Aktienabstinenz 2012 Stell Dir vor, Aktien steigen, und keiner ist dabei

Knapp 30 Prozent konnten Dax-Anleger im Jahr 2012 verdienen - doch kaum einer tat es. Schuld an der Aktienabstinenz ist auch die Politik: Sie setzt alles daran, die Aktienkultur in Deutschland klein zu halten.
Händler an der Börse: Deutsche Sparer sind skeptisch gegenüber Aktien - und die Politik trägt dazu bei, diese Skepsis noch zu verstärken

Händler an der Börse: Deutsche Sparer sind skeptisch gegenüber Aktien - und die Politik trägt dazu bei, diese Skepsis noch zu verstärken

Foto: dapd

Hamburg - Was für ein Jahr für Dax-Aktionäre - am Ende konnten sie ein Plus von knapp 30 Prozent verbuchen. Das ist deutlich mehr, als sie mit Gold  oder einem Investment im US-Leitindex Dow Jones  verdienen konnten - dort waren es jeweils nur rund 5 Prozent. Beim Dax-Spitzenreiter - Aktien des Autozulieferers Continental  - lag der Kursgewinn sogar bei mehr als 80 Prozent.

Was für ein Jahr also für Anleger - zumindest für Hedgefonds oder für Investmentbanken. Nicht jedoch für Deutschlands Privatanleger; sie haben in der Mehrzahl die Dax-Rally verpasst. Gab es im Jahr 2000 noch mehr als 6 Millionen Aktionäre in Deutschland, waren es 2011 nur noch knapp 4 Millionen, notiert das Deutsche Aktieninstitut (DAI). Und aus Aktienfonds zogen die Deutschen im Jahr 2012 bis zum Oktober rund 7 Milliarden Euro ab, rechnet der Bundesverband Investment und Assetmanagement (BVI) vor.

"Die klassische Anlegerkarriere läuft vielmehr so: anfangs ein Sparbuch, dann der Bausparvertrag oder die Lebensversicherung, dann das Haus - und erst kurz vor der Rente Aktien", sagt Hans-Peter Schupp, Vorstand der Fondsboutique Fidecum. Doch wie sollen die Deutschen auch Zutrauen zur Aktie fassen? Die Kursschwankungen inklusive zweier veritabler Crashs waren seit dem Jahr 2000 enorm - und die Politik tut zusätzlich alles dafür, den deutschen Sparern diese Wertpapiere zu verleiden. Und das ist mittelfristig ein Fehler.

In Deutschland werden unabhängig von der Haltefrist 25 Prozent Abgeltungssteuer auf Kursgewinne fällig - und im Gegensatz zu den meisten europäischen Nachbarn fallen die Sparer-Pauschbeträge in Deutschland mit 801 Euro pro Jahr geradezu lächerlich aus. In Großbritannien, Frankreich und Spanien sind sie deutlich höher. Zudem werden Dividenden in Deutschland doppelt besteuert - zunächst beim Unternehmen, und im zweiten Schritt beim Aktionär.

Wer festverzinslich anlegt, verliert an Kaufkraft

Zwei Faktoren machen es jedoch unumgänglich, über Aktien nachzudenken. Der eine ist die demografische Veränderung - immer weniger Arbeitskräfte müssen immer mehr Ruheständler finanzieren. Um die entsprechenden Kosten nicht aus dem Ruder laufen zu lassen, muss die Politik reagieren: Entweder sie senkt die Rentenauszahlungen oder sie erhöht die Rentenbeiträge. Indem sie das Eintrittsalter auf 67 Jahre erhöht hat, hat sie sich de facto für den zweiten Weg entschieden.

Der andere Faktor ist die europaweit steigende Staatsverschuldung. Bei einigen Ländern der Europäischen Union liegt diese bereits bei 90 Prozent und mehr der jährlichen Wirtschaftsleistung, so dass ihre Gestaltungsspielräume stark einschränkt sind. Griechenland oder Portugal sind Beispiele dafür. Andere sind auf dem Weg dorthin - weil sie entsprechende Garantien übernommen haben. So wie Deutschland.

