Steigende Aktienrisiken Dax 7000 - und jetzt?

Der Dax hat die Marke von 7000 Punkten geknackt und ein Viermonatshoch erreicht - was kann da noch kommen? Gute Bilanzen der Unternehmen sowie Hoffnungen auf Notenbankhilfen sind bereits in den Kursen enthalten - und einige schlechte Nachrichten stehen möglicherweise bevor.
Skeptischer Blick: Wie lange hält die Kursrally noch?

Skeptischer Blick: Wie lange hält die Kursrally noch?

Foto: REUTERS

Hamburg - Geht dem deutschen Leitindex Dax  bald die Puste aus? Es scheint so. Mit Schwung hat der Leitindex seit Anfang Juni 1000 Punkte oder 17 Prozent gut gemacht. In dieser Woche überwand der Index sogar die Marke von 7000 Punkten und stand wieder da, wo er nach einem furiosen Jahresauftakt im März schon einmal stand. Doch vieles spricht dafür, dass nun die Dynamik für eine Fortsetzung der Klettertour fehlt.

Denn drei große Themen beeinflussen zurzeit die Kurse: Die Euro-Schuldenkrise, die Konjunkturaussichten und - daraus abgeleitet - der Geschäftsausblick der Unternehmen. Es scheint so, als seien bei allen drei Themen die zurzeit besten Nachrichten bereits in den Dax-Anstieg der vergangenen Wochen eingeflossen. Was also soll noch kommen?

Beispiel Euro-Krise: Im Juni gab es den glimpflichen Ausgang der Griechenland-Wahl sowie den Brüsseler Gipfel der Euro-Spitzen. Letzterer wurde allgemein als Erfolg verbucht, vor allem weil sich Italien und Spanien gegen Sparkanzlerin Angela Merkel (CDU) behaupten konnten. Die Position der Schuldenländer verbesserte sich dadurch augenscheinlich ein gutes Stück - das goutierte auch die Börse.

Die Börse erwartet den Erhalt des Euro

Vor allem aber gab es Ende Juli eine vielbeachtete Äußerung von Mario Draghi, Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB). Die EZB werde "alles" für den Erhalt des Euro  tun, sagte Draghi - und befeuerte damit den Aktienmarkt. Wenig später wurde die Formel praktisch wortgleich von Frankreichs Staatschef François Hollande und Kanzlerin Merkel wiederholt.

Die EZB enttäuschte zwar zunächst die Erwartungen der Anleger. Der Glaube, der Euro könne nun praktisch nicht mehr zerbrechen, ist aber wohl weiterhin weit verbreitet - und stützt die Kurse.

Das Investmenthaus ING fragt in einer Markteinschätzung schon, ob Draghi dafür nicht eine Medaille verdient. Fakt ist jedoch: Die Börse erwartet nun den Erhalt des Euro und die Lösung aller Probleme. Das ist wohl eingepreist, wie es so schön heißt. Kommt es anders, oder deutet auch nur etwas darauf hin, dass es anders kommen könnte, drohen Kursrückschläge.

Griechenland wird ein drittes Hilfspaket brauchen

Auch Bernd Hartmann, Leiter des Investment Researchs bei der VP Bank in Liechtenstein, sieht die Sache skeptisch. "In den vergangenen Jahren haben geldpolitische Stimulierungsmassnahmen immer wieder die Börsen beflügelt", sagt er. "Allerdings war der Effekt an den Märkten meist nur kurzfristig." Auch der realwirtschaftliche Erfolg solcher Massnahmen wird zunehmend kritisch diskutiert, sagt der Fachmann.

Wenig Anlass zur Zuversicht gibt zudem beispielsweise die aktuelle Entwicklung in Griechenland. Die Wirtschaft schrumpft deutlich stärker als geplant. Ministerpräsident Antonis Samaras wird wohl die internationalen Helfer um Aufschub beim Sparplan bitten müssen. Und schon jetzt scheint klar, dass Griechenland nach Hilfspaket Nummer eins und zwei auch Nummer drei benötigt

Ob beispielsweise die deutschen Steuerzahler bereit wären, dafür weitere Milliardenüberweisungen zu tolerieren, ist fraglich. Nicht vergessen: 2013 ist Bundestagswahl.

