Montag, 19. August 2019

Rally an den Börsen Schnelles Geld befeuert Kurssprung

Entspannung nach dem Euro-Gipfel: Der Dax legt rasant zu

Der Krisengipfel tagte und präsentierte eine Lösung. Die Aktienmärkte weltweit reagieren mit Erleichterung. Dabei hilft ausgerechnet der Lieblingsgegner der Politiker - das schnelle Geld.

Hamburg - Um 4 Uhr nachts einigten sich die Politiker der Eurozone auf den Schuldenschnitt für Griechenland, fünf Stunden später preschten Deutschlands Aktien ins Plus. Nicht nur deutsche Aktien, auch der französische CAC 40 Börsen-Chart zeigen sowie der britische FTSE 100 Börsen-Chart zeigen legten deutlich zu.

Der Anlass für die Rally: Seit langer Zeit ein positives Signal aus der Politik. "Zum einen wurde deutlich gesagt, dass Griechenland es allein nicht mehr schafft", sagt Wilfried Stubenrauch von der Stubenrauch & Hölscher Fondsberatung. "Das hatten sich zwar alle gedacht, doch es wurde nicht deutlich gesagt. Zum anderen hat man mit dem Hebel für den EFS jetzt ein Mittel, auch große Länder wie Italien zu schützen"

Es sei zwar "nicht der große Wurf, aber ein Schritt weiter", erklärt Gustav Horn, Direktor des IMK-Instituts. In diesen Zeiten sei das schon einiges, immerhin hatten Investoren weltweit das Vertrauen in die Gestaltungskraft der Politik bereits weitgehend verloren. "Es gibt mit den aktuellen Beschlüssen eine qualitative und quantitative Neuausrichtung: Die Politik läuft nicht mehr dem Markt hinterher", schreibt Folker Hellmeyer, Chefanalyst der Bremer Landesbank.

"Deutliche Fortschritte im Krisenmanagement"

"Bemüht man Churchill, dann haben wir mit der aktuellen Einigung 'das Ende vom Anfang' der Krise hinter uns gelassen", sagt Johannes Müller, Chefvolkswirt bei der Fondsgesellschaft DWS, gegenüber manager magazin. Positiv sei, daß man sich überhaupt einigen konnte - schließlich wurde zwischenzeitlich ein möglicher dritter Gipfel diskutiert. "Positiv ist außerdem, daß mit der Einigung deutliche Fortschritte im taktischen Krisenmanagement erzielt wurden", sagt Müller.

Freie Fahrt also für Aktionäre?

So weit wollen die meisten Experten nicht gehen, auch Müller nicht. "Dem Beschluß fehlen Details, ein Beleg dafür, daß man sich darüber nicht einigen konnte - und das dürfte am Markt auch weiterhin für Unsicherheit sorgen."

Diese Sorge treibt auch Giuseppe Amato um. Er ist Marktstratege beim Handelshaus Lang & Schwarz. "Die Krise ist noch nicht zu Ende, das Schuldenproblem noch nicht vom Tisch. Der Patient Europa ist stabilisiert, liegt aber noch auf der Intensivstation."

Erleichterungsrally wird auch durch kurzfristiges Geschäft getrieben

Immerhin, selbst ein paar Tage stabiler Aufwärtsbewegung würde schon eine gewisse Klimaverbesserung für Aktionäre bedeuten. "Wir rechnen bis auf weiteres mit einem freundlicheren Umfeld für risikobehaftete Anlageklassen als bisher", schreibt Jörg Zeuner, Chefökonom der VP-Bank, in einem Kommentar. Aufatmen also ja, doch weit entfernt von Euphorie.

Denn die Erleichterungs-Rally wird genau von jenem Pänomen befeuert, das die EU-Lenker bekämpfen - dem schnellen Geld. "Da ist auch viel kurzfristiges Geschäft im Spiel", sagt Amato. "Wer jetzt aktuell investiert, dürfte auch unter Performancezwang stehen. Wenn der Markt nach oben wegläuft, kann man sich nur schlecht ausklinken. Die meisten Investoren dürften aber nicht überzeugt dabei sein."

Das sieht auch Christian Schmidt so, technischer Analyst und Marktstratege bei der Helaba: "Derzeit ist relativ viel kurzfristiges Geld unterwegs. So mancher Investor ist offenbar auf dem falschen Fuß erwischt worden und muss sich jetzt wieder eindecken." Am Vortag sei der Dax binnen zwei Stunden um rund 200 Zähler eingebrochen. "Jetzt läuft das Spiel anders herum."

Finanzwerte vorn: "Das Ende vom Anfang der Krise"

Da passt es ins Bild, dass vor allem Finanzwerte die Erholungs-Rally anführen, jene Unternehmen also, die wie ein Seismograf die Verwerfungen und Abberation der Eurokrise dokumentieren. So gewannen die Papiere der Deutschen Bank Börsen-Chart zeigensowie der Commerzbank Börsen-Chart zeigen am Donnerstag beide um über 8 Prozent an Wert.

Doch genauso schnell können sie wieder an Wert verlieren. Vor allem, wenn der Reformprozess ins Stocken gerät. Genau das ist in der Vergangenheit immer wieder geschehen. "Es gab auch in den vergangenen zwei Jahren immer wieder Gipfel und Beschlüsse, die zuerst Anerkennung fanden, dann aber verpufften", sagt Stubenrauch. "Diesmal bin ich aber optimistisch, dass sich wirklich etwas ändert. Denn es sind wichtige Punkte beschlossen worden, die einen Gutteil der Unsicherheit von den Märkten nehmen." Das eröffnet vor allem eine Chance.

"Ich sehe da schon die Hoffnung, dass wir wieder zur Sacharbeit zurückkommen, zum Beispiel der Verfolgung der Unternehmenskennzahlen. Die waren ja auch zuletzt wieder hervorragend, aber alles wurde von der politischen Prägung der Börse überlagert."

DWS-Mann Müller stimmt dem zu. "Für den Aktienmarkt bedeuted die Einigung in erster Linie, daß sich das negative Sentiment gegenüber der Eurozone reduziert und die Marktteilnehmen wieder mehr auf fundamentale Faktoren achten werden."

Börsianer, die Hoffnung schöpfen - damit ist in der Tat einiges gewonnen.

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