Und manche Investoren wie zum Beispiel Hedgefonds halten sich zurück, wenn es darum geht, die eigene Arbeit zu erklären. Sie fürchten ihre eigenen Positionen zu enthüllen und andere Investoren damit zum Abkupfern anzuregen - oder dazu, gegen sie zu wetten. Dieses Mauern macht es schwer, sich der Wahrheit und der Angemessenheit der schwelenden Kritik zu nähern.

So schwer, dass es inzwischen Lehrstühle gibt, die sich mit solchen Fragen befassen. Thomas Heidorn steht so einem Lehrstuhl vor; er lehrt und arbeitet an der Frankfurt School of Finance & Management. Dort sitzt er in einem kleinen Büro, so voller Bücher und Arbeitspapieren, dass das Zimmer selbst fast nicht mehr zu sehen ist.

Kollege Computer übernimmt

Für ihn beginnt die Geschichte mit dem Computer. "Den kann man auf zwei Weisen einsetzen. Zum einen, um Datenmengen zu untersuchen und zu analysieren. Die Anlageentscheidung fällt indes der Mensch. Die andere Möglichkeit ist es, dass der Computer auch die Anlageentscheidung trifft. Dazu muss er entsprechend programmiert werden. Und es gibt genügend Leute, die meinen, einen Algorythmus gefunden zu haben, der das besser als der menschliche Anleger macht."

Der Computer kann zum Beispiel versuchen, Trends an der Börse zu nutzen - als Trendfolger agieren - oder auch wie ein hochgerüsteter Arbitrageur. Die nutzen seit Jahrzehnten die kleinen Bewertungsunterschiede von Papieren und versuchen, damit Gewinne zu erzielen. Beispielsweise in New York kaufen, in Paris verkaufen. Mithilfe des Computers kann deren Feuerkraft so sehr erhöht werden, dass der Handel in Millisekunden taktet.

Die Börsen sind sogar so weit gegangen, jenen Firmen Serverplätze zu vermieten - "in einem ganz bestimmten Abstand zum Zentralrechner. Damit haben sie rechnerisch gesehen noch einen kleinen Zeitvorsprung gegenüber jenen Marktteilnehmern, die diese Summe nicht aufbringen wollen." Heidorn holt tief Luft. "Der Vorteil des Computers ist, dass er viel schneller ist als der Mensch. Und das ist auch der Nachteil. Innehalten kann ein Rechner nicht. Der Mensch hat die Eiszeit überlebt - weil er nachgedacht und sich gefragt hat, ob es in einer Höhle mit Feuer nicht etwas wärmer ist." Könne man alles belegen, und weist auf seine Computermonitore.

Eine gute Bahnstunde weiter, in Mannheim, denkt man gleichfalls darüber nach. Nicht unbedingt über die Eiszeit, wohl aber über den Zustand der Märkte und wie ihnen zu begegnen ist. Bereits kurz vor neun Uhr sitzen rund tausend Finanzexperten in einem Raum und schauen auf eine Bühne, wie sie auch in einer beliebigen Schulaula zu finden ist.

Von wegen robust

Oben steht Nassim Taleb hinter einem hölzernen Rednerpult. Er sieht mit seiner Brille, dem graumelierten Vollbart und der Glatze aus wie ein freundlicher Spielwarenverkäufer und spricht mit amerikanischer Nonchalance. Einlullen lassen sollte sich davon niemand, Taleb ist scharfer Kritiker einiger Entwicklungen der Finanzindustrie. Es geht ihm um das große Ganze. Es geht ihm um "error for improvement", wie er es nennt. Um Fehler, aus den man lernen kann. Wenn eine Brücke zusammenbricht, schaut man nach und analysiert, das dazu geführt hat, erklärt er. Und man lerne daraus für die Zukunft.

