Dax-Geflüster Auch Zocken kostet Geld

Die Börse fährt Achterbahn, und taktisches Stockpicking scheint reizvoll. Aber Vorsicht: Ein hektisches Hin und Her birgt hohe Verlustrisiken und schraubt auch die Orderkosten in die Höhe. Da auch bei aktiv gemanagten Fonds langfristig enorme Kosten anfallen können, empfiehlt sich ein Mittelweg.
Hektik an der Börse: Anleger sollten sich nicht anstecken lassen - ein Hin und Her macht die Taschen leer

Hektik an der Börse: Anleger sollten sich nicht anstecken lassen - ein Hin und Her macht die Taschen leer

Foto: BRENDAN MCDERMID/ REUTERS

Hamburg - Für Zocker sind turbulente Börsenzeiten wie diese geradezu ideal. Nicht die fundamentale Bewertung der Aktien sowie deren langfristige Aussichten sind entscheidend für die Kursentwicklung. Was zählt, ist das Momentum, die schnelle Auf- und Abwärtsbewegung, die in einem beinahe täglich stark schwankenden Markt die Chance auf den schnellen Euro eröffnet.

Vor allem Finanzwerte laden zur Spekulation derzeit geradezu ein. An einem Tag lassen die Sorgen um die Euro-Schuldenkrise die Kurse der Banken und Versicherungen rasant in den Keller rauschen, am nächsten legen sie wieder kräftig zu.

Wer im richtigen Moment auf- und wieder abspringt, kann dabei viel Geld verdienen. Das beste Beispiel ist die Aktie der Allianz , deren Kurs allein am vergangenen Montag um satte zehn Prozent nach oben sprang. Ein zweistelliges Plus an einem einzigen Handelstag für einen der gewichtigsten Werte im Dax  - so etwas kommt nicht häufig vor. Auch mit der Aktie der Deutschen Bank  lässt sich derzeit beinahe täglich ein Gewinn oder Verlust von mehr als fünf Prozent erzielen - je nachdem, welchen Tag man gerade erwischt.

Dem Reiz des schnellen Geldes können natürlich auch Privatanleger erliegen. Wer würde nicht gerne einmal in Sachen Kapitalanlage den Rat von Profis außer Acht lassen, ebenso wie die solide Finanzplanung und die breite Risikostreuung. Und stattdessen: Morgens günstig kaufen, nachmittags teuer verkaufen - und sich den Mut zum Risiko, wenn es denn gutgeht, durch stolze Gewinne belohnen lassen.

Anleger sollten besonders auf die Kosten achten

Natürlich sind auch die Verlustrisiken bei diesem Vorgehen enorm hoch. Wer an einem Tag zweistellige Kursgewinne mit der Allianz eingestrichen hat, kann diese Summe schon am nächsten Tag wieder verlieren - und noch mehr.

Außerdem sollten Anleger stets auf die Kosten achten, die bei ihrer Investmentstrategie anfallen. Für das Direktinvestment in Aktien fallen bei Online-Brokern auf den ersten Blick zwar nur vergleichsweise geringe Ordergebühren an. Doch diese Kosten summieren sich schnell zu hohen Summen: Wer jeden Werktag eine Aktienposition kauft und wieder verkauft, hat selbst bei Ordergebühren von zum Beispiel 9,90 Euro pro Trade binnen einer Woche rund hundert Euro Ordergebühren an seinen Online-Broker überwiesen. Die Verlustrisiken sind dabei noch gar nicht berücksichtigt. Hin und Her macht Taschen leer, heißt es dazu an der Börse.

Doch auch die Strategie der "ruhigen Hand" kann langfristig teuer werden. Die Kosten für einen klassischen, aktiv gemanagten Investmentfonds verbergen sich zwar nur im Kleingedruckten. Doch sie können sich im Laufe der Zeit oft zu enormen Beträgen entwickeln. Die Fondsmanagergehälter treiben die Gebühren in die Höhe, und nur wenigen Fondslenkern gelingt es, dies durch eine entsprechende Performance zu rechtfertigen.

Selbst Insider räumen die Problematik ein. "Die Kosten sollten durch eine langfristig gute Leistung des Fondsmanagements bestätigt werden", sagt etwa H. Willi Brand, Chef der Investmentgesellschaft HWB Capital Management und damit Herr über derzeit neun aktiv gemanagte Investmentfonds. "Wenn die Fondspreisentwicklung sich lediglich marginal von der Entwicklung seines Vergleichsindex unterscheidet, ist er sein Geld nicht wert", meint Brand.

Studien zeigen jedoch, dass die Mehrzahl der aktiven Fonds genau diese Erwartung nicht erfüllt. Viele bleiben hinter den von ihnen abgebildeten Märkten zurück. Und die wenigen Anlagevehikel, die ihre Benchmark schlagen, kennt im Voraus eben niemand.