Konzerne halten trotz Konjunktursorgen an Prognosen fest

Damit sind andere Risiken für das Projekt Euro-Rettung noch gar nicht angesprochen. Zum Beispiel die Mitte September anstehende Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts zum Euro-Rettungsschirm. Oder die Lage in Italien und Spanien, wo die Finanzprobleme ebenfalls längst noch nicht gelöst sind.

Italien etwa meldete gerade erst den vierten Quartalsrückgang des Bruttoinlandsprodukts (BIP) in Folge. Mit 0,7 Prozent fiel das Minus größer aus als erwartet. "Bei der Bekämpfung der Schuldenkrise lässt ein entscheidender Durchbruch weiterhin auf sich warten", resümiert Hartmann von der VP Bank.

Potenzial für künftige Kursbelastungen gibt es beim Thema Euro-Krise also wohl genug. Direkt vom Verlauf der Euro-Schuldenkrise hängt zudem auch die Entwicklung der Konjunktur und damit der Unternehmensgewinne ab, die beiden weiteren kursbestimmenden Faktoren also. Und auch dort gilt: Viel Gutes steckt schon in den Aktienpreisen drin.

Gute Konzerndaten sind ein Blick in den Rückspiegel

Zum Beispiel die Ergebnisse, die die Dax-Konzerne im zweiten Quartal erzielt haben. Sie fielen entgegen vieler Erwartungen noch einmal überaus erfreulich aus - trotz Schuldenkrise und trotz wegbrechender Absatzmärkte vor allem in Südeuropa.

Beim Gewinn erzielten die Dax-Konzerne ein dickes Plus, bei Umsatz gelang sogar das beste Resultat überhaupt in einem zweiten Quartal, wie Ernst & Young berechnet hat. Viele Analysten wurden durch die Zahlen positiv überrascht. "Die Dax-Unternehmen zeigen sich zum großen Teil in guter bis hervorragender Form", resümiert daher Thomas Harms, Partner bei der Beratungsgesellschaft. "Die schwache Konjunkturentwicklung in Südeuropa konnte ihnen bislang nur wenig anhaben."

Bislang. Für die künftige Entwicklung der Aktienkurse ist allerdings der Blick in die Zukunft entscheidend. Und der verheißt weniger Gutes. "Einige Unternehmen dürften beim Neugeschäft vor einer Durststrecke stehen", sagt Harms. "Aus Europa kommen bis auf weiteres keine Wachstumsimpulse mehr."

Angstmonat September kommt

Darauf deuten auch die Konjunkturdaten hin, die zurzeit veröffentlicht werden. Vor allem in den südeuropäischen Ländern schrumpft die Wirtschaftsleistung. Und selbst die Wachstumslokomotive Deutschland hat deutlich an Fahrt verloren. Im zweiten Quartal stand nur noch ein mageres Wachstum von 0,3 Prozent zu Buche. Industrieaufträge, Umsätze, Stimmungs- und Erwartungsindizes - wohin der Blick auch geht, verschlechtern sich die Zahlen. Selbst in eigentlich robusten Schwellenländern beginnt die Konjunktur bereits zu schwächeln, wie beispielsweise jüngste Daten aus China belegen.

Für die Börse lässt sich daraus wiederum Rückschlagpotenzial ableiten. Denn bei Vorlage der aktuellen Bilanzzahlen hielten die weitaus meisten Unternehmen beharrlich an ihren Jahresprognosen fest. Dass sie diese in den kommenden Wochen weiter herauf setzen werden, ist im schwachen Umfeld kaum zu erwarten. Dass es von verschiedenen Dax-Firmen in nächster Zeit Einschränkungen geben wird, erscheint dagegen schon eher wahrschienlich.

Kritisch blicken daher auch die Experten der Helaba auf den derzeitigen Aktienmarkt. Mittelfristig sprächen zwar Bewertungsvorteile für eine Fortsetzung des Aufwärtstrends, so Analyst Markus Reinwand. Kurzfristig sei der Markt jedoch korrekturanfällig.

Zur Begründung führt auch Reinwand die Staatsschuldenkrise und die Wachstumsunsicherheiten an. Und er bringt noch ein weiteres Argument: Der September gilt als der Angstmonat schlechthin an der Börse. Sechs der zehn größten Monatsverluste seit Einführung des Dax im Jahr 1988 fallen in den Zeitraum August und September, so Reinwand. Auch daraus lässt sich wohl kaum Optimismus schöpfen.