Zinsmanipulation Barclays-Aktie stürzt, Deutsche Bank zittert

Die Manipulation von Zinsen am Geldmarkt wird teuer für mehrere Großbanken. Als erste Bank hat die britische Barclays eine Millionenstrafe an die Aufsichtsbehörden gezahlt, jetzt steht der Rücktritt des Chefs im Raum. Auf Deutsche Bank, JP Morgan und Co. könnten noch höhere Kosten zukommen.
Londoner Bankendistrikt Canary Wharf: Mehrere Großbanken sind betroffen

Londoner Bankendistrikt Canary Wharf: Mehrere Großbanken sind betroffen

Foto: REUTERS

London - Erst kam die Strafe, jetzt könnten noch weitere Folgen auf das britische Finanzhaus Barclays zukommen: Barclays muss an die Finanzaufsichtsbehörden in den USA und Großbritannien sowie an das US-Justizministerium die Rekordsumme von 290 Millionen Pfund (rund 345 Mio Euro) Strafe zahlen.

Barclays soll versucht haben, den sogenannten Liborsatz zu beeinflussen. Er gibt den Zinssatz an, zu dem sich Banken gegenseitig Geld leihen. Er wird aber auch als Benchmark für den Derivatehandel verwendet, bei dem Papiere im Buchwert von weit über 300 Billionen US-Dollar bewegt werden - mehr als das Bruttoinlandsprodukt aller Länder der Welt. Eine winzige Veränderung des Zinssatzes kann enorme Schwankungen auslösen. Außerdem habe Barclays versucht, mit einem künstlich niedrigen Liborsatz die eigene Kreditwürdigkeit in Zeiten der Finanzkrise zu schönen. Der mögliche Betrug wird so ernst eingeschätzt, dass es mit der reinen Geldstrafe für Barclays nicht getan sein könnte.

Mehrere britische Politiker und Wirtschaftsexperten forderten Barclays Vorstandschef Bob Diamond. offen auf, seinen Hut zu nehmen. Großbritanniens Premierminister David Cameron sagte, der gesamte Vorstand habe "sehr ernste Fragen zu beantworten". Finanzminister George Osborne und Oppositionsführer Ed Miliband forderten strafrechtliche Ermittlungen gegen die Verantwortlichen. Der Vorstand hatte schon am Mittwoch auf seine millionenschweren Bonuszahlungen verzichtet, für die Diamond bis vor Kurzem noch erbittert gestritten hatte. Der britische Bankiersverband zeigte sich "schockiert" und forderte neue Regeln für den Interbankenhandel.

Der Skandal droht sich zudem nicht nur auf Barclays zu erstrecken, sondern weitere Kreise zu ziehen. Die Strafe für Barclays ist Teil einer Untersuchung, die mehrere große Banken in Europa und den USA betrifft. Unter anderem sollen auch die Deutsche Bank , Credit Suisse , die Société Générale  und die US-Großbank JPMorgan Chase  im Visier der Aufsichtsbehörden sein. Die jeweiligen Aktien verloren am Donnerstag 2 bis 5 Prozent ihres Wertes.

Barclays-Aktien sanken an der Londoner Börse sogar um bis zu 20 Prozent, erholten sich bis zum Abend (18.30 Uhr) auf minus 15 Prozent. Die Kosten des Rechtsstreits um die Libor-Manipulation würden die von Barclays gezahlte Strafe in den Schatten stellen, erklärte das Analysehaus Cenoks. "Wir rechnen mit mehrjährigen Rückstellungen, die in die Milliarden gehen könnten." In den Klageschriften werden auch die anderen britischen Großbanken HSBC , Lloyds  und Royal Bank of Scotland  genannt. Die RBS-Aktie war mit minus 11 Prozent zweiter großer Verlierer.

Manipulation bewegte 300-Billionen-Dollar-Markt

Der womöglich manipulierte Londoner Libor-Satz und der europäische Euribor geben den Zinssatz an, zu dem sich Banken gegenseitig Geld leihen. Er wird aber auch als Richtschnur für Kredite und den Derivatehandel verwendet. Er basiert auf den Daten mehrerer Großbanken, die diese täglich abliefern. Als Folge der Untersuchungen hat auch das Vertrauen in den Libor-Satz stark gelitten. Eine winzige Veränderung des Zinssatzes kann enorme Schwankungen auslösen.

Bei Barclays fanden die Ermittler nun auch anhand zahlreicher E-Mails von Mitarbeitern mutmaßliche Belege für solche Manipulationen. In einer Mail bat ein Händler einen Kollegen darum, einen möglichst niedrigen Zinssatz für die Libor-Festlegung weiterzugeben, woraufhin dieser antwortete: "Ist gebongt...für Dich, mein Großer."

Schweizer Kartellbehörde veranschlagt zwei Jahre für die Ermittlung

Auf die Zahlung der Summe habe sich die Bank mit den Finanzaufsichtsbehörden FSA in Großbritannien, CFTC in den USA sowie mit dem US-Justizministerium geeinigt, teilte Barclays am Mittwoch in London mit. Die Falschangaben hätten bereits 2005 begonnen, teilte die CFTC weiter mit. Zeitweise sei es täglich zu Falschmeldungen gekommen. Während der großen Finanzkrise in den Jahren 2007 bis 2009 habe Barclays auf Weisung des obersten Managements absichtlich niedrige Libor-Meldungen abgegeben, um eine bessere Außenwirkung für die Bank zu erzielen.

Barclays-Vorstandschef Diamond entschuldigte sich für die Vorfälle. "Es tut mir leid, dass einige Leute nicht so gehandelt haben, wie es unsere Unternehmenskultur und unsere Werte vorsehen", sagte Diamond. Weder er selbst noch seine Vorstandskollegen Chris Lucas, Jerry del Missier und Rich Ricci würden für dieses Jahr Manager-Boni annehmen, sagte Diamond. Aufsichtsratschef Marcus Agius sagte, das Gremium nehme die Vorkommnisse extrem ernst.

Die britische Finanzaufsicht FSA kam zu dem Schluss, dass die Verfehlungen bei Barclays "ernst und großflächig" gewesen seien. Die Richtigkeit von wichtigen Finanz-Richtmarken wie dem Libor-Satz sei von grundlegender Wichtigkeit für die Finanzmärkte.

Die Schweizer Kartellbehörde Comco kündigte unterdessen an, die Untersuchungen gegen insgesamt zwölf Großbanken dauerten voraussichtlich noch weitere zwei Jahre. Eine Sprecherin der EU-Kommission betonte, die Behörde schaue sich die weltweiten Untersuchungen genau an. Es gebe die Sorge, dass einige Banken gegen Kartellrecht verstoßen hätten. "Wir räumen dem hohe Priorität ein."

ak/dpa-afx/rtr
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