Wochenausblick Börsen haben Talsohle noch nicht erreicht

Die meisten Börsenexperten warnen vor weiter fallenden Kursen, manche sehen aber schon Kaufgelegenheiten. Die Anleger stellen sich bereits auf eine drohende Rezession ein. Die Schätzungen der Unternehmensgewinne sind aber noch optimistisch.
Taumelnde Börse: Die Anleger stellen sich auf Rezessionsgefahr ein

Taumelnde Börse: Die Anleger stellen sich auf Rezessionsgefahr ein

Foto: dapd

Frankfurt am Main - Die Anspannung am Aktienmarkt wird sich nach Einschätzung von Börsianern so bald nicht lösen. "Der Markt wird sehr stark von psychologischen Faktoren beeinflusst, wobei die Grundtendenz nach unten zeigt", sagt Aktienstratege Carsten Klude von MM Warburg. Auch die Experten der Landesbank Berlin (LBB) raten zur Vorsicht. "Die Tiefs der Abschwungphase könnten noch nicht erreicht worden sein."

Seit Ende Juli hat der deutsche Leitindex Dax  - unterbrochen von kurzen Erholungsphasen - rund 2200 Punkte oder 30 Prozent eingebüßt. Allein in der vergangenen Woche belief sich das Minus auf knapp 7 Prozent. Am Freitag war der deutsche Leitindex nach einer Achterbahnfahrt mit einem Plus von 0,6 Prozent auf 5196 Punkten ins Wochenende gegangen. Für den US-Leitindex Dow Jones bedeutet das Minus von 6,4 Prozent den größten Wochenverlust seit Oktober 2008.

Die LBB sieht in dieser Talfahrt aber auch eine Chance, da die Bewertung der Aktien günstig sei. "Investoren, die zwischenzeitliche Verluste akzeptieren können, sollten bei Kursschwäche einen sukzessiven, vorsichtigen Einstieg in die Aktienmärkte ins Auge fassen."

Angesichts der allgegenwärtigen Rezessionsängste stehen wieder einmal Konjunkturdaten im Mittelpunkt.

Den Höhepunkt werden sicherlich am Donnerstag die endgültigen Zahlen zur US-Wirtschaftsleistung im zweiten Quartal bilden. Bei der zweiten Schätzung Ende August revidierte das Handelsministerium das Wachstum auf nur noch 1 Prozent. In einer ersten Prognose war das Wachstum noch auf 1,3 Prozent veranschlagt worden. Die US-Regierung senkte daraufhin ihre Prognose für das laufende Jahr drastisch. 2011 rechnet sie nur noch mit einer Steigerung des Bruttoinlandsproduktes um 1,7 Prozent. "So wie sich die Dinge derzeit entwickeln, werden wir bis zum Ende des vierten Quartals in der Rezession sein", sagt Analyst Barton Biggs von Traxis Partners.

Die Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe ebenfalls am Donnerstag und das Verbrauchervertrauen der Universität Michigan am Freitag bringen neue Erkenntnisse. Inzwischen geht an der Wall Street auch die Sorge um, dass die wirtschaftlichen Unsicherheiten an Firmen nicht mehr spurlos vorbeigehen.

"Wenn Analystenschätzungen stimmen, schon mal Champagner bestellen"

Bislang waren die Zwischenbilanzen trotz der schwachen Wirtschaft noch relativ gut ausgefallen. Die Gewinnwarnung von FedEx  am Donnerstag dämpfte jedoch die Erwartungen. Express- und Logistikkonzerne gelten als Gradmesser der konjunkturellen Entwicklung - als Laufburschen weltweit agierender Konzerne bekommen sie eine Eintrübung durch sinkende Sendungsmengen rasch zu spüren. Gut zwei Wochen vor dem Beginn der Berichtssaison, die am 11. Oktober traditionell der Aluminiumhersteller Alcoa  einläutet, fange der Markt daher an, sich auf schlechtere Ergebnisse einzustellen, sagten Analysten.

Daten von Thomson Reuters zufolge gehen Experten nur noch von Ergebnissteigerungen um 13,7 Prozent aus. Zuvor hatten sie 17 Prozent veranschlagt. Vielen erscheint aber selbst die gesenkte Prognose noch zu hoch. "Wenn diese Zahl der Wahrheit auch nur ansatzweise nahe kommt, können Sie den Champagner schon mal bestellen", sagt Howard Silverblatt, Analyst bei S&P.

MM-Warburg-Experte Klude dämpft Hoffnungen auf positive Impulse von deutschen Konjunkturdaten. "Wir erwarten eine Bestätigung, dass sich das Wachstum abschwächt. Einige Indikatoren deuten bereits auf eine Rezession hin." Volkswirt Christoph Balz von der Commerzbank erhofft sich dagegen Signale, dass die Wirtschaft an einer Rezession vorbeischrammt.

Den Zahlenreigen eröffnet der Ifo-Index am Montag. Von Reuters befragte Analysten sagen für September einen Rückgang des deutschen Stimmungsbarometers auf 106,9 Punkte von 108,7 Zählern voraus. Daneben stehen die Zahlen zum Verbrauchervertrauen in Europa (Donnerstag) auf der Tagesordnung.

Das zweite Dauerbrenner-Thema - die europäische Schuldenkrise - bleibt dem Aktienmarkt in der neuen Woche ebenfalls erhalten. Fortschritte oder Rückschläge bei der Problembewältigung werden sich voraussichtlich, einer Fieber-Kurve gleich, direkt am Dax-Kurs ablesen lassen. Vor diesem Hintergrund richten sich die Blicke am kommenden Donnerstag auf Berlin. An diesem Tag soll der Bundestag über die Auszahlung weiterer Hilfen für Griechenland entscheiden. Eine Mehrheit gilt als sicher, da SPD und Grüne bereits Zustimmung signalisiert haben. Die entscheidende Frage wird sein, ob Bundeskanzlerin Angela Merkel diesen Antrag auch ohne Stimmen der Opposition - mit der sogenannten Kanzlermehrheit - durchgebracht hätte. Auf Unternehmensseite ist die Terminlage dagegen dünn. Am Donnerstag will der Baumarkt-Betreiber Hornbach  seine Quartalsbilanz vorlegen.

ak/rtr
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