Libor-Kursmanipulation Kein Vertrauen mehr in die Banker

Barclays-Banker haben den Interbankenzinssatz Libor verfälscht. Nun richtet sich der Blick nach Kontinentaleuropa. Auch der Euribor ist nicht immun gegen Manipulationen. Leidtragende wären Finanzinvestoren und Kleinanleger.
Von Arne Gottschalck und Nils-Viktor Sorge
Canary Wharf: Von hier aus soll die Marktmanipulation geschehen sein

Canary Wharf: Von hier aus soll die Marktmanipulation geschehen sein

Foto: REUTERS

Hamburg - "Ist gebongt ... für Dich, mein Großer." Eine Wortwahl, wie sie von Bankern nicht so ohne weiteres zu erwarten ist. Und doch dürfte eine E-Mail dieses Wortlauts belegen, dass die Bank Barclays den Libor - der britische Zinssatz für Interbankengeschäfte - manipuliert hat. Ein Vorfall mit Folgewirkung.

Zum einen sicherlich für den Ruf der Banken. Zum anderen birgt die Manipulation ganz handfeste Konsequenzen. Denn an diesem Zinssatz hängen zwei Arten von Finanzgeschäften. Auf der einen Seite Kreditverträge, auf der anderen Seite Sparprodukte. Ganz ähnlich ist es südlich des Ärmelkanals. Auch dort ermitteln die Behörden wegen möglicher Manipulationen beim Euribor, jener Zinssatz, zu dem sich Europas Banken untereinander Geld leihen.

Der Euribor ist ebenfalls Basis für zahllose Finanzkonstrukte. Auf der einen Seite sind das Kreditverträge, auf der andern Seite Finanzprodukte. Die Kredite wären zumindest in Deutschland von einer eventuellen Manipulation nicht so stark betroffen wie in England, da Verträge hierzulande keinen flexiblen Zinssatz - gekoppelt an den Libor - aufweisen.

Assetmanager prüfen Schaden - und schweigen noch

Wäre der Zinssatz nach oben manipuliert worden, hätten unter Umständen Millionen Engländer, die einen Kredit für eine Wohnung oder ein Haus abbezahlen, tiefer in die Tasche greifen müssen. Denn wenn der Libor steigt, steigt auch ihre Zinssatz.

Doch auf der anderen Seite greifen Libor und Co. tief in unser Leben ein. Denn die Zinssätze bilden für eine wachsende Zahl von Finanzprodukten die Kalkulationsgrundlage. Die Rede ist nicht von komplexen Wetten auf bestimmte Indizes, sondern von klassischen Sparprodukten für jedermann.

Absolute-Return lautete - und lautet - das Zauberwort, unter dem die Finanzindustrie Konstruktionen anbot, die in jeder Marktphase einen Gewinn erwirtschaften sollten. Dazu wurde in den Prospekten eine Wertentwicklung von Libor plus x in Aussicht gestellt - oder eben Euribor plus x.

Des Weiteren gibt es Anleihen, deren Zinssatz an den Libor beziehungsweise den Euribor gekoppelt sind. Assetmanager wie die deutsche Bantleon geben sich daher entspannt, weil "nur 5 Prozent der Assets under Management Floater mit einer Anbindung an den Libor sind", heißt es auf Anfrage. Andere, zum Beispiel aus London, überprüfen derzeit, inwieweit sie betroffen sind - und wollen keinesfalls zitiert werden.

Auf die Banken könnte eine Klagewelle zukommen

Doch es scheint nur eine Frage der Zeit, bis sich geprellte Bankkunden per Klage melden. "Investoren von eigenen Anleihen der Bank könnten einen Schaden erlitten haben, wenn sich der Zinssatz dieser Anleihen nach der Entwicklung des Libor richtet", sagt Rechtsanwalt Peter Gundermann von der Kanzlei Tilp gegenüber manager magazin online.

In den USA landen bereits die ersten Sammelklagen auf den Richtertischen, es geht auch gegen die Deutschen Bank . Angesichts des immensen Volumens der von Libor und Euribor beeinflussten Handelsumsätze gilt als sicher, dass es um Milliardensummen gehen wird. Eine erste Umfrage von manager magazin online bei deutschen Wirtschaftsverbänden und Fondsgesellschaften ergab allerdings, dass das Thema für mögliche Betroffene noch keines ist. "Zu speziell", hieß es etwa bei einem Unternehmenszusammenschluss. Auch Verbraucherzentralen sehen bisher keinen Handlungsbedarf.

