Börsengang des Onlinenetzwerks Facebook-Prospekt lässt Fragen offen

Facebook hat seinen Börsenprospekt veröffentlicht und damit den ersten Schritt an die Börse unternommen. Das Emissionsvolumen ist vergleichsweise bescheiden, das Umsatzwachstum rasant. Doch die Zahlen wecken Zweifel an einer Bewertung von bis zu 100 Milliarden Dollar.
Facebook-Gründer Mark Zuckerberg dürfte der Börsengang zu einem der reichsten Menschen der Welt machen

Facebook-Gründer Mark Zuckerberg dürfte der Börsengang zu einem der reichsten Menschen der Welt machen

Foto: dapd

New York - Am späten Mittwoch veröffentlichte das weltgrößte soziale Netzwerk seinen Börsenprospekt, mit dem es bei Investoren für seine Aktien wirbt. Entsprechende Papiere wurden Handelsschluss an der Wall Street bei der US-Aufsichtsbehörde SEC eingereicht. Einen Termin für den eigentlichen Gang aufs Parkett gibt es noch indes noch nicht. Gründer Mark Zuckerberg könnte damit auf einen Schlag zu einem der reichsten Menschen der Erde werden. Sollte das soziale Online-Netzwerk auf Anhieb auch unter Aktienhändlern genügend "Freunde" finden, steht der endgültige Schritt aufs Börsenparkett wohl in drei bis vier Monaten bevor.

Bei der Emission der Aktien wolle Facebook fünf Milliarden Dollar (3,94 Milliarden Euro) erlösen, hieß es in den der Börsenaufsicht vorgelegten Unterlagen. In den kommenden Monaten wird die Finanzabteilung des Unternehmens die Nachfrage der Investoren abschätzen. Die endgültige Summe dürfte in diesem Zeitraum noch weiter ansteigen. Acht Jahre nach der Gründung an der Universität von Harvard wird das Online-Netzwerk damit voraussichtlich zu den wertvollsten Unternehmen der Welt gehören.

Facebook verbindet heute gut 800 Millionen Nutzer, von denen nur ein Viertel im Heimatmarkt sitzen. "Bei sozialen Netzwerken ist Facebook der Platzhirsch schlechthin. Es ist die Firma, an der sich alle messen", sagte kurz vor der offiziellen Bekanntgabe des Börsengangs der Analyst Michael Gartenberg von der Beratungsfirma Gartner.

Wie das Börsenprospekt weiter verrät, wächst Facebook rasant und verdient auch Geld, vor allem mit Werbeeinnahmen: Im vergangenen Jahr blieben unterm Strich eine Milliarde Dollar übrig, 2010 waren es 606 Millionen Dollar und 2009 immerhin schon 229 Millionen Dollar. Der Umsatz lag zuletzt bei 3,7 Milliarden Dollar, ein Plus von 88 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Zuckerberg hat weiter das Sagen

Viele Investoren stellen sich aber die Frage, ob diese Zahlen die kolportierte Firmenbewertung von 75 bis 100 Milliarden Dollar rechtfertigen. Facebook selbst lässt in dem Börsenprospekt noch keine Rückschlüsse zu, welchen Wert das Management dem Unternehmen zumisst. Weder wird die Anzahl der auszugebenden Aktien angegeben, noch der Preis für das einzelne Papier.

Bis zum eigentlichen Börsengang, der für das späte Frühjahr oder den Sommer erwartet wird, wird Facebook die Informationen noch nachreichen. Dann wird auch feststehen, von wie vielen Anteilen sich Gründer Mark Zuckerberg selbst trennt. Noch klafft an dieser Stelle im Prospekt eine Lücke. Zuckerberg hält laut den Angaben gut 28 Prozent der Anteile. Das gesamte Management kommt auf 70 Prozent, der Rest liegt bei Finanzinvestoren. Allerdings haben nicht alle Aktien auch das gleiche Stimmrecht - und der Besitzer damit den gleichen Einfluss auf die Geschicke des Unternehmens.

