Börsenausblick So wird das Aktienjahr 2012 - vielleicht

Die Euro-Krise wird nicht eskalieren, die Konjunkturflaute wird nicht allzu schlimm ausfallen und die Unternehmen befinden sich in bester Verfassung - Investmentprofis zufolge steht einem Börsenaufschwung im neuen Jahr nicht viel im Wege. Es kann aber auch ganz anders kommen. 
Händler an der New Yorker Börse: Anlageexperten sehen weltweit bei vielen Aktien Kurspotenzial

Händler an der New Yorker Börse: Anlageexperten sehen weltweit bei vielen Aktien Kurspotenzial

Foto: Jin Lee/ AP

Hamburg - Die Euro-Schuldenkrise, da sind sich die Investmentprofis weitgehend einig, wird auch 2012 das beherrschende Thema an der Börse sein. Zudem, so die Prognosen, wird die Entwicklung in den USA die Kurse beeinflussen. Auch dort steht die hohe Staatsverschuldung weiterhin im Fokus. Ebenso findet 2012 die Präsidentschaftswahl statt. Schließlich sollten Anleger die Konjunktur in Fernost im Auge behalten, so die Fachleute. Schon im auslaufenden Jahr bereitete die Inflation dort größte Schwierigkeiten.

Das sind die wichtigsten Aussagen der Marktausblicke von Banken und Investmentgesellschaften für das kommende Jahr. Einige Zahlen, die den Tenor der Fachwelt widerspiegeln, finden sich zum Beispiel im Ausblick der VP Bank: Für die Euro-Zone seien in der ersten Hälfte 2012 negative Wachstumsraten zu erwarten. Unter den stärksten Nationen dürfte sich weiterhin Deutschland befinden, dem die Ökonomen aus Liechtenstein ein Wachstum von einem Prozent für das Gesamtjahr prognostizieren, gleichauf beispielsweise mit der Schweiz. Das zu erwartende Wachstum der USA im kommenden Jahr beziffern die Fachleute auf etwa 1,5 Prozent, für China erwarten sie eine "weiche Landung" mit einer Wachstumsrate im hohen einstelligen Bereich.

Folgendes Szenario können sich viele Marktteilnehmer für das kommende Jahr am ehesten vorstellen: Die Euro-Politiker werden weiter an einer Lösung der Schuldenkrise arbeiten, und zwar letztlich mit Erfolg. Diese Anstrengungen dürften sich noch recht weit ins kommende Jahr hineinziehen, weshalb in den nächsten Monaten weiterhin mit hoher Volatilität an den Aktienmärkten zu rechnen ist. In der zweiten Hälfte 2012, so erwarten einige Investmentprofis, könnte sich die Stimmung allmählich aufhellen.

Schon im Laufe dieses Jahres haben die Sorgen der Anleger angesichts der politischen Unsicherheiten über weite Strecken den Blick auf die nackten Tatsachen - sprich: die Fundamentaldaten - vernebelt. Daran dürfte sich auch 2012 zunächst nicht viel ändern, glauben Experten. Die Folge: Viele Konzerne sind gestärkt aus der vergangenen Wirtschaftskrise hervorgegangen, stehen in guter Verfassung da - und werden an der Börse gemessen beispielsweise an realistischen Gewinnerwartungen weit unter Wert gehandelt.

Anleger verlangen ein hohe Risikoprämie

"Niedrig bewertete Aktien bieten Aufwärtspotenzial, sobald nicht mehr Marktstimmungen im Vordergrund stehen, sondern wieder die Fundamentaldaten der Unternehmen", bestätigt Michael Albrechtslund, Managing Director bei Sparinvest Asset Management. "Dieser Zustand wird früher oder später unausweichlich eintreten."

"Seit drei Jahren erwirtschaften die Unternehmen gute Gewinne, aber die Bewertungskennziffern gehen trotzdem zurück", meint auch Frédéric Buzaré, Aktienstratege bei Dexia Asset Management. Nach seiner Beobachtung liegt es an der Risikoprämie, die Anleger für ihre Investments verlangen. Diese sei in den vergangenen Monaten vor dem Hintergrund der Euro-Schuldenkrise kontinuierlich gestiegen, so Buzaré. "Seit achtzehn Monaten steigen die Risikoprämien", sagt er. "Heute sind sie so hoch wie nie zuvor - die Risikoaversion der Anleger ist extrem. Das Desinteresse an Aktien hat zum Jahresende 2011 noch einmal zugenommen."