Das ist zu diesem Zeitpunkt auch nicht weiter verwunderlich: Wie viele Finanzprodukte tatsächlich von einer Marktmanipulation betroffen wären, möchte derzeit kaum jemand mutmaßen. Für den Libor zumindest gehen Schätzungen davon aus, dass Produkte im Wert von 250 Billionen Euro auf ihm fußen. Eine Größenordnung vermutlich auf im Fall des Euribor. Doch droht in Europa nun überhaupt auch ein Manipulationsskandal? Einiges spricht dafür.

Erster Verdacht kam 2008 auf

So gab es erste Verdachtsmomente, als 2008, nach der Lehman-Pleite, der Verlauf des Euribor nicht die Realität widerzuspiegeln schien. Allenthalben war von Misstrauen zwischen den Banken und einem Austrocknen des Interbankenmarktes die Rede - der dafür entscheidende Zinssatz blieb jedoch erstaunlich stabil.

Im Herbst 2011 verkündete dann die EU-Kommission, dass sie gegen mehrere Großbanken wegen des Verdachts einer Euribor-Manipulation ermittelt. Auch das Schweizer Kartellamt vermeldete im Februar dieses Jahres, in der Sache gegen zwölf Banken zu ermitteln. Steht Europa also vor einem ähnlichen Manipulationsskandal wie London - oder schützen die Unterschiede des Euribor zum Libor vor solchen Verwerfungen?

"Es ist sicherlich schwieriger", sagt Falko Fecht, Professor für Financial Economics an der Frankfurt School of Finance & Management. "Immerhin sind mehr Banken an dieser Abstimmung beteiligt und der Bankenkreis ist auch viel heterogener als in England. Das erschwert eine konzertierte Aktion."

Manipulationen auch beim Euribor möglich

Der Libor wird von bis zu 19 Banken mitbestimmt, der Euribor von 44. "Aber unmöglich ist sie sicherlich nicht. Immerhin werden in Europa nur die oberen und unteren 15 Prozent der Bankenschätzungen nicht berücksichtigt, während es in England 25 Prozent sind. Die Ausschläge können hierzulande also größer sein als in Großbritannien."

Mit anderen Worten: Es wäre also möglich. Und das liegt unter anderem an den Staaten selbst. "Seit 2008 waren die Fakten zumindest grundsätzlich bekannt", sagt Fecht. "Insofern liegt der Skandal darin, dass die Aufsichtsbehörden nicht nachgefragt haben. Und auch das grundsätzliche Konstrukt - Banken melden einen Zinssatz, der nichts mit ihren tatsächlichen Transaktionen zu tun hat.

Banken nutzten diskretionäre Spielräume

Das eröffnet den Banken diskretionäre Spielräume. Und die wurden offenbar genutzt. Angeblich sogar unter Billigung der Bank of England. Denn wenn der Libor niedriger ist als eigentlich angemessen, dann lesen sich die Bankbilanzen besser - denn es wirkt so, als könnten sie sich problemlos am Geldmarkt finanzieren." Barclays dürfte daher kein Einzelfall sein. Offenbar hatten die Regulierer "wohl gehofft, die entsprechenden Reformen später in Ruhe angehen zu können; derzeit sind andere Brandherde gefährlicher", so Fecht.

Unter dem Strich bleibt zumindest eines: Die Folgen für den Ruf der Banken. Sie, die von den Zentralbanken mit Milliarden gestützt werden, die verabsäumen, das Geld als Kredite in die Realwirtschaft fließen zu lassen, manipulieren offenbar den Markt. "Das ist ein katastrophales Signal, das die Banken wieder an den Pranger stellt", urteilt Fecht.

Kann das Vertrauen in die Banken eigentlich noch tiefer sinken? "Tja, es sieht fast so aus, oder? Im Ernst: Das ist schon katastrophal - aber wie gesagt, die Regulierer hätten schon längst aktiv werden müssen. Und sich zum Beispiel am Eonia orientieren können, für den tatsächlich abgeschlossene Umsätze zugrunde gelegt werden, nicht aber Schätzungen. So waren Manipulationen Tür und Tor geöffnet."

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