IPO schürt Hoffnung auf mehr Datenschutz

Zuckerberg selbst hält Aktien der Klasse B mit zehn Stimmen, während Anleger beim Börsengang A-Aktien mit nur einer Stimme erhalten werden. Damit hat Zuckerberg auch künftig das Sagen bei seinem Baby Facebook. Weil andere Anteilseigner ihm ihre Stimmen übertragen haben, kommt Zuckerberg momentan sogar auf 57 Prozent aller Stimmrechte. Zuckerberg wollte die Kontrolle über sein Unternehmen lange gar nicht aus der Hand geben. Statt eines Börsengangs sammelte er in mehreren nicht öffentlichen Finanzierungsrunden Geld von großen Investoren ein. Mehrfach schlug er milliardenschwere Kaufangebote aus, zuletzt vom Internetriesen Google. In einem Brief, der den Antrag begleitet, schrieb der 27-jährige Facebook-Gründer Zuckerberg: "Facebook wurde ursprünglich nicht gegründet, um ein Unternehmen zu sein. Es wurde aufgebaut, um eine soziale Mission zu erfüllen - die Welt offener und vernetzter zu machen." Der Gründer brachte es auf eine einfache Formel: "Wir entwickeln keine Dienste, um Geld zu machen; wir verdienen Geld, um bessere Dienste zu entwickeln."

Nicht nur der 27-jährige Zuckerberg dürfte mit dem Börsengang über Nacht steinreich werden. Auch viele Mitarbeiter werden wohl durch Aktien-Optionen finanziell erheblich profitieren. Erste Kritiker fürchten, damit könnte sich Facebook von einem sehr agilen Start-up zu einem schwerfälligen Konzern wandeln. Gartenberg glaubt jedoch nicht daran: "Die Wendigkeit, die sie jetzt unter Beweis stellen, werden sie auch weiterhin an den Tag legen."

Von einem Börsengang könnten auch Nutzer und Datenschützer profitieren. Nach Angaben des Vermögensverwalters Maik Haufe von der Quirin Bank ist das Unternehmen "in der Vergangenheit natürlich bei weitem nicht so transparent gewesen, wie es in der Zukunft sein wird". Mit einer Notierung in den USA kämen auf Facebook viele Veröffentlichungs-Pflichten zu. Nicht zuletzt könne Facebook aber auch ein Ziel von Spekulanten werden. Das Unternehmen sei überdies wegen seiner gigantischen Nutzerzahl mit keinem anderen vergleichbar. Haufe sprach von einem "Hype", wollte aber keine Parallele zur geplatzten Blase am Neuen Markt ziehen.

Unterdessen kam aus Deutschland, wo allein 20 Millionen Nutzer leben, auch neue Kritik am Geschäftsmodell der Firma. Der Bundesbeauftragte für den Datenschutz, Peter Schaar, warnte am Dienstagabend im Fernsehsender Phoenix: "Man soll von der Wiege bis zur Bahre und darüber hinaus im Netz präsent sein." So könne die "kulturelle Errungenschaft des Vergebens und Vergessens" verschwinden.

Größter Internet-Börsengang aller Zeiten steht bevor

Facebook gilt dennoch als der spektakulärste Börsengang des Internet-Zeitalters angesichts der 845 Millionen aktiven Nutzer - auch diese genaue Zahl enthüllte Facebook im Prospekt. Bereits seit Tagen ist die Wall Street in heller Aufregung. Investoren hoffen auf ein lukratives Investment, Banker und Aktienhändler auf satte Gebühreneinnahmen.

Facebook würde selbst mit den genannten 5 Milliarden Dollar noch den größten Internet-Börsengang aller Zeiten hinlegen. Zum Vergleich: Suchmaschinenprimus Google kam im Jahr 2004 auf Einnahmen von 1,7 Milliarden Dollar. Die Gesamtbewertung damals bei 23 Milliarden Dollar. Bis heute sind daraus 189 Milliarden Dollar geworden.

Bereits seit längerem wird über einen Börsengang von Facebook spekuliert. In der jüngeren Vergangenheit hatten Internetfirmen wie das berufliche Netzwerk LinkedIn , das Schnäppchenportal Groupon und der Spieleentwickler Zynga ("Farmville") den Sprung aufs Parkett gewagt. Das war vielfach als Testlauf für Facebook gesehen worden.

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