Doch Buzaré ist optimistisch: Letztlich sollten die Maßnahmen zur Stabilisierung der Staatsfinanzen zu niedrigeren Risikoprämien führen, glaubt er - und damit wieder zu höheren Aktienkursen. "Die Märkte sind heute eindeutig unterbewertet", so der Fachmann.

Ähnlich sieht es Kurt Kotzegger, Chief Investment Officer Aktien & Asset Allocation bei Raiffeisen Capital Management in Wien. Zwar seien die aktuellen Gewinnerwartungen vieler Unternehmen überzogen, so Kotzegger. Die attraktiven Bewertungen gepaart mit den anhaltend niedrigen Zinsen und einem Mangel an Anlagealternativen seien jedoch ein Argument für "Risky Assets", wie der Experte sagt.

Autobauer auf der Kaufliste

Im Klartext heißt das: Der Zeitpunkt zum Einstieg in Aktien ist - insbesondere für Anleger mit langem Horizont - richtig. Das denken auch viele andere Investmentprofis. Die Frage ist nur, in welche Aktien? Und wo auf der Welt?

Zum Beispiel in Deutschland, wo viele Profis Potenzial für Kursgewinne sehen. Die Analysten von Silvia Quandt Research etwa prognostizieren in ihrem Kapitalmarktausblick, dass das zuletzt fehlende Vertrauen in deutsche Aktien wieder wachsen wird. Gelder werden sukzessive von Anleihen in Aktien umgeschichtet, so die Prognose.

"Vor allem stimmen die Perspektiven für 2013, sodass Aktieninvestments in unserem Basisszenario erste Wahl bleiben", sagt Chefstratege Ralf Grönemeyer. Er schätzt die deutsche Wirtschaft als wesentlich robuster ein als beispielsweise im Jahr 2008, insbesondere aufgrund der Stärke der deutschen Unternehmen in den Schwellenländern, die 2012 und 2013 weiter kräftig wachsen dürften. Zu Grönemeyers Favoriten gehören 2012 die Daimler-Aktie , Siemens , Fresenius , die Deutsche Börse , die Deutsche Telekom  und die Deutsche Post .

"Ich erwarte, dass der deutsche Aktienmarkt 2012 volatil bleiben, sich aber insgesamt positiv entwickeln wird", sagt auch Christian von Engelbrechten, Fondsmanager des Fidelity Germany Fund. Als Gründe nennt auch er attraktive Risiko-Rendite-Profile, gesunde Bilanzen, niedrige Zinsen sowie Wachstumsimpulse aus den Schwellenländern und den USA. "Die Politik hat zudem die Ernsthaftigkeit der Lage erkannt", so der Fondslenker. "Ich bin daher zuversichtlich, dass Strukturreformen angegangen werden und damit das Vertrauen zurückkehrt."

Chancen in europäischen Schwellenländern

Die Aussichten für Resteuropa sind zwar nicht ganz so gut, auch dort gibt es den Fachleuten zufolge aber aussichtsreiche Papiere. "Wir bleiben bearish, da wir einen weiteren Rückschlag erwarten, bevor wir auf die Käuferseite wechseln", sagt zwar Robert Quinn, Chefstratege für europäische Aktien bei S&P Capital IQ. Er ist aber dennoch überzeugt, dass 2012 ein Übergangsjahr zwischen zwei Zyklen werden wird. "Die Aktienmärkte werden zu einem frühen Zeitpunkt im Jahr 2012 an Attraktivität gewinnen - vielleicht schon zum Ende des ersten Quartals."

Vor allem Investments in den europäischen Schwellenländern räumt Quinn Chancen ein. Zudem nennt er als Favoriten auf dem alten Kontinent zum Beispiel den deutschen Autobauer BMW , die britische Petrofac, den Lebensmittelkonzern Danone , den Luxusriesen LVMH  sowie, als Vertreter der Telekombranche, Vodafone .

