Wochenausblick Euro-Fieber grassiert an den Börsen

In der neuen Woche dürfte es weiter bergab gehen: Griechenland und Spanien belasten die Märkte. Vor dem Hintergrund spielen die anstehenden Unternehmenszahlen und Konjunkturdaten kaum eine Rolle - wohl aber das Dauerthema Euro-Bonds.
Euro-Fieber: Die Schuldenkrise hat die Börsen fest im Griff

Euro-Fieber: Die Schuldenkrise hat die Börsen fest im Griff

Foto: DDP

Frankfurt am Main/New York/Camp David - Spanien und Griechenland stecken nach wie vor in der Klemme, und das wird auch in der kommenden Woche den Anlegern an den europäischen Finanzmärkten Kopfschmerzen bereiten. Eine nachhaltige Erholung an den Aktienmärkten scheint in weite Ferne gerückt zu sein, auch die Analysten malen schwarz. "Die Krise scheint sich zuzuspitzen. Das übergeordnete Bild an den Märkten wird in den kommenden Wochen sehr, sehr negativ sein", prognostiziert Christian Jasperneite, Volkswirt bei MM Warburg. Sollte es zwischendurch an den Börsen etwas nach oben gehen, sei dies nur eine technische Reaktion auf die vorherigen Verluste.

Auch die Analysten der Landesbank Berlin glauben nicht an eine Erholung. "Kurzfristig ist die Chance auf eine nachhaltige Entspannung recht gering", urteilen sie. "Die Volatilität wird aufgrund der immensen Unsicherheit bezüglich der weiteren Entwicklung der Schuldenkrise hoch bleiben." Auf Wochensicht büßte der Dax rund fünf Prozent ein. Das ist der größte Verlust seit Mitte Dezember.

Sorgenkind der Eurozone ist und bleibt Südeuropa mit Griechenland und Spanien an der Spitze. An den Märkten kursieren nach wie vor Spekulationen über einen Austritt Griechenlands aus der Euro-Zone nach den Neuwahlen im Juni. Außerdem geht das Schreckgespenst eines Auseinanderbrechens um. "Das Problem ist die Ansteckungsgefahr. Wenn Griechenland austreten würde, warum sollte das auch nicht mit Spanien oder Portugal passieren können?", gibt Volkswirt Jasperneite zu Bedenken. Auch bestünde die Gefahr einer Kapitalflucht aus den anderen angeschlagenen Euro-Zonenländern.

Christoph Weil, Volkswirt bei der Commerzbank, rechnet zwar bei einer Staatspleite Griechenlands und dem Kollaps der dortigen Banken mit heftigen Reaktionen an den Finanzmärkten. Würde aber deutlich, dass Notenbanken, Internationaler Währungsfonds (IWF) und die Regierungen die Lage in den Griff bekämen, dürfte das Schlimmste schnell überstanden sein. "Möglicherweise würde sich schon bald Erleichterung breitmachen, dass mit Griechenland das größte Sorgenkind die Euro-Zone verlassen hat", schreibt er in einer Studie.

Weiteres Sorgenkind der Euro-Zone ist Spanien: Erst am Donnerstag hatte die Ratingagentur Moody's 16 spanische Banken heruntergestuft, darunter auch Banco Santander, die größte Bank in der Eurozone. Das Land steckt in einer Rezession, die Geldinstitute leiden heftig unter den Folgen einer Immobilienkrise. Um die Lage in den Griff zu bekommen, hatte die Regierung bereits in der vergangenen Woche massive Eingriffe in den Bankensektor angekündigt. Das Vertrauen der Investoren konnte damit bisher noch nicht wieder zurückgewonnen werden. Der spanische Leitindex rutschte in der zu Ende gehenden Woche fiel zeitweise auf den tiefsten Stand seit 2003.

Hollande drängt auf Euro-Bonds

Beim G8-Gipfel in Camp David wurde am Wochenende der Druck auf die Euro-Zone verstärkt, möglichst bald die Krise beizulegen. Die wichtigsten westlichen Industriestaaten und Russland setzten sich zugleich dafür ein, dass Griechenland im Währungsraum bleibt. Sie sprachen sich ferner dafür aus, neben der Konsolidierung der öffentlichen Haushalte das Wirtschaftswachstum anzukurbeln.

Frankreichs Präsident François Hollande sagte am Rande des G8-Gipfels, er werde auf einem informellen EU-Gipfel kommende Woche ein Wachstumspaket vorstellen. "In diesem Paket sind auch Euro-Bonds vorgehesehen, und ich werde mit diesem Vorschlag nicht allein stehen", so Hollande. Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte die Einführung europäischer Anleihen, für die Deutschland mit seiner Rating-Bestnote garantieren müsste, stets ausgeschlossen. Er werde den Druck auf Merkel erhöhen, so Hollande.

