Dax-Geflüster Der Preis der Sicherheit

Wenn Aktien trotz milliardenschwerer Hilfsprogramme in die Tiefe gerissen werden, haben angeblich sichere Produkte Hochkonjunktur. Doch Sicherheit hat ihren Preis: Investments in Anleihen und Alternativen Anlagen schützen nicht vor Verlusten - wie der aktuelle Einbruch der "Krisenwährung" Gold zeigt.
Von Arne Gottschalck
Dax-Kurve: Erst vollzog die US-Notenbank den Twist. Nun sind es die Märkte.

Dax-Kurve: Erst vollzog die US-Notenbank den Twist. Nun sind es die Märkte.

Foto: Frank Rumpenhorst/ dpa

Die Schildkröte weiß Bescheid. Zumindest in der Werbung kroch sie eine ganze Zeit durch Magazine und Zeitungen und legte den Deutschen nahe, in Anleihen der Bundesrepublik Deutschland zu investieren - der Sicherheit wegen. Damit trifft das Reptil den Nerv der Zeit. Denn die Börsen zucken mal in die eine, mal in die andere Richtung. "Es fällt derzeit einfach schwer, optimistisch zu sein", sagt Chris Childs, Fondsmanager der F&C Investments. Und so suchen die Investoren Sicherheit - eine Sicherheit, die sie teuer zu stehen kommen könnte.

Zum Beispiel Gold. Gut eine Milliarde US-Dollar flossen im August allein in Europa in Edelmetall-ETFCs, listen die Statistiken des Anbieter Blackrock auf. Seit Anfang des Jahres sind es gut vier Milliarden Dollar. Auch Goldmünzen und Goldbarren sind weiterhin beliebt.

Goldpreis hat kräftig nachgegeben - trotz Euro-Krise

Dabei ist Gold nur eine Art Stützpfeiler fürs Depot: Gold bringt weder Zinsen oder Dividenden, und die Schwankungen beim Goldpreis haben wieder stark zugenommen. Innerhalb dieser Woche ist der Goldkurs um rund 8 Prozent eingebrochen und am Freitag zeitweise unter die Marke von 1700 US-Dollar gefallen. So stark war der Kurs zuletzt im August 2008 eingebrochen. Der Preis der Sicherheit liegt also im hohen Einstiegspreis ohne Gewähr der Stabilität.

Anleihen, allen voran die deutschen Bundesanleihen sind eine andere Form der Sicherheit. Denn ein Ausfall der Bundesrepublik ist, zumindest auf absehbare Zeit, unwahrscheinlich, weswegen das Land noch immer die Bestnote der Ratingagenturen trägt, das AAA. Genau deswegen muss Deutschland auch so niedrige Zinsen zahlen. Aktuell sind das für zehnjährige Anleihen 1,75 Prozent. Zu Beginn des Jahres waren es noch 2,98 Prozent.

Anleihenrendite auf Rekordtief

Stellt man der Anleihenrendite von 1,75 Prozent die aktuelle Inflation von 2,4 Prozent sowie die Steuerbelastung gegenüber, wird klar, dass Investoren mit solchen Staatsanleihen Geld verlieren. Der vermeintlich niedrige Preis für Sicherheit erweist sich damit als hoch.

Aktien, so die Lehrmeinung über Jahre, bringen auf lange Sicht höhere Renditen als Anleihen. Doch soll man bei den aktuellen starken Schwankungen einsteigen? So liegt das Volatilitätsbarometer VIX, das die in der nahen Zukunft erwartete Volatilität des S&P 500 in eine Kennzahl fasst, aktuell bei über 37. Anfang des Jahres lag der VIX nur bei etwas über 17.

Marktschwankungen eröffnen auch Chancen. Value-Anleger kaufen Aktien mit einem Abschlag, der "margin of safety". Der verschafft ihnen einen Puffer für die Schwankungen. Und Männer wie Warren Buffett haben mit dieser Methode ein Vermögen aufgebaut. Doch das funktioniert nur, wenn sich die Märkte wieder beruhigen und die börsennotierten Unternehmen ihre Kursverluste auf lange Sicht wieder aufholen.

Eine Erholung kann jedoch auf sich warten lassen. In den 70 Jahren zum Beispiel hat sich der US-amerikanische Börsenindex Dow Jones  zehn Jahre seitwärts bewegt. Und wer im August zu vermeintlich "günstigen" Kursen in den Aktienmarkt eingestiegen ist, hat gelernt, dass man auch als "Schnäppchenjäger" binnen weniger Wochen viel Geld verlieren kann: Die jüngste Operation Twist der US-Notenbank ließ Dax und Dow in dieser Woche erneut absacken.

Alternative Anlagen als Patentrezept?

Kein Wunder also, wenn die Finanzhäuser für alternative Anlagen trommeln. Diese Papiere wurden lange als Wunderwaffe verkauft, die in allen Marktphasen Gewinne erzielen können. "Alternative Anlagen wurden lange Zeit als Patentrezept für Anlegerportfolios angesehen", sagt Kier Boley, Investmentmanager bei GAM. In der Theorie können Hedgefonds und Investmentfonds, die ähnliche Strategien verfolgen, mit fallenden Aktiennotierungen verdienen oder mit den kleinen Preisabweichungen, die die Notierung einer Aktie an verschiedenen Börsen aufweist. Doch so einfach ist das nicht.

Denn nicht jede Strategie wirft in jeder Phase Geld ab. Im August beispielsweise haben Investoren mit der Strategie Merger Arbitrage, der Konzentration auf Firmenübernahmen, nach Berechnungen des französischen Instituts Edhec Geld verloren. Das Geschäft mit fallenden Aktienkursen, Short Selling, legte um mehr als 6 Prozent zu.

Jede Strategie funktioniert also nur in bestimmten Phasen, keine schützt durchgängig vor Verlusten. Außerdem sind die entsprechenden Fonds deutlich teurer als reine Aktienfonds, weil sie eine zusätzliche Erfolgsgebühr in Rechnung stellen. Der Preis der Sicherheit bedeutet also auch einen Aufpreis gegenüber den Kosten klassischer Produkte. Bei anderen Finanzprodukten, die eine Garantie gewähren, liegt dieser Preis darin, dass die Garantie zwar das Schlimmste verhindert, die Chancen aber in einer Aufwärtsphase beschränkt sind.

Ist dieser Preis zu hoch? Diese Frage muss jeder Anleger selbst beantworten. Das Geld unter dem Kopfkissen zu deponieren, würde Anleger sogar vor einem möglichen Bankencrash schützen. Das wäre dann Sicherheit um jeden Preis.

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