Und das bedeutet, dass die Leitzinsen der Europäischen Zentralbank auf absehbare Zeit niedrig bleiben und Anleihen entsprechend niedrig verzinst werden. "Zehnjährige Bundesanleihen bringen weniger als 1,5 Prozent jährlich", sagt ein Sprecher des BVI. "Zugleich beträgt die Geldentwertung mehr als 2 Prozent pro Jahr. Wer festverzinslich anlegt, verliert damit Jahr für Jahr an Kaufkraft."

Finanzielle Repression statt Rendite

Es gehört zum Szenario der finanziellen Repression, wenn die Renditen der Staatsanleihen niedriger sind als die Inflation und die Leitzinsen von den Notenbanken extrem niedrig gehalten werden. Das ist gut für hoch verschuldete Staaten, denn ihre Schulden sinken mit der Inflation und werden quasi weginflationiert. Gleichzeitig ist es schlecht für Sparer, denn ihre Guthaben schmelzen mit steigender Inflation dahin. Die Schlussfolgerung des Fondsverbands: "Laufende Kaufkraftverluste und steigende Ausfallrisiken machen Anleihen für die Altersvorsorge ungeeignet."

Die Alternative wären Aktien. Doch nicht mit der deutschen Regierung. Fondsmanager Schupp vermutet dahinter nüchternes Kalkül: Der Staat habe einfach nichts davon, den Leuten bei der aktiengebundenen Altersvorsorge zu helfen, sagt er. "Der Gesetzgeber gestaltet die Rahmenbedingungen in seinem Interesse und generiert sich Absatzmärkte für seine Staatsverschuldung. Die Folgen, die aus dieser administrierten Fehlallokation entstehen, hat der Bürger zu tragen." Sprich: Was dem Staat beim Schultern der staatlichen Schuldenlast hilft, bereitet dem Bürger bei der Altersvorsorge große Probleme.

"Eine Katastrophe", nennt es der Fondsmanager und Vermögensverwalter Hendrik Leber von Acatis. "Eine Katastrophe, die in Altersarmut münden wird." Denn verzichten Anleger langfristig auf Aktien, fehle ihrem Vermögensaufbau ein wichtiges Element.

Einbinden ließen sich Aktien ohne Weiteres. "Zum Beispiel, indem die 401k-Pläne aus Amerika kopiert werden", sagt Leber. "Darin können alle möglichen Arten der Altersvorsorge steuerfrei gebündelt werden - der Staat bekommt seine Steuern erst ab dem Renteneintritt."

Warum das Altersvorsorgekonto nicht kommt

Entsprechende Ideen wurden auch in Deutschland vor gut zehn Jahren mit dem Altersvorsorgekonto diskutiert, doch nie realisiert. Stattdessen ein wenig Riester-Förderung hier, ein wenig Rürup-Hilfe da - doch auch diese staatlichen Zuschussmodelle schützen Sparer nicht vor Verlusten.

Doch es ist nicht nur der Mangel an Förderung, der das Aktionärsleben in Deutschland so schwer macht. Auch der gesetzliche Rahmen trägt dazu bei, zum Beispiel für die Versicherungen. "Warum gibt es Vorgaben, die dafür sorgen, dass sie jedes Jahr eine gewisse Verzinsung aufweisen müssen, wo doch das Sparziel weit in der Zukunft liegt?", fragt Schupp. "Eigentliche ideale Voraussetzungen für Aktien und Alternative Anlagen. Doch die Regularien vereiteln das."

Auch der Wille des Gesetzgebers, Bürger vor Falschberatung zu schützen, kann möglicherweise mehr schaden als helfen. "Wenn der Vertrieb so umstrukturiert wird wie es sich der Gesetzgeber vorstellt, dann werden nur noch sehr vermögende Kunden eine wirkliche Finanzberatung erhalten", sagt Leber. "Bei allen anderen würden bürokratischer Aufwand und juristische Risiken überwiegen." Auch die Vermögensteuer oder vielmehr die Diskussion darüber helfe nicht, so Leber. Denn die Attraktivität der Aktie sinkt, wenn deren Erträge stärker besteuert werden.

Treten dann noch prominente Politiker wie Ex-Kanzler Helmut Schmidt auf und bezeichnen Aktien als Zockerpapiere, ist es kein Wunder, wenn Deutschlands Anleger abseits stehen, während Deutschlands Aktien haussieren. Schöne Bescherung eben.

Überblick international: Dax schlägt sie alle

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