Jahresendrally Und jährlich grüßt ...

Jahresendrally? Alle Jahre wieder geistert das Thema durch die Handelssäle. Historisch betrachtet zählen Dezember-Börsenmonate zu den stärksten - doch ausgerechnet der Dezember 2011 gehört bislang zu den Ausnahmen. In den volatilen Handelstagen um die Jahreswende führen Spekulanten die Regie.
... nein, nicht das Murmeltier: Zum Jahresausklang muss stets der Bulle ran. Er symbolisiert steigende Kurse - und ohne Hoffnung auf bessere Zeiten würde Börse nicht funktionieren

... nein, nicht das Murmeltier: Zum Jahresausklang muss stets der Bulle ran. Er symbolisiert steigende Kurse - und ohne Hoffnung auf bessere Zeiten würde Börse nicht funktionieren

Foto: Boris Roessler/ picture-alliance/ dpa/dpaweb

Man könnte die Uhr danach stellen. Neigt sich das Börsenjahr dem Ende zu, springt Anlegern und Investoren so sicher wie das Amen in der Kirche das Thema "Jahresendrally" entgegen. Ob in den Handelssälen oder in den Medien, in den letzten Dezemberwochen bricht sich die Vokabel Bahn. Und das Sinnieren darüber beginnt: Kommt sie, kommt sie nicht, ist sie schon vorbei?

Oft verbindet sich damit die vage Hoffnung, dass der Dax  oder einzelne Titel in den letzten Handelswochen des Jahres noch einmal deutlich zulegen und für einen versöhnlichen Jahresausklang sorgen. Ganz aus der Luft gegriffen ist die Hoffnung nicht.

Wer sich einmal über statistische Zeitreihen beugt, stellt fest, dass der Börsenmonat Dezember historisch betrachtet zu den stärksten des Kalenderjahres zählt.

In den vergangenen 50 Jahren (1961 bis 2010) kletterte der Dax im Dezember durchschnittlich um 1,78 Prozent. Kein anderer Börsenmonat konnte das innerhalb dieser Periode toppen. Auch zwischen 1955 - der deutsche Aktienmarkt steckte noch in den Kinderschuhen - und 2010 lag der Dezember-Dax mit 2,0 Prozent im Schnitt vor den anderen Monaten, hat das Deutsche Aktieninstitut (DAI) errechnet.

Auf lange Sicht hat der Börsenmonat Dezember also die Nase vorn. "Historisch betrachtet gilt das ebenso für andere Indizes wie den S&P 500", weiß Analyst und Portfoliomanager Alexander Lukas von der Berliner Weberbank. Auch für einzelne Zehnjahresperioden (etwa 1991 - 2000) lässt sich dieses Phänomen ablesen.

Auf eine "Lex Dezember" sollte man besser nicht vertrauen

Können Anleger also regelmäßig mit einer Bescherung Ende Dezember rechnen? Wenn es so einfach wäre, wären wir vermutlich alle reich. Eine "Lex Dezember" lässt sich aus den historischen Daten nicht ableiten, schließlich handelt es sich um Durchschnittswerte. Wenn auch selten, so mancher Dezember in den vergangenen Jahrzehnten endete mit tiefroten Vorzeichen im Dax.

Dennoch ist nicht von der Hand zu weisen, dass im letzten Börsenmonat des Jahres Aktienindizes statistisch überproportional oft Kurszuwächse verzeichnen. Doch warum? Eine wissenschaftliche fundierte und damit umfassend zufriedenstellende Antwort findet sich nicht.

Steuern, Zinsen, Weihnachtsstimmung: Es gibt viele Faktoren für ein Kursplus

Ein Erklärungsversuch des Deutschen Aktieninstituts (DAI) geht dahin, dass im Dezember verstärkt Zinserträge aus festverzinslichen Anlagen angelegt werden. "Die Anlegerpsychologie vermutet auch den Einfluss einer positiveren Grundstimmung zum Jahreswechsel", sagt Gerrit Fey vom DAI.

Bis zur Einführung der pauschalen Abgeltungssteuer könnten auch steuerliche Aspekte in der Vergangenheit ein Grund für anziehende Wertpapiergeschäfte und damit deutliche Kursbewegungen zum Jahresende gewesen sein, ergänzt Weberbank-Analyst Lukas.

Plausibel erscheint ihm aber vor allem die Erklärung, dass Investoren in der Regel zum Jahresanfang frisches Risikokapital beziehen und sich dann frühzeitig zum Jahresende wieder stärker in Aktien positionierten.

Wenn Fondsmanager ihre Fenster dekorieren ...