Auch Italiens Regierungschef Mario Monti forderte eine "Entwicklung in Richtung Euro-Bonds". Monti kündigte für den 10. Juni einen Dreiergipfel mit Hollande und Merkel in Rom an. Der britische Vize-Premier Nick Clegg sagte dem "Spiegel", für eine dauerhafte Lösung der Euro-Krise seien direkte Überweisungen an andere Regierungen oder gemeinsame Anleihen in Form von Euro-Bonds "unvermeidlich".

Konjunkturdaten und Bilanzzahlen dürften in der neuen Woche angesichts der großen Probleme in Europa eher in den Hintergrund rücken. Immer wieder beklagen Händler, dass Einzelthemen an der Börse weitestgehend verpuffen und die Kurse - wenn überhaupt - nur kurz bewegen. Allerdings könnte der am Donnerstag anstehende Ifo-Index zeigen, ob Griechenland und Spanien auch die Stimmung der deutschen Unternehmen trüben. Am gleichen Tag werden auch die Markit-Einkaufsmanagerindizes für Deutschland und die Euro-Zone veröffentlicht. Auch von den Unternehmen dürften kaum Impulse für den Aktienmarkt ausgehen, da die Berichtssaison - bis auf die Ergebnisse einiger kleinerer Firmen - so gut wie gelaufen ist. Allerdings stehen einige Hauptversammlungen an, darunter am Mittwoch die von Commerzbank , SAP  und Metro sowie am Donnerstag die der Deutschen Telekom .

Kursrally an der Wall Street erwartet

Nach der schwächsten Handelswoche dieses Jahres und dem enttäuschenden Debüt von Facebook ist an der Wall Street Wundenlecken angesagt. Die Hoffnung auf eine technische Kurserholung ist unter Börsenexperten relativ schwach. "Der Markt ist extrem überverkauft", unterstreicht Larry McMillan, Präsident des Options-Analysehauses McMillan Analysis. "Trotzdem stehen alle großen Indizes weiter auf Verkaufen." Er geht zwar weiterhin davon aus, dass es auf kurze Sicht zu einer kräftigen Kursrally kommt. Aber diese werde wohl nur kurzlebig sein, der allgemeine Trend weise nach unten.

Hauptstimmungstöter ist unverändert die europäische Schuldenkrise. Börsianer fürchten auch hier eine Eskalation durch einen möglichen Austritt Griechenlands aus der Euro-Zone, außerdem bereitet der spanische Bankensektor große Sorgen. Da sich in den USA die Berichtssaison dem Ende zuneigt, fehlen an der Börse die Impulse, um die Probleme Europas in den Hintergrund zu drängen. Auch jüngste US-Wirtschaftsdaten lieferten eher den Konjunkturpessimisten neue Nahrung.

In der neuen Woche stehen am Dienstag und Mittwoch Zahlen zum Immobilienmarkt an. Am Donnerstag folgen die Statistiken zu den wöchentlichen Erstanträgen auf Arbeitslosenhilfe sowie den langlebigen Gütern, am Freitag eine Erhebung zum Konsumklima.

S&P 500 mit stärkstem Rückgang im laufenden Jahr

Obwohl rund um den Globus viele Investoren auf ihrem Geld sitzen und händeringend nach Anlagemöglichkeiten suchen, trauen sich nur wenige aus der Deckung. "Wir hörten immer wieder den Refrain, dass die Welt mit Geld überflutet ist und die Märkte höher gehen müssen. Dann hieß es plötzlich, dass keiner ein Risiko eingehen will", sagt Derivatespezialist Peter Cecchini von Cantor Fitzgerald & Co. "Alles in einer Woche."

Der S&P-500-Index verlor vergangene Woche 4,3 Prozent, der stärkste Rückgang in laufenden Jahr. Im Mai ging es bislang um 7,3 Prozent nach unten.

Das seit langem herbeigefieberte Glanzlicht sollte die Erstemission (IPO) von Facebook werden, eine der größten in den USA aller Zeiten. Doch der Marktstart wurde am Freitag zum Flop. Die Aktien des weltgrößten sozialen Netzwerkes im Internet schlossen nur 23 Cent über dem Ausgabepreis von 38 Dollar. Technikpannen bei den Orders von Kleinanlegern schreckten manche Investoren ab.

Doch das muss nicht heißen, dass Facebook auf längere Sicht keine Erfolgsgeschichte am Aktienmarkt wird. Investmentstratege Randy Warren von Warren Financial Service verwies darauf, dass das Unternehmen in der jungen Branche der sozialen Netzwerke bisher beste Karten hat. "Ja, der IPO war enttäuschend, aber Facebook ist hier klar der Gewinner, und andere sind es nicht", führt Warren aus. Experten halten das Unternehmen dennoch bereits jetzt für überbewertet.

ts/rtr