"Sowohl theoretische Überlegungen als auch empirische Studien legen nahe, dass es kaum zu erwarten ist, durch aktives Management langfristig den Markt zu schlagen", sagt Hannes Peterreins, Vermögensverwalter aus München. "Natürlich gibt es Fonds, die in den letzen Jahren besser als der Markt waren. Das ist genauso möglich, wie fünfmal hintereinander eine Sechs zu würfeln. Man hat nur keine Garantie, dass bei den nächsten fünf Malen wieder nur Sechsen kommen."

Die Kostenbelastung solcher aktiven Aktienfonds dagegen steht von vornherein fest - und sie knabbert erheblich an der Performance. Wie stark die Beeinträchtigung tatsächlich ist, hat jüngst die Rating-Agentur Scope untersucht.

Von Agio bis Erfolgsgebühr: Knapp 10.000 Kosten im 15-Jahres-Zeitraum

Das Ergebnis der Scope-Untersuchung: Über einen Zeitraum von mehreren Jahren kommen aktiv gemanagte Aktienfonds im Schnitt auf einen noch höheren Kostenblock als die für ihren teuren Vertriebsapparat berüchtigten geschlossenen Fonds.

Wer beispielsweise 10.000 Euro in geschlossene Beteiligungen wie Immobilien- oder Schiffsfonds investiert, erhält bei einer angenommenen Rendite von sechs Prozent nach 15 Jahren laut Scope im Schnitt 18.182 Euro zurück. 5784 Euro dagegen verbleiben beim Fonds beziehungsweise bei dessen Initiator oder dem Vertrieb.

Steckt der Anleger jedoch die identische Summe in Aktienfonds, so bleiben ihm bei gleichen Renditeannahmen und gleicher Laufzeit am Ende laut Scope lediglich 17.458 Euro übrig. 6508 Euro muss der Anleger für Kosten und Gebühren berappen, angefangen vom Agio bis hin zur laufenden Verwaltungsgebühr.

Und damit nicht genug: Wird - wie bei vielen Fonds inzwischen üblich - eine Erfolgs- oder Performance-Gebühr für das Management in die Berechnung einbezogen, so reduziert sich der Ertrag nochmals dramatisch. Laut Scope zahlt der Anleger dann im Beispiel über 15 Jahre nicht weniger als 9922 Euro an Gebühren und Kosten - das sind 71 Prozent der eigentlich möglichen Erträge.

ETFs als Mittelweg

Gründe genug also, das Portfolio selbst zu managen - zumal in einem Umfeld wie zurzeit. Doch Vorsicht: Speziell an turbulenten Börsen ist das Timing von entscheidender Bedeutung, die Kunst also, den richtigen Moment für den Ein- sowie für den Ausstieg zu finden. Und die Erfahrung zeigt: Den richtigen Zeitpunkt zu finden, also mit Market-Timing Erfolg zu haben, ist für Privatanleger wie auch für Profis nahezu unmöglich.

Was also tun? Experten raten zum Mittelweg, und der hat vor allem einen Namen: ETFs. Die börsennotierten Indexfonds verbinden die Vorteile beider Welten, der Anleger kann sein Geld mit ihnen breit streuen, muss aber die hohen Kosten aktiver Fonds nicht zahlen.

So entfallen laut Scope im Beispielfall (10.000 Euro, angelegt über 15 Jahre, sechs Prozent Rendite) bei ETFs lediglich 1321 Euro auf die Kosten und Gebühren. Das sind nicht einmal zehn Prozent der möglichen Erträge.

Viele Experten überzeugt das. "Zur Reduktion von unsystematischen Risiken ist es erforderlich, dass ein Aktienportfolio hinreichend diversifiziert ist", sagt beispielsweise Michael Goldbacher von der Investmentberatungsgesellschaft Grenbell Advisors. "Um einfach von den Diversifikationseffekten zu profitieren, ist eine Investition in ETFs ratsam." Goldbacher räumt allerdings ein, dass der Anleger, um zum Beispiel attraktive Schwellenlänger im Small- und Mid-Caps-Bereich zu erschließen, um aktiv gemanagte Produkte mit hoher Kostenbelastung kaum herumkommt.

Auch Vermögensverwalter Peterreins plädiert "eindeutig für ETFs". Er betont allerdings, dass auch bei diesem Investmenttyp bestimmte Grundprinzipien nicht außer Acht gelassen werden sollten. Eine breite Diversifikation über viele Assetklassen hinweg, so der Fachmann, sei ebenso wichtig wie ein klar strukturiertes Risikomanagement. Vor allem an Letzterem hapere es oft.

In einem sind sich die Experten jedenfalls einig: Auch in turbulenten Phasen an den Märkten sollten die Anleger der Versuchung widerstehen und die Grundprinzipien der Kapitalanlage sowie ihre Investitionsziele nicht vernachlässigen. Im Klartext heißt das: Lieber nicht unter die Zocker gehen - das Risiko ist einfach zu groß.

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