Immer wieder wird auch das "Window-Dressing" als Grund für eine Jahresendrally genannt. Dabei sind es nicht selten bereits gut gelaufene Aktien, die dann weitere Kursaufschläge verzeichnen. Offiziell bekennt sich kein Fonds- oder Portfoliomanager zu dieser Praxis. Welcher institutionelle Investor räumt schon ein, dass er erst zum Jahresausklang die Gewinner einkauft, weil er bis dato den Trend verschlafen hat? Letztlich will der Manager damit dokumentieren, dass er die "richtigen" Titel im Portfolio führt, Performance-Aspekte stehen im Hintergrund.

Doch werden kurz vor dem Bewertungsstichtag auch gezielt bereits im Portfolio geführte Aktien erworben. Oftmals handelt es sich dabei um marktenge, also weniger liquide Titel, wo mit einzelnen Transaktionen überproportional starke Kursanstiege erzielt und damit auch die Fondsperformance aufgebessert werden kann - kurzfristig zumindest. Der langfristigen Performance nützt diese Strategie in der Regel aber nicht.

Studien zeigen jedoch, dass aktiv gemanagte Fonds ganz überwiegend nicht in der Lage sind, ihre Benchmark nach Kosten zu übertreffen und dass eine mögliche Outperformance auch nicht von Dauer ist, sagt Sebastian Müller, Finanzwissenschaftler der Universität Mannheim. Daran ändere auch Window-Dressing nichts. "Es führt im Gegenteil tendenziell zu niedrigeren Renditen im kommenden Jahr. Das ist auch zu erwarten, da Window-Dresser höhere Transaktionskosten haben und jegliche positiven Kurseffekte liquiditätsgetrieben und damit kurzfristiger Natur sind", sagt der Ökonom.

Börsenmonat Dezember 2011 weist bislang ein Minus aus

Wie stehen nun in diesem Jahr die Chancen für eine Jahresendrally, und sollte der Privatanleger darauf reagieren? Die laufende Monatsbilanz sieht allen historischen Zeitreihen zum Trotz nicht gut aus. Bis Freitag Mittag (23.12.) notierte der Dax  auf Monatssicht mit knapp 4 Prozent in der Verlustzone. Zwar hatte der Leitindex am Dienstag noch einmal mit plus 177 Punkten zum großen Sprung angesetzt, landete tags drauf aber wieder als Bettvorleger. Die Umsätze sind gering.

Folgt man der Umfrage einer Großbank unter institutionellen Investoren, haben diese den Dezember abgehakt und ihre Bücher weitgehend geschlossen. Sie sehen die alten Belastungsfaktoren, die Schuldenkrise und die schwache konjunkturelle Perspektive, auch für das kommenden Jahr als Hauptbremsklotz für die europäischen Börsen.

Das schließt nicht aus, dass spekulativ orientierte Anleger die umsatzschwachen Handelstage um Weihnachten und Neujahr wieder dazu nutzen werden, um zusammen mit Window-Dressern für Kursauschläge zu sorgen. "So mancher Marktteilnehmer wird das sicherlich versuchen", sagt Analyst Lukas von der Weberbank

In dieser volatilen Phase sollte der Privatanleger die Ruhe bewahren und geduldig abwarten, bis die Frühindikatoren wieder ein positiveres Bild der Konjunktur erwarten ließen, rät Lukas. "Ich glaube nicht, dass es sich für einen Privatanleger nach Transaktionskosten lohnt, die Effekte auszunutzen", mahnt ebenso Wissenschaftler Müller.

Abwarten will auch Portfoliomanager Lukas - obwohl der Dax  bei einem Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von unter zehn derzeit günstig erscheint. "Solange sich das volkswirtschaftliche Bild nicht aufhellt, bleiben wir bei unserer defensiven Strategie, mit der wir auch ins Neue Jahr gehen." Will sagen: Die Barmittel sind höher als sonst, konjunktursensible zyklische Werte sowie Bankentitel sind untergewichtet. Lukas räumt defensiven Titeln wie Pharma- oder ausgesuchten Energietiteln dagegen den Vorzug ein.

Commerzbank-Analyst und Aktienstratege Andreas Hürkamp sieht ebenfalls keine überzeugenden Gründe, aktuell verstärkt in den Dax zu investieren. Einstiegs- oder Nachkaufmöglichkeiten sieht er beim deutschen Leitindex zwischen 5200 und 5500 Punkten. Jahresendrally hin oder her - folgt man den Pessimisten, könnte der Dax da schon bald wieder stehen.

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