Drohendes ESM-Veto Die roten Roben und der schwarze Schwan

EZB-Präsident Mario Draghi hat ein Kursfeuerwerk im Dax ausgelöst - doch viele Deutsche misstrauen dem Kurs der Notenbank. Das Verfassungsgericht könnte nun als Partykiller an der Börse auftreten: Für die Aktienmärkte wäre ein ESM-Veto ein verheerendes Ereignis, ein "schwarzer Schwan".
Von Arne Gottschalck
Händler an der Börse: EZB-Chef Mario Draghi sorgte für Feierlaune - doch die Verfassungsrichter um Andreas Voßkuhle könnten zum Partyschreck werden

Händler an der Börse: EZB-Chef Mario Draghi sorgte für Feierlaune - doch die Verfassungsrichter um Andreas Voßkuhle könnten zum Partyschreck werden

Foto: dapd

Hamburg - Der EZB-Chef hat geliefert. Bereits im Juni hatte Mario Draghi angekündigt, alles zu tun, um den Euro zu erhalten - und diesen großen Worten ließ der Italiener jetzt Taten folgen. Die EZB werde bei Bedarf Anleihen der Krisenstaaten unbegrenzt kaufen, kündigte Draghi in dieser Woche an - und gab damit den Startschuss für eine Kursrally, die den Dax  über die Marke von 7200 Zählern und damit auf den höchsten Stand seit August 2011 führte.

Börsianer lieben Verlässlichkeit. Sie lieben es, wenn jemand nicht nur redet, sondern "liefert" - und sie lieben es auch, wenn der Präsident einer Notenbank die Geldschleusen weit öffnet.

Für die EZB ist der Kauf von Staatsanleihen ein Tabubruch - weil sie damit indirekt Schuldenstaaten finanziert. Gleichzeitig nähert sich die europäische Notenbank damit dem pragmatischen Kurs der US-Notenbank Federal Reserve an, die im Gegensatz zu den europäischen Währungshütern nicht nur auf Preisstabilität, sondern auch auf den Arbeitsmarkt achten soll und in Krisenzeiten traditionell die Notenpresse anwirft. Fed-Chef Ben Bernanke hatte bereits auf der Notenbankerkonferenz in Jackson Hole in Wyoming angedeutet, er sei für einen neuen Ankauf von Staatsanleihen zu haben. Börsianer sind überzeugt, dass auch Bernanke "liefern" wird, sollte die US-Konjunktur stocken.

Es scheint also alles angerichtet für die Börsenparty. Bleibt nur noch eine Frage, die in der kommenden Woche geklärt werden muss. Und die ist offener, als die meisten Investoren glauben.

Karlsruhe als möglicher Partykiller

Denn in der kommenden Woche entscheiden in Karlsruhe nicht Politiker oder Euro-Banker über den Europäischen Stabilitätsmechanismus ESM, sondern Mitglieder des Bundesverfassungsgerichts. Politische "Alternativlosigkeit" oder der Wunsch der Märkte nach Klarheit werden dabei nicht berücksichtigt.

Anders gesagt: Für das höchste deutsche Gericht spielt es keine Rolle, was die Finanzmärkte von ihnen erwarten. Sie wecken vorab keine Erwartungen, sie müssen nicht "liefern". Sie stützen sich einzig auf das deutsche Grundgesetz. Sie können also zum Partykiller an der Börse werden.

Die Richter werden sich ihrer Verantwortung und der Tragweite ihrer Entscheidung bewusst sein. Sie werden sich aber auch ihres Amtseids bewusst sein. "Ich schwöre, das Richteramt getreu dem Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland und getreu dem Gesetz auszuüben, nach bestem Wissen und Gewissen ohne Ansehen der Person zu urteilen und nur der Wahrheit und Gerechtigkeit zu dienen, so wahr mir Gott helfe."

Wie das Urteil ausfallen wird, lasse sich definitiv nicht vorhersagen, sagt Tobias Spies, Geschäftsführer der Kohlhase Vermögensverwaltungsgesellschaft. An der Börse regiert mit Blick auf Karlsruhe daher das Prinzip Hoffnung: "Grundsätzlich spricht vieles dafür, dass das Verfassungsgericht eine positive Entscheidung 'pro-ESM' fällen wird", sagt Spies. "Aber bei Rechtsprechungen rund um politische Entscheidungen sollte man besonders vorsichtig sein. Die Vergangenheit hat immer wieder gezeigt, dass es dort zu Überraschungen kommen kann. Vielleicht wird das Konstrukt tatsächlich zu Fall gebracht."

