Börsenturbulenzen Chaotische Griechen sorgen für Kaufkurse

Das politische Tauziehen in Griechenland belastet die Börsen. Doch langfristig haben sich die Aussichten für die Aktienmärkte nicht verschlechtert. Zumal wieder über steigende Inflation diskutiert wird - und das ist ein wichtiger Kurstreiber.
Was wird aus Griechenland? Die Parteien ringen um eine handlungsfähige Regierung

Was wird aus Griechenland? Die Parteien ringen um eine handlungsfähige Regierung

Foto: ARIS MESSINIS/ AFP

Hamburg - Der Wahlausgang in Griechenland hat für erhebliche Unruhe gesorgt - auch an den Aktienmärkten. Der Grund liegt auf der Hand: Seit Sonntag ist wieder ein Szenario möglich, das zuvor kaum noch diskutiert wurde: Der Austritt Griechenlands aus der Euro-Zone.

Obwohl sich die gemäßigten Partei weiterhin um eine pro-europäische Regierungsbildung bemühen, zeigt das Wahlergebnis: Die Griechen nehmen zwar gerne die Hilfsgelder aus Brüssel. Die damit verbundenen Sparzwänge wollen sie jedoch offenbar nicht akzeptieren. Eine Haltung, die wiederum die übrigen Euro-Länder nicht hinnehmen können. Deshalb ist klar: Entweder Athen kehrt zurück zum Sparkurs - oder das Land kehrt zurück zur Drachme.

Sollte die Regierungsbildung auch im dritten Anlauf scheitern und die sozialistische Pasok-Partei keine Mehrheit zustande bringen, wird es zu Neuwahlen kommen. Bis dahin müssen auch die Finanzmärkte mit der gestiegenen Unklarheit zurechtkommen - mindestens.

Es stellt sich jedoch die Frage, ob das aus deutscher Sicht so schlimm ist. Wie hart träfe es die hiesige Wirtschaft und damit auch die Kurse im Dax, wenn der kleine Staat im Süden Europas die Währungsunion verließe?

Anleger sind hin und her gerissen

Eine Antwort darauf gaben bereits die Anleger: Während sich die Börse in Athen seit vergangenem Sonntag auf Talfahrt befindet, beendete der Dax  schon den Montagshandel mit Gewinnen. Über die Woche gab es dann zwar ein Auf und Ab. Das hatte aber auch andere Gründe. So sorgte am Donnerstag beispielsweise die Nachricht aus Spanien für Unruhe, das mit der Großbank Bankia das viertgrößte Geldhaus des Landes teilweise verstaatlicht werden muss. Und selbst das konnte nicht verhindern, dass Deutschlands Leitindex von Montag bis Donnerstagabend ein deutliches Plus von etwa 2 Prozent erzielte.

Klar ist: Der Kursverlauf spiegelt die Unentschlossenheit der Anleger wieder. Zwischen den Sorgen um Griechenland und die Euro-Schuldenkrise und dem Optimismus in Bezug auf die Konjunktur in Europa und den USA sind sie offenbar hin und her gerissen.

Wer die stabile Reaktion auf den Wahlausgang verstehen will, muss jedoch auch die Kursrückgänge ins Kalkül ziehen, die es bereits im Vorfeld der Urnengänge in Griechenland und Frankreich gegeben hat. Denn die brachten die deutschen Aktienkurse möglicherweise wieder auf ein attraktives Niveau.

Der Dax sei nach dem Kursrutsch von 800 Punkten gegenüber dem Jahreshoch inzwischen mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von 8,4 günstig bewertet, heißt es etwa bei der DZ Bank. Auch die hohe Dividendenrendite von 4,1 Prozent biete eine Sicherheitsmarge gegenüber den Renditen anderer Assetklassen.

Inflation: "Die Enteignung der Anleger hat begonnen"

Der Aufschlag auf den Buchwert der Dax-Unternehmen beträgt bei 6400 Punkten nur noch rund 25 Prozent, schreibt die Bank. Der historische Schnitt liege bei 80 Prozent. Der Leitindex könne deshalb in den kommenden Monaten wieder deutlich steigen.

