Algo-Trading an der Börse Risiko Hochgeschwindigkeit

Computer sollen Finanzmärkte kalkulierbarer machen - doch das Gegenteil ist der Fall, mahnen Experten. Besonders Hochgeschwindigkeitshändler können die Märkte destabilisieren. Kein Wunder, wenn Politiker nach einer Finanztransaktionssteuer rufen, um den Handel zu entschleunigen.
Von Arne Gottschalck
Börse in Chicago: Händler haben kaum noch Einfluss. Die Maschinen haben die Macht an den Handelsplätzen übernommen

Börse in Chicago: Händler haben kaum noch Einfluss. Die Maschinen haben die Macht an den Handelsplätzen übernommen

Foto: Scott Olson/ Getty Images

Hamburg - Der Computer kennt nur zwei Zahlen, 0 und 1. Schwarz oder weiß, ja oder nein, kaufen oder verkaufen - Zaudern oder Emotionen sind ihm fremd. Die nüchterne Entscheidung innerhalb von Millisekunden macht ihn zum vermeintlich idealen Börsenhändler. Doch der Schein täuscht.

Denn die Macht der Computer steigt stetig. Und mit der Macht kommen die Dominanz und die Gefahren. Bereits 2010 warnte das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) vor dem wachsenden Einfluss der Systeme. Klaudius Sobczyk, Geschäftsführer von Advanced Dynamic Asset Management, mahnt: "Algo-Trading stellt grundsätzlich keine Liquidität bereit. Die Handelspositionen werden taggleich geschlossen. Es führt eher zu Preisverzerrung, die für echte langfristige Investoren zu einem Problem werden können."

"Ich würde nicht davon ausgehen, dass die Nutzung sinkt; ich erwarte, dass sie weiter wächst", sagt Michael Kearns, Professor an der University of Pennsylvania. Beispiel Währungen, der größte Markt der Welt. 2010 wurde knapp 7 Prozent des Marktvolumens von Algorithmen geprägt, rechnet das amerikanische Beratungsunternehmen Aite Group vor. 2014 sollen es bereits über 25 Prozent sein.

Die Gründe liegen auf der Hand - zumindest für die Finanzindustrie. Sie will mit Hilfe des Computerhandels Kosten sparen, weil Computer die Arbeit des Menschen günstig übernehmen. Doch diese Entwicklung birgt erheblichen Sprengstoff. "Die zunehmende Nutzung und der steigende Grad der Komplexität dieser Handelsart kippt das Spielfeld", sagt Kearns. "Es macht es für Normalanleger schwerer, mitzuhalten."

Algo-Trading: Wenn Volatilität und Kosten steigen

Dabei kommen die Algorithmen eigentlich recht harmlos daher. Es sind Computerprogramme, die den Handel automatisieren. Doch das kann auf vielerlei Wegen geschehen. So kann der Computer lediglich dazu genutzt werden, Order an die Börse zu leiten und damit die Effizienz zu steigern. Er kann aber auch Anlageentscheidungen fällen, ohne dass Menschen eingebunden sind - sieht man von der Programmierungsphase ab. Dazu durchleuchtet er das Börsengeschehen und leitet daraus seine Handlungen ab. Genau darin liegt auch das Hauptproblem.

"Mit angemessener Überwachung und Kontrolle stellt Algo-Trading keine Gefahr für die Märkte dar", versucht zum Beispiel Jim Conway eine Struktur dieser Handelsart zu skizzieren. Er verantwortet bei der Fondsgesellschaft Standard Life Investments den weltweiten Wertpapierhandel, das so genannte Trading. Doch das ist nur die eine Seite der Medaille. Denn die "allgegenwärtigen Algorithmen haben eine neue Art des Handels ermutigt. Der Hochfrequenzhandel (…) steigert potentiell die Tagesvolatilität an den Börse und damit auch die Handelskosten."

Und ihre Macht wächst: "Die entsprechenden Volumina sind nun sehr signifikant. Einige Handelsplätze laufen nun Gefahr, dass sie Handelsvolumen an jene Handelsplätze verlieren, denen mehr vertraut wird", sagt Conway.

Der Algo-Trader als Trittbrettfahrer

Für die Experten ist es also wichtig, zwischen den zwei Arten der Algorithmen zu trennen. "Auf der einen Seite stehen jene, die der Exekution, also der automatischen Ausführung dienen", sagt Kearns. "Auf der anderen gibt es Algorithmen für den Eigenhandel und die Risikonahme, die man in bestimmten Hedgefonds findet oder auch bei Hochfrequenzhändlern. Die erste Gruppe wächst weiter, weil es viele Märkte und Instrumente gibt, auf denen eine Automation quasi natürlich ist."

Beide Arten treffen auf einen ohnehin nervösen Handel. Algo-Trading kann dessen Zuckungen vergrößern. "Zunehmend komplexe Handelsentscheidungen werden von Algorithmen getroffen, inklusive der lernenden Algorithmen, die große Mengen historischer Daten analysieren." Und sich so selbst an ein verändertes Umfeld anpassen.

Große Banken zum Beispiel sollen nach Einschätzung von Experten aktuell solche Programme entwerfen. Wirklich reden mag niemand darüber. Sie tragen Namen wie "Guerilla" oder "Sniper". Kein Wunder, dass solche Programme bei den meisten Investoren nicht beliebt sind.

"Die meisten Investoren möchten nicht gerne sehen, dass ein Algo-Trader eine Art Trittbrettfahrer ist und von den Ordern von langfristigen Investoren profitiert", sagt Sobczyk. Auch der Staat schaut inzwischen genau hin. Der Gedanke der Finanztransaktionssteuer geht auch auf den Wunsch zurück, die Zahl der Hochgeschwindigkeits-Transaktionen zu senken. Denn auch ein geringer Steuersatz kann bei der hohen Anzahl der Transaktionen dafür sorgen, dass die Steuerbelastung stark steigt und sich das Geschäft nicht mehr rechnet.

Und wie sieht nun die Zukunft aus? "Ich denke, mal sollte nicht übermäßig alarmiert sein, ebenso wenig wie die Menschen irritiert sein sollten, dass das Internet trotz Dotcom-Blase weiter an Bedeutung gewinnt", sagt Kearns. "Die Krise hat allerdings viele Quellen - und Automation ist eine davon in unser zunehmend komplexen Welt." Keine beruhigende Einschätzung.

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