Kippt Karlsruhe den ESM, träte das ein, womit an der Börse kaum noch jemand rechnet. Ein unwahrscheinliches, aber dennoch ein mögliches Ereignis inmitten der Börsenparty. Und dann?

Unwahrscheinliche Ereignisse - mit meist verheerenden Folgen an den Märkten

Dann ginge der Euro-Rettungsprozess von vorne los, weil mit dem ESM ein zentrales Instrument der Euro-Retter hinfällig wäre. Womöglich würde die Euro-Zone auch binnen kurzer Zeit zerbrechen. Für Aktien wäre das ein denkbar ungünstiges Umfeld. "Es wäre ein 'black swan', wenn das Bundesverfassungsgericht den ESM kippt", sagt Alexander Berger, Chef der Thallos Vermögensverwaltung.

Als "schwarze Schwäne" werden an den Finanzmärkten Ereignisse bezeichnet, die von kaum jemandem erwartet werden, die kaum jemand auf dem Risikoschirm hat - und die deshalb meist verheerende Folgen haben. Auch Berger befürchtet drastische Folgen für den Dax und die anderen europäischen Indizes, falls Karlsruhe den ESM kippt: "Dann brechen die Märkte massiv ein", sagt Berger.

Anders jedoch das Bild, wenn Karlsruhe den ESM abnickt. Das schüfe Sicherheit auf dem Pfad der europäischen Genesung und würde damit Aktien weiter Auftrieb geben, so die gängige Meinung. Kurzfristig ist das sicher richtig. Immerhin haben viele Investoren Anlagedruck. Und auch charttechnisch sieht es für den Dax recht gut aus, seit der deutsche Leitindex am Freitag ein neues Jahreshoch markiert hat. Der Dax könne einen weiteren Ausbruch vollziehen, "wenn die Marke von 7200 Punkten nachhaltig überschritten werden", sagt Andreas Rapp von der Privatbank Ellwanger & Geiger.

Die Geldschleusen sind offen - doch die Unsicherheit bleibt

Doch mittelfristig werden wieder die bohrenden Fragen einsetzen. Zum Beispiel, wie es in Spanien weitergeht. Spaniens Finanzminister Luis de Guindos kündigte jüngst an, sein Land könnte schon bald Hilfe aus dem Euro-Rettungsfonds beantragen, wenn alle Bedingungen geklärt seien.

Im Oktober wird außerdem die Troika aus EU-Kommission, EZB und IWF darüber entscheiden, ob Griechenland eine weitere, dringend benötigte Kredittranche bekommt. Dass die Griechen in ihren Reformerfolgen weit hinter den Vorgaben hinterherhinken, ist kein Geheimnis.

Auch die Frage, wie Unternehmen in der aktuellen globalen Flaute florieren sollen, wird kommen. Seit vielen Jahren fallen die Wachstumszahlen der entwickelten Volkswirtschaften, schreibt der weltgrößte Vermögensverwalter Blackrock in einer Untersuchung. In so einem Umfeld zu investieren ist eine Herausforderung.

Einige Fondsmanager wagen sich angesichts des neuen Kurses der EZB schon wieder an Finanzwerte, die auf Grund der hohen Risiken innerhalb der Euro-Zone lange kaum jemand im Portfolio haben wollte. Aktien der Deutschen Bank und der Commerzbank legten am Donnerstag und Freitag, unmittelbar nach Vorstellung der Pläne der EZB, deutlich zu. Auf Finanzwerte setzt auch Stuart Rhodes, Manager des M&G Global Dividends. "Wir haben eine Reihe von Anlagemöglichkeiten gefunden, abseits der üblichen Banken und Versicherungen, die führend in ihrer Industrie sind. Und sie zahlen beeindruckende Dividenden trotz der Volatilitäten und sind attraktiv bewertet."

Vermögensverwalter Berger rät dennoch zur Vorsicht. "Für jemanden, der langfristig ausgerichtet ist, ist es besser, einfach mal drei Monate ruhig zu sein. Berger sieht "20 bis 25 Prozent Kurskorrektur" in diesem Herbst und empfiehlt Geldmarktpositionen in Deutschland, USA und England. Und Aktien? Eben erst mal nur gucken, nach den Gelegenheiten. Aber noch nicht anfassen.

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