Als Fundament für einen solchen Anstieg nennen die Experten verbesserte konjunkturelle Frühindikatoren und bessere Quartalsergebnisse. Es gibt jedoch noch weitere Argumente. Das wichtigste: Ganz gleich, wie sich die Situation in Griechenland weiterentwickelt, es spricht vieles dafür, dass die Europäische Zentralbank (EZB) ihre großzügige Geldpolitik auf absehbare Zeit fortsetzt. Die deutsche Wirtschaft zeigt sich zwar nach wie vor robust. Die Konjunktur der Euro-Zone insgesamt ist aber noch weit davon entfernt, dass sie mit restriktiver Zinspolitik gezügelt werden müsste.

Für die Börsen sind das gute Nachrichten. Schon in den vergangenen Monaten hatte die Notenbank die Finanzmärkte mit Milliardensummen versorgt. Die Liquiditätsflut stützt nach Meinung vieler Experten auch die Aktienkurse, und zwar auf zwei Wegen. Zum einen dürfte ein Teil des Geldes direkt in Wertpapiere gesteckt werden. Zum anderen nimmt mit jeder Milliarde, die zusätzlich ins Geldsystem geschleust wird, auch die Gefahr steigender Inflationsraten zu. Und auch als Schutz gegen Preissteigerung sind Aktien unter bestimmten Voraussetzungen geeignet.

Viele Investmentprofis jedenfalls rechnen fest mit der Geldentwertung - wobei sie allerdings nicht immer frei von eigenen Interessen argumentieren. Beispiel Amundi: Die Inflation wird aktuell von zahlreichen Faktoren angetrieben, schreibt das Investmenthaus in einer Rundmail. Und zählt auf: steigende Rohstoffpreise, aus Asien importierte Preissteigerungen, die hohen Schulden einiger Volkswirtschaften.

"Alles spricht für Inflation"

"Alles spricht derzeit für ein Wiederaufleben von Inflation", fasst Amundi-Mann Laurent Gonon zusammen. Er managt den Amundi Funds Bond Global Inflation - einen Fonds also, der Anleger vor Inflationsverlusten schützen soll.

Die Privatbank Ellwanger & Geiger bläst ins gleiche Horn: Noch im zweiten Halbjahr 2011 hat die Krise in Europa die Rohstoffpreise gedämpft hatte, so die Stuttgarter. Nun entwickele sich jedoch vor allem beim wichtigsten Rohstoff, dem Öl, ein neuer Aufwärtstrend. "Damit rückt das Thema Inflation wieder in den Vordergrund", so die Einschätzung der Banker.

Geradezu dramatisch klingt der Appell von Bert Flossbach, Vermögensverwalter aus Köln. "Die Enteignung der Anleger hat begonnen", verbreitet er. Das Zinsniveau bleibe noch lange tief und der Realzins negativ. Je länger dieser Zustand anhalte, umso mehr müssten Anleger ihr Vermögen sichern.

Sogar die Bundesbank gibt sich entspannter als sonst

Investoren können sich entscheiden: Entweder sie tun solche Warnungen als Marketingphrasen und plumpe PR der Investmenthäuser ab. Oder sie nehmen sie ernst. Immerhin wird das Inflationsrisiko selbst von unverdächtiger, aber überaus fachkundiger Seite nicht bestritten.

Im Umfeld von Bundesbank-Präsident Jens Weidmann etwa hieß es erst am Donnerstag, Deutschland werde infolge der Schuldenkrise auf kurze bis mittlere Sicht höhere Preissteigerungen hinnehmen müssen als erwünscht. "Damit ist eine Inflationsrate gemeint, die moderat über dem Inflationsziel der EZB von knapp 2 Prozent liegt", sagte ein hochrangiger Notenbanker Agenturmeldungen zufolge.

Das richtige Mittel dagegen hat wiederum Anlageprofi Flossbach parat: "In Zeiten unverzinster Inflation führt an Aktieninvestments kein Weg vorbei", sagt er.