Trotz Leitzinssenkung Kursgewinne in Verpuffungsgefahr

Wie von den meisten Experten gefordert, hat die Europäische Zentralbank am Donnerstag die Leitzinsen gesenkt. Kurzfristig verschaffte die Maßnahme den Aktien Luft - doch gibt es auch einen längerfristigen Effekt?
Von Arne Gottschalck
Skepsis: Wie geht es nun weiter an der Börse - hilft die Leitzinssenkung?

Skepsis: Wie geht es nun weiter an der Börse - hilft die Leitzinssenkung?

Foto: REUTERS

Hamburg - Wayne Rooney, bulliger britischer Stürmer, und die Börse sind bislang nicht gerade für den perfekten Doppelpass bekannt. Doch das könnte sich ändern. Denn Rooneys Arbeitgeber, der Fußballerverein Manchester United , strebt an die Börse. Einzige Voraussetzung - das Umfeld für den Börsengang muss passen. Und genau dazu hat die Europäische Zentralbank (EZB) einen Schritt getan und die Leitzinsen gesenkt. Langfristig sollte Rooney aber dennoch nicht übermütig werden. Und das gilt auch für Anleger.

Zwar hat die EZB mit der Leitzinssenkung auf 0,75 Prozent ein deutliches Signal gegeben. Und ist dem Wunsch zahlreicher Experten nachgekommen. Kurzfristig verbessert sich damit tatsächlich die Stimmung, die Kurse kletterten zwischenzeitlich. "Leitzinssenkungen üben einen Konjunkturimpuls aus und führen außerdem zu einer Stimmungsverbesserung an den Finanzmärkten", erklärt Michael Schmidt, der bei der Fondsgesellschaft Union Investment als Leiter des Aktienportfoliomanagements arbeitet. "Davon profitieren zunächst einmal die Aktienmärkte insgesamt." Doch längst nicht so sehr, wie sie könnten.

Denn auf der einen Seite hätte der Impuls durchaus kräftiger sein können. Doch dazu war im Vorfeld schon zu viel von der Zinssenkung die Rede. "Oftmals ist es bei Zinssenkungen, wie übrigens auch bei anderen Ereignissen, dass die Börse versucht, die zu antizipieren", sagt Roger Peters von Close Brothers Seydler Research. "Somit ist der von einer Zinssenkung erreichte Signaleffekt oftmals bereits im Vorfeld zu erleben. Zu deutlichen Bewegungen im Anschluss an eine Senkung kommt es vor allen Dingen dann, wenn die Ankündigung überraschend eintritt oder ein größeres Ausmaß hat, als von Experten prognostiziert." Genau dieses Überraschungsmoment fehlte der Zinssenkung.

Auf der anderen Seite schleppen die Märkte zuviel Ballast mit sich herum, als dass das Signal ein Kursfeuerwerk hätte auslösen können. "Wir sind der Meinung, dass die Entwicklung der europäischen Schuldenkrise der größte Einflussfaktor auf die Finanzmärkte bleibt", heißt es lapidar in einer Studie von Robeco. "Diese Krise wird uns noch viele Male beschäftigen."

Die Politik ist also einmal mehr am Zug. Wie dieser Zug aussehen könnte, kann sich Johannes Müller genau vorstellen. "Eine Bankenunion würde helfen", erklärt der Chefvolkswirt der DWS. "Sie würde die fatale Verbindung von Staat und jeweiligen Banken durchbrechen. Denn aktuell laufen die Finanzierungskosten innerhalb der Euro-Zone extrem auseinander - in Kerneuropa wird es billiger, in der Peripherie teurer. So werden auch kaum mehr Kredite dort vergeben - fatal für die Wirtschaft."

Machbar wäre diese Lösung nach Meinung des Bankers durchaus. "Eine Bankenunion wäre durchaus zu bewerkstelligen. Die Frage ist nur, wann die Politik diesen Schritt tut. Die Entwicklungen zumindest kennen die Politiker genau, die beobachten ja auch die Zahlen der EZB." Allerdings bekämpfen andere Ökonomen, die nicht im Bankensektor beschäftigt sind, diese Lösung erbittert. Ein Aufsehenerregender Appell Dutzender Ökonomen hat sich gestern erstin einem offenen Brief an alle Bundesbürger gewandt und eindrioglich vor der Unterzeichnung solch eines Bankenunionvertrags gewarnt.

Auch 'Dicke Bertha' ohne nachhaltige Wirkung

So oder so, in einem sind sich die Ökonomen einig: Die EZB-Zinssenkung allein kann keine nachhaltige Änderung des Anlageklimas bewirken. Dafür "benötigen wir mehr Rückenwind durch die Konjunktur oder echte Fortschritte in der europäischen Schuldenkrise", so Schmidt. "Da beide Aspekte nicht völlig zu trennen sind, brauchen wir am besten beides." So ohne weiteres wird das aber nicht zu haben sein, denn schließlich ringen die Staatenlenker nicht nur um die Zufkunft des Euros, sondern zum Beispiel auch mit der eigenen Wiederwahl.

Verpufft ist die Zinssenkung allerdings dennoch nicht. Denn immerhin gibt es Aktien, denen so ein Schritt auch längerfristig helfen könnte. "Von anhaltend niedrigen Zinsen profitieren naturgemäß diejenigen, welche sich in hohem Umfang über Fremdkapital refinanzieren", sagt Analyst Peters. "Banken oder Immobiliengesellschaften sind hier naturgemäß zu nennen, aber auch andere Unternehmungen, deren Refinanzierung stärker über Fremdkapital läuft." In der Tat hatten die Aktien selbst der krisengepeinigte Commerzbank in der Woche zwischenzeitlich besser ausgesehen als der Dax . Allerdings löst eine Zinssenkung die aktuellen Probleme dieser Branche nicht", mahnt Schmidt. "Ansonsten sind konjunktursensible und kapitalintensive Sektoren im Allgemeinen die größten Nutznießer." Das wäre auch eine Erklärung für die jüngste Hausse der Automobilaktien wie Daimler  oder BMW .

Beruhigend für die Zukunft - mit dem Zinsschnitt hat sich die Zentralbank keinesfalls der Möglichkeit weiterer Maßnahmen begeben. "Geringere Mindestreserve, ein weiterer Tender oder im Extremfall unlimitierte Staatsanleiheankäufe - grundsätzlich hat die EZB noch ein paar Pfeile im Köcher", sagt Schmidt. "Die Frage ist aber, wie wirksam die Instrumente der Geldpolitik noch sind. Mit der 'Dicken Bertha', also den beiden letzten Drei-Jahrestendern, konnten weder die Konjunktur noch die Kapitalmärkte nachhaltig gestützt werden. Deshalb müssen langfristige Lösungen her, und da ist vor allem die Politik gefragt. Die EZB kann nur Entlastung schaffen und den Politikern Zeit erkaufen."

Die Investoren werden sich daher weiter in dieser Gemengelage bewegen müssen, vorsichtig lavieren und notfalls beherzt zupacken. So wie Haroon Shaikh, der beim Investmenthaus GAM für Asset Backed Strategies zuständig ist - er auf den Preisverfall spanischer Hypothekenverbriefungen gesetzt und die Papiere geshorted. Die Notwendigkeit gilt auch für Unternehmen und Börsenaspiranten. Manchester United zumindest hat diesen Schritt schon gemacht. Und aufgrund des Umfelds die Erlöserwartungen flugs von einer Milliarde Dollar auf 100 Millionen Dollar reduziert.

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