Michael Clark, Manager des Fidelity European Dividend Fund, glaubt ebenfalls nicht, dass die Verunsicherung über die Krise der Euro-Zone und die Lage in Großbritannien ewig dauern wird. "Anleger sollten daher über die derzeit negativen Schlagzeilen hinausblicken und sich für eine mittelfristige Erholung positionieren", lautet sein Rat.

Clark favorisiert wachstums- und ertragsstarke, multinationale Konzerne in Europa mit starker Präsenz in Fernost. "Die Bewertungen solcher Qualitätsunternehmen sind heute so attraktiv wie schon seit der Dotcom-Blase in den Jahren 1999 und 2000 nicht mehr", sagt er. "Sie sind vor allem in den Bereichen Konsumartikel, Supermärkte, Telekommunikation und Pharma zu finden und können unabhängig vom Konjunkturumfeld wachsen."

Unterbewertete Blue-Chips in den USA

Und der Rest der Welt? Auch am US-Aktienmarkt sind viele Papiere derzeit unterbewertet, sagt Hersh Cohen, Chief Investment Officer der Legg Mason-Tochter ClearBridge Advisors. Das gelte insbesondere für viele Blue-Chips. "Die Kurse amerikanischer Aktien berücksichtigen ein sehr negatives Szenario, und hochwertige Aktien nehmen sogar den denkbar schlechtesten Ausgang vorweg", so Cohen. "Die Unternehmen sind gut bei Kasse und bei Dividenden sowie Aktienrückkäufen stark engagiert."

Cohen setzt besonders auf international bekannte Unternehmen. "Wir favorisieren Spitzenunternehmen, deren KGVs nachgegeben haben und die mittlerweile so negativ eingeschätzt werden, dass es pessimistischer kaum noch geht", sagt er. Als Beispiele nennt er Microsoft , Exxon  und Walmart.

Für asiatische Aktien dagegen sehen die Aussichten wohl weniger rosig aus. Der Grund: Die hohe Inflation dort bereitet den Experten Kopfschmerzen. Zudem leidet der asiatische Export unter der US-Konjunkturschwäche.

"Nur allzu gerne würden wir sagen können, dass Asien-Anleger am 1. Januar in einer inflationsfreien Welt aufwachen werden", schreibt das britische Investmenthaus Schroders in einem Marktausblick. "In einer Welt, in der sich die Exportnachfrage wie von Zauberhand erholt hat, die Weltwirtschaft deutlich anzieht, Volatilität und Schuldenberge verschwunden sind und sich China als Retter in der Not erweist." Das werde aber leider nicht passieren.

Vorsicht vor Zweckoptimismus

Vielmehr dürften die Probleme, die das Jahr 2011 mit sich gebracht hat, den Anlegern auch 2012 zu schaffen machen, so Schroders-Asien-Experte Richard Sennitt. "Uns stehen zwölf schwierige Monate bevor", schreibt er.

Eine Ausnahme macht möglicherweise Japan, wo nach wie vor der Wiederaufbau nach der verheerenden Katastrophe 2011 für Dynamik sorgen könnte. "Der japanische Markt ist derzeit besonders günstig bewertet", sagt Shogo Maeda, Leiter japanische Aktien bei Schroders. "Ausgehend von den Marktbewertungen in den Jahren 2008 und 2009 preisen japanische Aktien ein recht pessimistisches Szenario ein. Deshalb halten wir Kursgewinne im Jahr 2012 für möglich."

Fazit: In Bezug auf die Entwicklung der Börsen im kommenden Jahr überwiegen die zuversichtlichen Töne. Und die Argumente, die die Anlageexperten vorbringen, klingen einleuchtend.

Allerdings wurde auch in den vergangenen Monaten immer wieder so argumentiert - der Börsenaufschwung ließ dennoch auf sich warten. "Es fällt schwer, Ende 2011 nicht zu einer gewissen Vorsicht zu mahnen", sagt daher Aktienstratege Buzaré von Dexia Asset Management. "Die letzten Monate waren lehrreich. Das Ausmaß der Krise und ihr Tempo wurden allgemein unterschätzt."

Zurückhaltung ist also wohl trotz allem weiterhin angebracht. Schließlich sollte nicht vergessen werden: In den Ausblicken der Investmentprofi steckt immer auch eine gehörige Portion Zweckoptimismus.

Mehr lesen über
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.