Wenn dagegen eine Bank pleite ginge, sagt er, steige die Wahrscheinlichkeit, dass auch eine andere Pleite geht. Kleine Waldbrände seien gut - wenn man sie denn brennen ließe. Das System würde so würde robuster werden. Er nennt es antifragiler. Und genau das ist notwendig, wenn man Talebs Argumentation folgt. Die Zukunft lasse sich nicht vorhersagen, also müssten die Systeme stabilisiert werden.

Die Unprognostizierbarkeit ist eigentlich so etwas wie sein gedanklicher Kernsatz - seinetwegen die Skepsis gegenüber Ökonomen, die genau das versuchen, seinetwegen Talibs Abneigung gegenüber Journalisten, die das "next bing thing" suchen, die nächste gute Anlageidee. Die Einsicht in die Rolle des Zufalls, der Unvorhersehbarkeit, sie kommt ihm bei beiden Berufsgruppen zu kurz. Und damit auch die Probleme von komplexen Anlagesystemen.

Verführer auf dem Vormarsch

Die sind tatsächlich so etwas wie die Verführer der Finanzindustrie. Sie treten elegant auf und erzählen den Investoren genau das, was sie hören wollen. Sie sprechen von Zielerträgen, von eng begrenzten Risikoparametern, die von System genau beachtet werden. Und doch können sie ein Einfallstor für Krisen bilden, für Schocks, für Unerwartetes. Denn jedes System ist nur so gut wie dessen Programmierung. Auf mögliche Kapriolen an der Börse muss es entsprechend vorbereitet werden, sonst patzt es. Außerdem - warum kann eine Börse nach einem Tippfehler, dem "fat finger" eines Händlers, teilweise 20 Prozent an Wert verlieren? Sollten in solchen Fällen nicht die Sicherungen eines Anlagesystems herausspringen? Noch einmal zurück nach Frankfurt, zu Heidorn.

"Die Computer haben dafür gesorgt, dass die Transparenz zugenommen hat. Man kann zum Beispiel genau nachvollziehen, ob Order auch in der Reihenfolge ihrer Aufgabe abgewickelt werden." Das Aber hängt überdeutlich in der Luft. "Es führt aber auch zu gleichartigem Verhalten, und das ist nicht gut fürs Gesamtsystem. Denn es gibt gleichartige Daten, gleichartige Programme, die sich auf gleichartige Risikozahlen wie das VaR beziehen - das ist in bestimmten Situationen ein Problem." Ein Rinnsal der Skepsis wird so zu reißenden Strom der Panik - ganz automatisch. Zumal Experten schätzen, dass in Europa 40 Prozent des Börsenhandels von Computern dominiert werden. In Amerika sollen es noch mehr sein.

In die Nähe der Highspeedtrader mag deswegen niemand mehr gerückt werden. "Der Großteil dieser Kritik ist auf die jüngsten Vorkommnisse im Hochfrequenzhandel zurückzuführen", sagt zum Beispiel Stefan Zopp, Regional Manager Germany & Austria von Man Investments. "Der wird oft fälschlicherweise mit Trendfolgesystemen in einen Topf geworfen. Was wir tun ist kein Hochfrequenzhandel - unserer Handelszeitrahmen liegt bei zwei bis drei Monaten und nicht Millisekunden. Daher betrifft uns diese Diskussion gar nicht."

Immerhin, die Regierung will nun handeln. In der vergangenen Woche haben Union und FDP sich darauf geeinigt, Highspeed-Händler künftig der Aufsicht der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) zu unterstellen - und dort ihre Algorithmen offenzulegen zu müssen. Ein Schritt in die richtige Richtung, gewiß. Doch ohne internationale Einbindung, ohne Regelung des mächtigen amerikanischen Marktes bleibt es nur ein Symbol. Eine echte Lösung ist damit noch nicht in Sicht. Einmal mehr drängt sich die Parallele zur Autobranche auf. Autos haben einen Nutzen, ihre Herstellung schafft Arbeitsplätze. Doch sie belasten auch die Umwelt, sie führen zu Verkehrstoten. Verantwortungsvoller Umgang ist daher für beide gefragt - Autofahrer wie Anleger. Und die Hersteller sowieso.

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